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Dankrede von Rainald Goetz : Diese gigantische Kaputtheit

  • Aktualisiert am

Und eins merk dir genau: die Wiener Band Wanda, aus deren Lied „Bologna“ die Schlusswendung der Büchnerpreis-Rede von Rainald Goetz zitiert. Bild: Seayourecords

„Wie wollen wir leben?“, fragt Rainald Goetz in seiner Dankesrede zur Verleihung des Büchnerpreises. Die F.A.Z. dokumentiert sie exklusiv.

          Jugend,

          sehr geehrte Damen und Herren,

          verehrte Akademie,

          Spatz und Saturn, Wahn und Wirresein, Klarsicht, frei sein, Brutalität: jeden Herbst neu kann man sich daran freuen, daß Georg Büchner JUGEND heißt; und der Georg-Büchner-Preis im Widerspruch dazu AKADEMIE. Diese Spannung zwischen Jugend und Akademie, die der Preis feiert, erzeugt einen Teil seiner Leuchtkraft, sie kommt aus der Ferne und Gegensätzlichkeit dieser Welten. Der prekäre Akt der gesellschaftlichen Selbstaffirmation, wie er sich in der Preisvergabe ereignet, wird so vielleicht erträglich, durch die Anrufung des Gegenteils.

          Wie wollen wir leben? Irr, fanatisch, destruktiv, schreit die Schrift, böse, ideal und realistisch kaputt. Was muß ich denken, um richtig zu verstehen, was ich fühle, wenn ich sehe, was passiert? Gar nichts, Haß, Delirien der Negativität. Die Diktatur der Schrift regiert ein Reich der Finsternis. Thomas Bernhard hat diese Urwahrheit in seiner Büchner-Rede benannt, hat zwanzigmal Tod, Verrücktheit und infame Lüge gesagt, fertig war die kürzeste und denkbar schönste Rede hier. Das war 1970. Darüber macht man sich heute eher lustig. Ich finde das falsch.

          Jugend hat die Gesellschaft erobert, verwandelt, verbessert und ist selbst dabei kaputt gegangen, immer wieder. Peter Hein im neuen Fehlfarben-Video: Davon geht nicht die Welt nicht unter, daß man sie zerstört. Und zeigt beim Singen sein unfaßbar zerstörtes eigenes Gesicht vor, das an die Houellebecqsche Selbstzerstörtheitsdemonstration heranreicht. Schau dir an, Gesellschaft, sagen die Gesichter dieser Künstler, was aus dem Ich hier wird. Der totale Ruin.

          All das macht einen kaputt

          Diese gigantische Kaputtheit: entsteht aus lauter kleinen schlechten Erfahrungen, die man dauernd mit sich selbst und anderen macht, und es werden im Lauf des Lebens immer mehr. Das schlimmste an ihnen ist ihre totale Banalität. Das macht sie unerzählbar. Uwe Nettelbeck und Jörg Schröder haben den Versuch gemacht, die übliche Verkommenheit der Leute im Umgang miteinander zu dokumentieren, sind damit gescheitert. Es reicht nicht, den Schwachsinn vorzuführen, der Text muß ihn geistig erschließen, genau das kann die Position Querulant aber nicht leisten. Auch kein Zynismus, kein programmatischer Affirmationismus, keine noch so nachsichtsvolle Großzügigkeit, die alles souverän hinnimmt, kann den ganzen Erfahrungsdreck in irgendetwas Konstruktives verwandeln. Er sammelt sich in einem an, wird zu scheußlichen Gefühlen, falschem Denken, zu Ressentiment, Menschenverachtung und Skepsis. All das macht einen kaputt, zuerst am Geist, der Körper zeigt es vor.

          Wie reagiert die Kunst darauf? VERZWEIFELT. Selten wird es gesagt: In welchem Ausmaß die Produktion von Kunst, die ein Element des Ekstatischen braucht, durch das Altern beschädigt, ruiniert, verunmöglicht wird. Das Leben zerstört die innere Stimme. Der Maßstab, dem ich mich früher nur öffnen mußte, um zu erfahren, was ich muß, soll, kann und darf und was nicht, ist verschwunden, es gibt da kein Ich mehr. In der Literatur, wo das Ich der Schrift alles ist, sind die Folgen katastrophal. Eine für Produktion desaströse Unsicherheit resultiert. Nie war ich mir beim Schreiben so unsicher wie heute, täglich bin ich damit konfrontiert, heute, seit fünfzehn Jahren. Das Ich ist aus mir hinaus ausgewandert und in die Welt hinein, dort steht es mir fremd gegenüber, zum Verwechseln ähnlich den vielen anderen da draußen, und kein noch so aufmerksames, dem Weltich zugewendetes Fragen und Hören ergibt eine Antwort, die man unterscheiden könnte vom Text der anderen, die einem da gegenüberstehen. Das Schreiben altert nicht gut. Man erfährt es an sich selbst, sieht es an vielen Beispielen anderer. Man sieht Lähmung und Selbstplagiat, ranzig hochfahrendes Herrenmenschentum, forcierte Experimentalität und enthemmte Geschwätzigkeit, und geht selbst durch alle diese Stationen des Falschen.

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