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Gespräch mit einem Antiquar Haben Sie Angst vor dem E-Book, Herr Tenschert?

 ·  Er besitzt über zweihundertfünfzigtausend Bücher aus neun Jahrhunderten: Ein Gespräch mit Heribert Tenschert über Zensur von Stundenbüchern, den frommen Gebrauch und den Beitrag von E-Books zur Bibiophilie.

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Heribert Tenschert ist Herr des unvergleichlichen Antiquariats Bibermühle. Das Aufnahmegerät lehnt während unseres Gesprächs in seinem Arbeitszimmer an einem Buch aus dem Jahr 1607, einem Folioband in rotem Maroquinleder.

Wie alt ist das älteste Buch, das Sie zurzeit besitzen?

Ich habe ein Buch, das um das Jahr 1100 in Norddeutschland geschrieben und etwa achtzig bis neunzig Jahre später mit Miniaturen versehen wurde, ein Mixtum Compositum also, aber fast noch mit den großen Handschriften der karolingischen oder ottonischen Zeit vergleichbar.

Dieses Buch ist neunhundert Jahre alt. Wie lange wird es noch halten?

Solange die Menschen es zulassen. Es ist, nach menschlichen Maßstäben gemessen, unsterblich. Die großen Bücher jener Zeit sind aus dem wunderbarsten, dauerhaftesten, unzerstörbarsten Material geschaffen, das es für dergleichen je gegeben hat: nämlich aus sehr gutem Kalbspergament. Bei kleinformatigen Büchern wurde auch die Haut von neugeborenen Lämmern verwendet, immer aber handelt es sich um Pergament, und entgegen allem, was Sie in vielen Bibliotheken und Museen hören müssen, ist Pergament in seiner Dauerhaftigkeit überhaupt nicht gefährdet. Solange Sie nicht mit Feuer und Wasser kommen, ist diesen Gegenständen eine nahezu unendliche Zukunft gesichert. Das glaube ich beurteilen zu können, weil ich in meinem Leben etwa 1800 derartiger Handschriften besessen habe. Solche Bücher haben noch ein, zwei oder drei Jahrtausende vor sich.

Wie viele Bücher besitzen Sie zurzeit?

Hier auf der Bibermühle und in meinen verschiedenen Lagern in Deutschland, England und Frankreich werde ich wohl 250.000 bis 280.000 Bücher haben. Das sind natürlich vor allem gedruckte Bücher. Aber weil ich nicht schnell umschlage, sondern sich viele Stücke lange in meinem Besitz befinden, bevor ich sie verkaufe, wird man sagen dürfen, dass sich sechzig bis achtzig Prozent aller Handschriften, die sich heute auf dem Markt befinden, bei mir versammelt haben.

Besitzen Sie auch ein E-Book?

Nein.

Werden Sie noch eines anschaffen?

Nein.

Warum nicht? Die sind nicht mehr teuer.

Ich nehme mir heraus, mit all dem nichts zu tun zu haben. Ich gebe zu, dass ich eine arrogante Haltung einnehme: Mir steht der in Büchern niedergelegte Bildungsschatz der letzten drei Jahrtausende zur Verfügung. In wunderschönen Büchern, oft den schönsten, die sich denken lassen. Darin kann ich blättern. Das genügt mir.

Haben Sie Angst vor dem E-Book?

Aber ganz im Gegenteil. Ich sehe das E-Book eher als flankierende Maßnahme zur Befestigung dessen, was ich immer schon geliebt habe. Ich meine das Buch als Gesamtkunstwerk: literarisch, aber auch künstlerisch. Ich meine das Papier, den Einband, das Schriftbild, die Illustration, also eigentlich all das, was heute kaum noch Aufmerksamkeit erfährt. Das E-Book wird dazu beitragen, den Blick auf das Buch als Kunstwerk zu schärfen. Vielleicht nicht im Buchhandel, aber zweifellos im gehobenen Antiquariat. Und da bin ich mit der Rolle des E-Books durchaus einverstanden. Man muss das E-Book zur Kenntnis nehmen und auch respektieren. Es wird wohl so schnell nicht wieder verschwinden. Doch das gedruckte Buch wird es in den nächsten hundert oder zweihundert Jahren nicht verdrängen. Und um alles, was danach geschieht, müssen wir uns einstweilen ja nicht bekümmern.

Sie kaufen, sammeln und verkaufen nicht nur alte Bücher und Handschriften, sondern Sie erforschen sie auch in allen denkbaren Details. Wie muss ein Buch beschaffen sein, damit sie dessen Geschichte rekonstruieren wollen?

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