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Goethes Farbenlehre Die Taten und Leiden des Lichts

20.07.2010 ·  Vor zweihundert Jahren ist die bis heute umstrittene „Farbenlehre“ erschienen. Jetzt will eine große Ausstellung in Weimar die Besucher die Kunst lehren, wie Goethe mit den Augen zu denken.

Von Hubert Spiegel
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Es war ein Unternehmen, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte, und es sollte zur Lösung eines Rätsels führen, das so alt war wie die Welt. Um es zu verwirklichen, sollten die besten Männer und die gelehrtesten Köpfe ihrer Zeit versammelt werden: „Chemiker, Physiker, Mathematiker, Mechaniker, Naturhistoriker, Maler, Historiker, Kritiker, Anatom und Philosoph“ sollten gemeinsam ein Buch schreiben, das von den weltumspannenden „Taten und Leiden“ eines unvergleichlichen Helden erzählte. Dieser Held war - das Licht. Als seine Taten und Leiden aber sollten die Farben verstanden werden.

Fast sein ganzes Leben lang hat sich der Dichter mit naturwissenschaftlichen Phänomenen beschäftigt, und die vor zweihundert Jahren erschienene Schrift „Zur Farbenlehre“ kann in dieser Hinsicht als Gegenstück zur „Faust“-Dichtung gelten, an der Goethe mehr als sechs Jahrzehnte lang immer wieder arbeitete. Im Jahr 1791 veröffentlichte er den ersten Teil der „Beiträge zur Optik“, wenig später entstand der Plan, den Phänomenen des Lichts und der Farben in einem großangelegten Wissenschaftsprojekt auf die Spur zu kommen. Es war ein ungeheuer moderner Gedanke: Goethe dachte interdisziplinär, er wollte die führenden Köpfen seiner Zeit um sich versammeln. Aber schon bald machte ihm sein Freund Schlosser deutlich, wie schwer es sein würde, andere Menschen für diese Pläne auch nur zu interessieren, geschweige denn, sie zur Mitarbeit zu bewegen.

Fünf Jahre später hat Goethe jede Hoffnung auf Unterstützung endgültig aufgegeben. In einem Brief an Schiller vom Januar 1798 kündigt er an, überhaupt nur noch mit zwei Menschen auf der Welt über seine Arbeiten zur Farbenlehre sprechen zu wollen. Stattdessen werde er künftig ganz für sich allein „immer sachte fortarbeiten“. Er hielt Wort, und zwölf Jahre später, 1810, erschien das Werk, das sein umfangreichstes werden sollte, sein umstrittenstes und sein mutigstes.

Von der Freiheit der sinnlichen Anschauung

Denn es gehörte zweifellos Mut dazu, es mit Newton aufzunehmen, dem Begründer der klassischen Mechanik und der modernen Naturwissenschaften. Newton hatte dargelegt, dass die Farben „im Lichte stecken“, wie Goethe abschätzig formulierte, und seine Nachfolger suchten nach abstrakten Erklärungsmodellen für die Entstehung der Farbe, als deren Ursache sie die Brechung des Lichts ausgemacht hatten. Goethe ging anders vor. Er wehrte sich gegen die Vorstellung, die sinnliche Welt unterliege berechenbaren Gesetzen.

Dass der Kern von Goethes Widerspruch gegen Newtons Lehre darauf abzielte, dem Machtanspruch einer Naturwissenschaft entgegenzutreten, die angefangen hatte, sich die Welt zu unterwerfen, indem sie alle ihre Phänomen als berechenbar und erklärbar darstellte, wurde lange Zeit nicht verstanden. Noch der Nobelpreisträger Werner Heisenberg wollte den Widerspruch zwischen Goethe und Newton einebnen, als er sagte, dass sich beider Theorien wie „verschiedene Schichten der Wirklichkeit“ zueinander verhielten. Erst Carl Friedrich von Weizsäcker stellte 1960 die These auf, dass Goethe die Gegenposition zu Newton als so fundamental betrachtete, dass er sogar wider besseres Wissen jegliches Zugeständnis verweigerte. Weizsäcker schrieb damals, er habe nur eine Erklärung dafür, dass Goethe Newtons Lehre vierzig Jahre lang in einigen zentralen Punkten missverstanden hatte: „Er irrte, weil er irren wollte.“

Im selben Licht lässt sich ein Satz des späten Goethe aus dem Jahr 1826 lesen: „Ich ehre die Mathematik, als die erhabenste und nützlichste Wissenschaft, solange man sie da anwendet, wo sie am Platze ist; allein ich kann nicht loben, dass man sie bei Dingen missbraucht, die gar nicht in ihrem Bereich liegen und wo die edle Wissenschaft sogleich als Unsinn erscheint. Und als ob alles nur dann existiere, wenn es sich mathematisch beweisen lässt.“

Ästhetische Wissenschaft

Wenn es darum ging, die Welt der sinnlichen Phänomene vor dem Zugriff kalter Rationalität zu bewahren, ging Goethe keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Der Vorwurf, er argumentiere unwissenschaftlich, zielte ins Leere, denn Goethe sah sich als Begründer einer höheren Form der Wissenschaft. Würde die Physik jemals in der Lage sein, zu erklären, warum wir Farben mit Charaktereigenschaften oder Gefühlslagen in Verbindung bringen? Goethe untersuchte nicht nur katoptrische oder epoptische Farben oder die chemische Wirkung bei der dioptrischen Achromasie, sondern er widmete der „sinnlich-sittlichen Wirkung der Farbe“ ein eigenes Kapitel, die sechste Abteilung des ersten Bandes, wo es zu Beginn heißt: „Die Menschen empfinden im Allgemeinen eine große Freude an der Farbe. Das Auge bedarf ihrer, wie es des Lichtes bedarf.“

Eine Theorie, die für den Menschen oder die Freude, die er zu empfinden imstande ist, weder Sinn noch Gespür oder auch nur Interesse hat, galt es zu bekämpfen. In seiner Polemik gegen Newton war Goethe denn auch nicht zimperlich. Der „Newtonische Irrtum“, so schrieb er, stehe so nett im Konversationslexikon, das man die Seite nur auswendig lernen müsse, „um die Farbe für's ganze Leben los zu sein“. Den Experimenten der Gegenseite warf er vor, sie seien falsch aufgebaut oder mangelhaft ausgeführt oder beides. Besonders verärgerte ihn der „gewaltsame“ Versuch, das Licht mit Hilfe eines Prismas in die Farben des Regenbogens zu legen und so den Beweis über die verschiedenen Farbanteile des Sonnenlichts zu führen. Das lief seiner Theorie zuwider, der zufolge das Sonnenlicht unveränderlich war und die Farben durch das Zusammenspiel von Licht und Finsternis entstanden. Er dachte wie stets in Gegensätzen, die er in seiner Person wie in seinem Werk zur Synthese bringen wollte.

Wider den klassifizierenden Geist

Aber nicht nur auf den Gebieten Mathematik und Physik stellte sich Goethe gegen die Lehrmeinung seiner Zeit. In seinen Schriften zur Morphologie folgte er der Idee der Urpflanze und bezog damit Position gegen einen anderen großen Naturwissenschaftler, den Botaniker Linné, dessen System zur Bestimmung von Pflanzen sich durchgesetzt hatte. Linné untersuchte die einzelnen Merkmale von Pflanzen, um sie voneinander unterscheiden zu können. Linné wollte die Pflanzen identifizieren und klassifizieren, Goethe wollte sie verstehen. Ein Anspruch, der bescheidener, humaner erscheint, aber zugleich auch weit radikaler ist.

Goethe, so schrieb Carl Friedrich von Weizsäcker, „sah mit denkenden Augen“, und die große Ausstellung zum Jubiläumsjahr der „Farbenlehre“ im Goethe-Nationalmuseum in Weimar, gibt sich jede erdenkliche Mühe, ihre Besucher in diese Kunst einzuführen. Die naturwissenschaftlichen und wissenschaftshistorischen Erläuterungen sind prägnant, und was getan werden kann, um das Ereignis in Goethes Sinn zu würdigen, also auch sinnlich erfahrbar zu machen, was abstrakt beschrieben wird, das wurde hier getan. Goethes praktische Versuche zu physiologisch, physikalisch und chemisch erzeugten Farben können von den Besuchern nachvollzogen werden, und die wenigen, meist simplen Apparaturen, die Goethe benutzte, sind nicht nur zu sehen, sondern stehen als Nachbauten für eigene Experimente zur Verfügung.

Goethes Entdeckungen, etwa zur Adaptation oder während der 1798/99 erfolgten Versuchsreihe zur Farbenblindheit, werden ausführlich beschrieben. Die Aquarelle, mit denen die Probanden getestet wurden, malte Goethe selbst, während er allen Hilfsmitteln, die nicht so leicht herzustellen waren, eher ablehnend gegenüberstand. Seine Überzeugung, dass die subjektive sinnliche Wahrnehmung von Naturphänomenen am Anfang aller Erklärungsversuche stehen müsse, war so stark, dass er bei seinen Arbeiten auf optische Geräte weitgehend verzichtete und weder Mikroskop noch Teleskop benutzen wollte. Selbst die simple Brille bereitete ihm solches Unbehagen, dass kaum jemand sie in seiner Gegenwart zu tragen wagte. Dabei dürfte er mit seinen Augen vermutlich besser gedacht als gesehen haben: Er habe, gestand er einmal freimütig, zwar „kein eigentlich scharfes Gesichte“, aber dafür die „Gabe, die Gegenstände anmutig zu sehen“.

Augengespenst und Urphänomen. 200 Jahre Goethes Farbenlehre. Goethe-Nationalmuseum, Weimar. Bis 19. Juni 2011.

Quelle: F.A.Z.
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