http://www.faz.net/-gqz-8jdf2

Glavinic vs. Sargnagel : Wiener Mopsposse mit Schmäh

Wer hat den höheren Stapel? Etwa der „sprechende Rollmops“ (Th. Glavinic) Stefanie Sargnagel? Bild: dpa

Dass man ausgerechnet im virtuellen Raum um den realen Körper nicht herumkommt! Wie sich die Schriftsteller Thomas Glavinic und Stefanie Sargnagel am Zeug flicken.

          Rainald Goetz musste sich in Klagenfurt noch die Stirn blutig ritzen, um die Zurichtung des eigenen Körpers, die ein öffentliches Wettlesen wie der Bachmannpreis immer auch bedeutet, vor Augen zu führen. Dreißig Jahre später genügt der österreichischen Autorin Stefanie Sargnagel eine verspiegelte Sonnenbrille, um der live im Fernsehen übertragenen Preisverleihung ein subtiles Moment von Irritation unterzujubeln. Denn das Brillenglas war an einer Stelle mit Pflaster verklebt. Der Selbstschutz, der in Wahrheit keiner ist, sondern längst brüchig, ist so etwas wie der Kern von Sargnagels manifester Ich-Prosa. Es war daher mehr als Spielerei, dass die Autorin, die im Internet bekannt geworden ist, ausgerechnet ein solches Spiegelmoment für sich als Kunstfigur wählte. Denn auch das digitale Terrain, auf dem sie sich überwiegend aufhält, ist längst zu einem ungemütlichen Ort geworden.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was einst als Versprechen auf Transparenz und Teilhabe gefeiert wurde, ist einem Klima der Aggression und Hysterie gewichen. Natürlich gibt es Pöbeleien und Ausfälle auch im echten Leben. Aber nirgendwo wird in solcher Drastik niedergemacht, weil das Netz derlei durch seine Struktur ins Monströse wendet. In Österreich wird nicht nur der neuerliche Wahlkampf um das Bundespräsidentenamt im Netz mit aller Härte geführt. Auch Schriftsteller polemisieren inzwischen nach Kräften, und Stefanie Sargnagel ist mittendrin.

          Oder lieber den Penis ins Internet stellen

          Gerade hat sie der österreichische Kollege Thomas Glavinic zu seinem Hassobjekt erkoren, als er sie bei Facebook als „talentfreie Krawallnudel“ bezeichnete. Sie hätte es durchrauschen lassen können als die übliche Literaturbetriebsrumpelei; doch Sargnagel ließ erwartungsgemäß nicht lange auf eine Antwort warten und fragte, ob Glavinic nicht lieber seinen Penis ins Internet stellen oder auf ein Bier mit Heinz-Christian Strache, dem Bundesparteiobmann der Freiheitlichen, gehen wolle.

          Oder der Autor Thomas Glavinic, der vielleicht doch lieber „seinen Penis ins Internet stellen“ (S. Sargnagel) sollte?
          Oder der Autor Thomas Glavinic, der vielleicht doch lieber „seinen Penis ins Internet stellen“ (S. Sargnagel) sollte? : Bild: Frank Röth

          Damit spielte sie auf einen umstrittenen Facebook-Eintrag des Autors Glavinic an, der vor der ersten österreichischen Bundespräsidentenwahl im Mai vor „Selbstgefälligkeit und moralischer Selbstüberhöhung“ der Linken in der Auseinandersetzung mit der FPÖ und Norbert-Hofer-Wählern gewarnt hatte. Strache hatte dies wiederum auf seiner Facebook-Seite geteilt, woraufhin Glavinic FPÖ-Nähe unterstellt wurde. Er hingegen begründete in diversen Interviews seine Einlassung damit, dass er sich insbesondere von den Linken wünschte, dass sie sich hinsichtlich der FPÖ „in ihrer Rhetorik bremsten“ und zu mehr Reflexion in der Lage wären.

          Ein sprechender Rollmops

          Im Streit mit Stefanie Sargnagel aber mochte er sich nicht an die eigene Maxime halten. „Wieso kann ein sprechender Rollmops meine Seiten verschweinen?“, ätzte der Wiener Sprachkünstler gerade. Und weiter: „Ich muss endlich irgendein Genie diese Dinge abstellen lassen.“ Damit ging Glavinic nicht nur in den Beleidigungsmodus von FPÖ-Anhängern über, die mit Stefanie Sargnagel seit längerem online ihre Scharmützel austragen und dabei immer wieder auf ihr Äußeres anspielen.

          Thomas Glavinic hat zudem den bislang vor allem im Angelsächsischen diskutierten Begriff des „fat-shaming“, also der Herabsetzung von Übergewichtigen, in die deutschsprachige Debatte gebracht. Erst unlängst fragte der britische „Guardian“: „Ist ,fat-shaming‘ die letzte akzeptable Form von Diskriminierung?“ Anlass war der weltweite Spott, der im Internet über einen übergewichtigen Briten ausgeschüttet wurde. Bei einem Konzertbesuch war er heimlich beim Tanzen gefilmt worden, der Clip ging kurze Zeit später online.

          Einmal abgesehen davon, dass Stefanie Sargnagel recht normal aussieht, nur eben nicht so spindeldürr ist wie die Hungerkünstlerinnen aus der Modebranche, ist die Grenze zwischen Witz und Moral vage. Doch hat es eine paradoxe Logik, dass man ausgerechnet im virtuellen Raum offensichtlich um den Körper nicht herumkommt.

          Eine zopfige Vorstellung von Weiblichkeit

          Auch die Sargnagelsche Kunstfigur spielt ja damit, die mit Peinlichkeit so wenig ein Problem hat wie mit Selbstbezichtigung und Konfrontation – auch war sie es, die Glavinics Körper ins Spiel gebracht hatte. Dass Sargnagel aber keinesfalls in das Beuteschema von Thomas Glavinics Protagonisten fällt, ist jedem klar, der einen Blick in seine Bücher wirft. Denn die zentrale Frauenfigur, die sich durch sein gesamtes Werk zieht, trägt nicht nur den göttlichen Namen Marie. Sie ist tatsächlich ein nahezu engelsgleiches Wesen, von dem sich der zentrale Protagonist Jonas Rettung erhofft. Mit dieser zopfigen Vorstellung von Weiblichkeit hat die Kunstfigur Stefanie Sargnagel nichts gemein.

          Weil sie irritiert und provoziert und weil sie böse sein kann. Aber ihr Blick auf die Welt ist kein zynischer, sondern das Ich ist eingereiht, weil es immer auch um weibliche Selbstbehauptung geht. Und ihr Witz trifft ins Mark. Das bekam die FPÖ zu spüren, als der Kandidat der freiheitlichen Partei, Norbert Hofer, bei einem Fernsehduell vor der ersten Wahl im Mai eine verpflichtende Bedenkzeit für Frauen gefordert hatte, die abtreiben wollen. „Ich glaub, ich setz die Pille ab, nur damit ich noch ein paar mal abtreiben kann, bevor Hitler Bundespräsident wird“, kommentierte dies Stefanie Sargnagel. Auf der Facebook-Seite der FPÖ Burgenland sei daraufhin, wie die Wiener Tageszeitung „Kurier“ schreibt, zu lesen gewesen: „Leider hat Hitler Sprengnagel vergessen für die g.....Kammer“. Erst nach Stunden sei der Satz entfernt worden.

          Auch in der Wiener Mopsposse entlarvt Stefanie Sargnagel mit einem Foto, das sie online stellte, worum sich dieser Streit eben auch dreht: Das Foto zeigt einen Stapel in einer Buchhandlung, auf dem sie ihre Bücher über die von Thomas Glavinic getürmt hat – es geht darum, wer den größeren Stapel hat.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Alles auf Kurz!

          Österreich vor der Wahl : Alles auf Kurz!

          Verkehrte Welt in Österreich: Im Wahlkampf tritt Außenminister Kurz auf, als müsste er einen Vorsprung verteidigen. Amtsinhaber Kern erscheint dagegen als Herausforderer. Wie kann das sein?

          Das Geheimnnis der singenden Mäuse Video-Seite öffnen

          Verhaltensforschung : Das Geheimnnis der singenden Mäuse

          Ein Wiener Forschungsteam hat das für Menschen nicht wahrnehmbare Gezwitscher von Mäusen mit einem Ultraschallmikrofon hörbar gemacht. Nun wollen sie herausfinden, warum die Tiere singen.

          Topmeldungen

          Er hat sicher seinen eigenen. Kim Jong-un, wie ihn die „Human Rights Watch Foundation“ bei einem Hackertreffen Ende Juli in Las Vergas dargestellt hat.

          Nordkoreas Cyberarmee : Global einsatzbereit

          Wer dem Kim-Regime keine komplexen Hackerangriffe zutraut, täuscht sich gewaltig. Der Krieg im Netz bietet Pjöngjang, was es braucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.