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Gewinnertext Klagenfurt 2015 : Nora Gomringer: „Recherche“

  • -Aktualisiert am

Siegreich beim Wettlesen: Nora Gomringer in Klagenfurt Bild: Puch Johannes

In einem Mehrfamilienhaus hat sich ein dreizehn Jahre alter Junge in den Tod gestürzt. Wer trägt die Schuld? Am Ende gar der Leser? Eine Verschwörungskomödie mit vielen offenen Fragen.

          Ist das Mikro an? Test, Test.

          Ist das Mikro an? Ok, also ich hoffe, so geht’s.

          Hallo. Hallo. Erster Tag.

          Mein Name ist Nora Bossong, ich schreibe einen Text beziehungsweise Shit.

          Mein Name ist Nora Bossong, das hier ist die Recherche zum Text „Der Gott der verlorenen Dinge“. Ok. 

          Erster Tag.

          Ausschlag. Ok. Recording läuft. Ok.

          Ich besuche Familie Terp. Frau Terp lebt mit ihrer Tochter Evelyn im 5. Stock, Gönnerstraße 18.

          Sie trägt einen roten Mantel, als sie an unserer Tür klingelt. Und sie ist so schmal, dass ihr roter Mund wie ein breiter Briefschlitz in ihrem Gesicht aussieht. Sie soll knapp über dreißig sein. Sie sieht aus wie knapp über 12. Mama!, rufe ich, ohne dabei mein Gesicht von ihr abzuwenden. Wie ich es in Psychothrillern gesehen habe, lege ich den Kopf etwas schräg und sehe sie an. Intensitäten aufbauen. Intensiv sein. Herr Mack sagt das immer. Hier kann ich das mal üben. Mama!

          Eve, musst nicht so schreien, so rufen. Ich bin schon da. Guten Tag, kommen sie rein, Frau Bossong. Eve, mach mal Platz und lass Frau Bossong hereinkommen. Hier entlang, kommen sie nur rein. Schuhe können sie anlassen, ich hab eine Zugehfrau, die kommt einmal die Woche, damit wir die Schuhe anlassen können. Ist alles gut.

          Frau Terp, vielen Dank, dass sie mich empfangen in ihrer Wohnung. Mit Evelyn, ihrer Tochter, sitzen wir nun auf dem Sofa und können hinaussehen bei klarem Himmel über die Dächer der Stadt. Die Aufnahme läuft. Ab jetzt nehme ich alles auf, was sie mir erzählen möchten. Sagen sie mir, wo sein Zimmer war?

          Eve, geh doch bitte noch mal schnell die Kaffeesahne holen, die hab ich rechts beim Herd abgestellt. – Moment bitte! Siehst du sie? Bring die im kleinen Krugding, ist so ein Kännchen. Ja, genau.  Bring die.

          Ich bewege mich langsam, will dass diese Frau Bossong spürt, dass ich nicht so einfach zu durchschauen bin, dass ich mehr bin als die Oberfläche meiner 22 Jahre. Ob sie sehen kann, dass ich nicht weiß, wie man einen Mann oral befriedigt? Also von der Theorie her weiß ich’s schon, aber so richtig, mein ich. Ob sie sieht, dass ich ein bisschen Schuld trage, aber nur ein bisschen? Also im Vergleich. Ob sie die Gefahr sieht, in der sie hier schwebt?

          Entschuldigen Sie bitte. Sie fragten?

          Nach seinem Zimmer.

          Ach ja. Hier die Sahne!

          Und während zwei der drei Frauen eine traurige, wunderliche Geschichte in ein kleines Gerät sprechen, werden vor dem Gebäude die restlichen Blumensträuße entfernt. Ein, zwei Teddybären liegen noch herum, die Felle vom Regen verklatscht. Und es steht ein Mann mit fischgrätigen Zähnen nahe der Erle, dessen Kiemen sich spreizen, der unter Wasser wie an Land atmen kann, den keiner kennt, den nur wenige sehen, wenn sie ihn ansehen. Einer, der viel Zeit hat. Und in diesem Übermaß an Zeit Menschen beobachtet. Manchmal auffrisst.

          Das Gespräch mit Frau Terp hat mich ratlos gemacht. Trotzdem bleibe ich beim gefassten Plan, die verschiedenen Stockwerke abzufragen. Die Leute zu interviewen, die mir öffnen. Vielleicht muss ich am Ende noch mal zu Terps hinauf, um Fragen zu eruieren. Warum im selben Haus, die Familie ohne Mutter, warum hier, hat denn keiner? Fragen solcher Art.

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