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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gespräch mit einem Antiquar Haben Sie Angst vor dem E-Book, Herr Tenschert?

 ·  Er besitzt über zweihundertfünfzigtausend Bücher aus neun Jahrhunderten: Ein Gespräch mit Heribert Tenschert über Zensur von Stundenbüchern, den frommen Gebrauch und den Beitrag von E-Books zur Bibiophilie.

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Heribert Tenschert ist Herr des unvergleichlichen Antiquariats Bibermühle. Das Aufnahmegerät lehnt während unseres Gesprächs in seinem Arbeitszimmer an einem Buch aus dem Jahr 1607, einem Folioband in rotem Maroquinleder.

Wie alt ist das älteste Buch, das Sie zurzeit besitzen?

Ich habe ein Buch, das um das Jahr 1100 in Norddeutschland geschrieben und etwa achtzig bis neunzig Jahre später mit Miniaturen versehen wurde, ein Mixtum Compositum also, aber fast noch mit den großen Handschriften der karolingischen oder ottonischen Zeit vergleichbar.

Dieses Buch ist neunhundert Jahre alt. Wie lange wird es noch halten?

Solange die Menschen es zulassen. Es ist, nach menschlichen Maßstäben gemessen, unsterblich. Die großen Bücher jener Zeit sind aus dem wunderbarsten, dauerhaftesten, unzerstörbarsten Material geschaffen, das es für dergleichen je gegeben hat: nämlich aus sehr gutem Kalbspergament. Bei kleinformatigen Büchern wurde auch die Haut von neugeborenen Lämmern verwendet, immer aber handelt es sich um Pergament, und entgegen allem, was Sie in vielen Bibliotheken und Museen hören müssen, ist Pergament in seiner Dauerhaftigkeit überhaupt nicht gefährdet. Solange Sie nicht mit Feuer und Wasser kommen, ist diesen Gegenständen eine nahezu unendliche Zukunft gesichert. Das glaube ich beurteilen zu können, weil ich in meinem Leben etwa 1800 derartiger Handschriften besessen habe. Solche Bücher haben noch ein, zwei oder drei Jahrtausende vor sich.

Wie viele Bücher besitzen Sie zurzeit?

Hier auf der Bibermühle und in meinen verschiedenen Lagern in Deutschland, England und Frankreich werde ich wohl 250.000 bis 280.000 Bücher haben. Das sind natürlich vor allem gedruckte Bücher. Aber weil ich nicht schnell umschlage, sondern sich viele Stücke lange in meinem Besitz befinden, bevor ich sie verkaufe, wird man sagen dürfen, dass sich sechzig bis achtzig Prozent aller Handschriften, die sich heute auf dem Markt befinden, bei mir versammelt haben.

Besitzen Sie auch ein E-Book?

Nein.

Werden Sie noch eines anschaffen?

Nein.

Warum nicht? Die sind nicht mehr teuer.

Ich nehme mir heraus, mit all dem nichts zu tun zu haben. Ich gebe zu, dass ich eine arrogante Haltung einnehme: Mir steht der in Büchern niedergelegte Bildungsschatz der letzten drei Jahrtausende zur Verfügung. In wunderschönen Büchern, oft den schönsten, die sich denken lassen. Darin kann ich blättern. Das genügt mir.

Haben Sie Angst vor dem E-Book?

Aber ganz im Gegenteil. Ich sehe das E-Book eher als flankierende Maßnahme zur Befestigung dessen, was ich immer schon geliebt habe. Ich meine das Buch als Gesamtkunstwerk: literarisch, aber auch künstlerisch. Ich meine das Papier, den Einband, das Schriftbild, die Illustration, also eigentlich all das, was heute kaum noch Aufmerksamkeit erfährt. Das E-Book wird dazu beitragen, den Blick auf das Buch als Kunstwerk zu schärfen. Vielleicht nicht im Buchhandel, aber zweifellos im gehobenen Antiquariat. Und da bin ich mit der Rolle des E-Books durchaus einverstanden. Man muss das E-Book zur Kenntnis nehmen und auch respektieren. Es wird wohl so schnell nicht wieder verschwinden. Doch das gedruckte Buch wird es in den nächsten hundert oder zweihundert Jahren nicht verdrängen. Und um alles, was danach geschieht, müssen wir uns einstweilen ja nicht bekümmern.

Sie kaufen, sammeln und verkaufen nicht nur alte Bücher und Handschriften, sondern Sie erforschen sie auch in allen denkbaren Details. Wie muss ein Buch beschaffen sein, damit sie dessen Geschichte rekonstruieren wollen?

Es muss mir prima vista gefallen. Das beginnt vielleicht mit dem Einband, und wenn ich es aufschlage, muss das Buch mir zeigen, dass es sechs- oder siebenhundert Jahre lang in bibliophilen Händen war. Unerhört wichtig ist also der schöne, dem ursprünglichen möglichst nahe Erhaltungszustand. Dann kommen die Details: Ist die Kalligraphie nur dienend, oder hat sie einen eigenen Anspruch? Welche Qualität haben die Illustrationen? Wer war der Künstler, der sie schuf, wer sein Auftraggeber? Natürlich sind solche Bücher heute nur noch als Kunstwerke interessant, kein Mensch liest etwa ein Stundenbuch um seiner selbst willen. Wer das möchte, kann das einfacher haben. Wir müssen uns das Manuskript, die Handschrift, und nur davon spreche ich jetzt, als Kunstwerk vorstellen, dessen Rang in der Regel mit der Qualität seiner Illuminationen steht und fällt.

Solche Handschriften waren bereits zur Zeit ihrer Entstehung unendlich teure Kostbarkeiten und wurden in der Regel entsprechend behandelt und behütet. Dennoch kann man immer wieder auf Randbemerkungen und Kritzeleien stoßen. Wie ist das zu erklären?

Bei den wirklich kostbaren Büchern ist so etwas sehr selten, bei den gedruckten Stundenbüchern, von denen ich jetzt 310 besitze, jedoch schon häufiger anzutreffen. Da kann zum Beispiel der Zensor zugeschlagen und ganze Passagen durchgestrichen haben.

Stundenbücher wurden zensiert?

In Spanien war das häufig der Fall, weil etwa bestimmte Heilige von der Inquisition nicht akzeptiert wurden. Allerdings sind solche und andere Gebrauchsspuren auf Pergament nicht weiter schlimm, das verliert sich. Auf Papier sieht das schon anders aus. Aber in der Regel, und das fasziniert mich immer wieder, ist die Erhaltung dieser Bücher, in denen ja viele Generationen von Betrachtern geblättert haben, erstaunlich gut, sieht man einmal von den Folgen des frommen Gebrauchs ab.

Was ist das, der fromme Gebrauch?

Darunter fallen zum Beispiel die Tränen, die beim Betrachten der Bilder vom Leiden Jesu flossen und auf die Illuminationen tropften. Oft auch ist das Antlitz Jesu nur noch verschwommen zu sehen, weil zu viele Lippen darauf gepresst wurden. Manchmal wurde es geradezu weggeküsst, dann ist die Farbe wie abgeschabt. Anderes wurde tatsächlich weggekratzt, vor allem die Darstellungen von Teufeln und Dämonen. Wir können das heute nicht mehr nachvollziehen, aber damals haben die Menschen einen solchen Anblick oft nicht ertragen. Das gilt auch für die Darstellung von Nacktheit. In einem Manuskript von mir war eine hinreißende Bathseba eingemalt, der, 150 Jahre nachdem der Buchkünstler die nackte Schöne in einer für die Zeit unerhört erotischen Pose gemalt hatte, eine fremde Hand ein Kleid übergeworfen hatte. Mein Restaurator hat diese Übermalung entfernt und ihr das Kleid wieder abgestreift - ohne den geringsten Schaden.

Wer hat eigentlich mehr dafür getan, dass solche Kostbarkeiten erhalten blieben, private Sammler, um die sich ja zuweilen die abenteuerlichsten Geschichten ranken, oder Institutionen wie höfische Sammlungen und Klosterbibliotheken?

Jetzt werde ich mir sicher viele Feinde machen, aber meiner Erfahrung nach bekommen in höfischen Bibliotheken und deren Nachfolgeinstitutionen nur ganz bedeutende Werke, die Schau- und Prunkstücke nämlich, die Sorgfalt, die sie verdienen. Aber schon auf der nächsten Ebene setzt eine gewisse Nachlässigkeit ein. Das gilt leider auch für unsere großen öffentlichen Bibliotheken. Nehmen Sie das jüngste Beispiel: Da wird eine Karte Waldseemüllers in einem Buch gefunden, das im neunzehnten Jahrhundert in der Münchner Universitätsbibliothek gebunden worden ist. Da müssten doch in diesem langen Zeitraum schon einmal ein paar Leute hineingeschaut haben, die Bibliothekare zum Beispiel. Eigentlich müsste ihnen aufgefallen sein, was sie da besitzen. Aber die Bibliothek dreht den Spieß einfach herum: Sie kaschiert die eigene Nachlässigkeit und verkündet stolz den Sensationsfund. Da sind die Liebe und Sorgfalt der bibliophilen Sammler doch etwas anderes. Deren Bücher haben oft sehr viel Geld gekostet, eigenes Geld. Das allein garantiert schon eine gewisse Sorgfalt des Umgangs. Dass für Bücher gemordet wurde, ist übrigens weitgehend Legende und höchstens zwei- oder dreimal vorgekommen.

Handschriften können Millionen wert sein. Haben mittlerweile auch Anleger und Spekulanten das schöne Buch entdeckt? Hat die Finanzkrise auch diesen Markt verändert?

Spekulanten sind ja keine Selbstdenker. Die lassen sich von der Börse und von Bankern leiten. Für Börsenleute sind alte Bücher jedoch eine Quantité négligeable. Dazu braucht man nicht nur das Geld, das zweifellos vorhanden wäre, sondern es müsste auch das entsprechende Erkenntnisinteresse dahinterstehen. Auf absehbare Zeit müssen wir mit Spekulanten auf diesem Gebiet nicht rechnen.

Also alles wie immer?

Nicht ganz. Denn einige Sammler von Gegenwartskunst, die sich vielleicht Werke von Damien Hirst oder dergleichen haben aufschwatzen lassen oder sich selbst aufgeschwatzt haben, merkten irgendwann, dass ihr Plunder plötzlich vielleicht nur noch die Hälfte wert war. Solche Sammler kamen dann seit 2009 auf den großen Kunstmessen in Maastricht oder Paris mitunter auch zu mir, und zwei oder drei von ihnen sind mittlerweile Kunden und im Begriff, bedeutende Sammlungen aufzubauen. Das braucht natürlich seine Zeit, denn bei meinen Sachen reden wir von wirklichen Seltenheiten. Wenn Sie genug Geld haben, können Sie in drei Jahren hundert Altmeisterzeichnungen zusammenkaufen. Das ist auf dem Gebiet alter Handschriften schlicht unmöglich. Dazu gibt es einfach zu wenige. Obwohl ich einen schönen Fundus von etwa zweihundert Handschriften besitze, wäre der sehr schnell geschrumpft. Und mehr als sechs, acht oder höchstens zehn Manuskripte im Jahr kann ich nicht hinzukaufen.

Der Kreis Ihrer Kunden dürfte überschaubar geblieben sein.

Ja, und darüber bin ich auch recht froh. Zurzeit habe ich sechs bis acht wirklich gute Kunden, also Sammler, die mehr als ein bis zwei Handschriften pro Jahr von mir kaufen. Von Laufkundschaft kann ich nicht sprechen.

Sie denken gern in langen Zeiträumen. Welchen Stellenwert in der Geschichte des Buches werden spätere Generationen dem E-Book dereinst einräumen?

Ich würde mir wünschen, dass man später einmal sagen wird, dass das E-Book dabei geholfen hat, die Illiteraten unserer Tage an das Buch, die Literatur, die Kultur heranzuführen. Vierzig bis fünfzig Prozent aller Männer brüsten sich ja bekanntlich gern und fröhlich damit, dass sie seit Jahren kein Buch mehr zur Hand genommen haben. Da könnte das E-Book vielleicht hilfreich sein.

Ihnen geht es, wie Sie am Beispiel der Stundenbücher deutlich gemacht haben, um das Buch als Kunstwerk. Der literarische Inhalt ist zweitrangig. Ist es beim E-Book nicht genau umgekehrt? Das Buch als Objekt verschwindet, und was bleibt, ist die absolute Reduktion auf den Inhalt, ohne jede Sinnlichkeit. Aber wären nicht auch digitale Faksimileausgaben denkbar?

Das gibt es meines Wissens nach bislang nicht. Und wenn es das gäbe, wäre es eine doppelte Perversion. Der Abgrund zwischen dem Original und einem Faksimile bleibt unüberbrückbar. Das gilt für die seltsamen Nachbildungen des Pergaments aus Papier ebenso wie für die Reliefwirkung der Schrift und der Malerei, die nur das Original hervorrufen kann. Bislang ist die Qualität sogar der für Forschungszwecke erstellten elektronischen Faksimiles in der Regel eher erbärmlich. Sosehr ich Walter Benjamin schätze, muss ich ihm doch widersprechen: Je länger das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks andauert, desto mehr gewinnt die Aura des Originals an Wirkkraft. Deshalb muss man es so radikal sagen: Das E-Book ist ein Buch ohne Sinnlichkeit, ohne Geschichte, ohne Leben. Es ist das ausgezehrteste Buch, das sich denken lässt, die Reduktion der Reduktion. Und auf eine solche Hungerkur lasse ich mich nicht ein.

Zur Person

Heribert Tenschert wird 1947 geboren. Er studiert Romanistik, Germanistik und alte Sprachen in Freiburg im Breisgau und beginnt 1977 seine Laufbahn als Antiquar.

1993 bezieht er die Bibermühle bei Stein am Rhein, die er als eines der führenden Antiquariate der Welt für mittelalterliche Handschriften und Inkunabeln etabliert.

Die siebzig Kataloge, die er bis heute publiziert hat, gelten als Standardwerk. Für seine Verdienste um die Buchkultur Frankreichs wird er zum „Chevalier des Arts et des Lettres de la République Française“ ernannt. Die Universität Freiburg verleiht ihm 2010 den ersten Ehrendoktor, den die dortige Romanistik seit 1958 vergeben hat.

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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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