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Geschichtsdebatte : Streit um Orlando Figes

Ein Buch des britischen Historikers Orlando Figes über Russland unter Stalin darf in Russland nicht erscheinen. Politische Gründe oder fehlerhafte Recherche?

          Großbritannien muss auf die Produktivität von Historikern einen wunderbar belebenden Einfluss haben. Nehmen wir den in Deutschland geborenen Peter Longerich, der am Royal Holloway and Bedford New College der Universität London lehrt: 2008 erschien seine Himmler-Biographie, 1040 Seiten; zwei Jahre später eine Lebensgeschichte von Joseph Goebbels: 912 Seiten, alle Achtung!

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Oder nehmen wir Orlando Figes, einen Experten für russische Geschichte vor allem unter Stalin, der am Birkbeck College an der University of London wirkt. Bekannt und beim Publikum beliebt ist er vor allem wegen der großen erzählerischen Qualität seiner Werke. Soeben erschien „Just send me word: A true story of love and survival in the Gulag“, 352 Seiten; 2008 hatte Figes „The Whisperers: Private Life in Stalin’s Russia“ veröffentlicht, 784 Seiten; die deutsche Ausgabe „Die Flüsterer: Leben in Stalins Russland“ hatte stolze 1088 Seiten.

          Schon 1996 war herausgekommen „A People’s Tragedy: The Russian Revolution: 1891-1924“, 1024 Seiten; 2010 eine Geschichte des Krimkrieges, 608 Seiten, 2002 „Natasha’s Dance: A Cultural History of Russia“, 768 Seiten. 2001 veröffentlichte er „Phoenix: Peasant Russia, Civil War: The Volga Countryside in Revolution 1917-21“, 428 Seiten. Das sind epische Maßstäbe, für die ein Tolstoi-Vergleich schon nicht mehr ausreicht, man müsste an das Vorbild von Alexandre Dumas denken. Der allerdings betrieb zeitweise eine regelrechte Romanfabrik und signierte, was andere zu Papier gebracht hatten.

          Kuriose Rezensionen bei Amazon

          Vor einigen Jahren gab es einen ersten kuriosen Fall Figes: Bei „Amazon“ erschienen scharf kritische Kundenrezensionen über die Bücher seiner wissenschaftlichen Kontrahenten, dagegen wurden die Werke von Figes über den grünen Klee gelobt. Der Rezensent nannte sich, unvorsichtig genug, „Orlando.Birkbeck“. Als die ersten Vermutungen aufkamen, der Meister selbst habe hier gesprochen, nahm er sich einen Rechtsanwalt und drohte jedem mit schlimmen Konsequenzen. Dann erklärte seine Ehefrau, sie habe die fraglichen Dinge ohne Wissen ihres Mannes ins Netz gestellt, aber schließlich gab Figes seine Urheberschaft doch zu.

          Nun gibt es Ärger mit den „Flüsterern“. In der neuen Ausgabe der linksliberalen Zeitschrift „The Nation“ berichten Peter Reddaway und Stephen F. Cohen, der Erstere emeritierter Professor für Politologie an der George Washington University, der Zweite gleichfalls emeritierter Politologe mit Schwerpunkt Russian Studies der Universität Princeton, dass es vorerst, aber das heißt wohl: auf immer, keine russische Ausgabe des Buches geben wird.

          Den Herrschenden unwillkommen?

          Der Streit geht nun um die Gründe. Auf der Internetseite von Figes selbst steht, wiederum etwas kurios, unter „News“ (abgerufen am 1. Juni 2012), die „Flüsterer“ würden „2011 oder 2012“ in Russland doch noch erscheinen, nachdem der Verlag Atticus 2009 den Vertrag aufgekündigt hatte. Man wird eingeladen, die jüngsten Rezensionen der „Flüsterer“ anzuklicken - und die letzte stammt aus dem Jahr 2008.

          Am 4. März 2009, nachdem der erste Publikationsversuch in Russland bei Atticus geplatzt war, hatte Figes dem „Guardian“ erklärt, dahinter steckten „politische Gründe“, ja „Druck“; das Buch sei den dort Herrschenden unwillkommen („inconvenient to the current regime in Russia“). Cohen und Reddaway erzählen in der „Nation“ eine andere Geschichte. Die Interviews mit Zeitzeugen, die den „Flüsterern“ zugrunde lagen, wurden von der Organisation „Memorial“ im Auftrag von Figes geführt. Auf Russisch. Als der neue Moskauer Verlag „Corpus“ nun um die Originale bat, zeigten sich, so berichten Cohen und Reddaway, bei der Durchsicht gravierende Fehler in Figes’ Darstellung. Und deren Anzahl war offenbar so groß, dass eine Überarbeitung das Übersetzungsprojekt gesprengt hätte.

          Die Onkel von der GPU gab es nicht

          Cohen und Reddaway haben mehrere Passagen prüfen können. Von einem gewissen Michail Stroikow behauptete Figes, er habe im Gulag die Unterstützung der Geheimpolizei GPU genossen, der zwei seiner Onkel angehörten. Ein Freund der Familie Stroikow sei erschossen worden. Alles reine Erfindung von Figes, lesen wir nun; der Freund starb mit 90 Jahren eines friedlichen Todes, die GPU-Onkel gab es nicht. Dina Ielson-Grodzianskaja saß acht Jahre im Lager. Laut Figes soll sie zu den Vertrauensleuten der Verwaltung gehört und daraus kleine Vorteile gezogen haben. Keines der Zeitzeugen-Interviews bestätige eine solche Vermutung, sagen die Kritiker; es handle sich auch hier um eine Erfindung, durch die das Andenken der Frau schwer beschädigt werde.

          Der Historiker Jörg Baberowski, ein eminenter Kenner der Stalinzeit, schätzt, wie er gegenüber dieser Zeitung erklärte, die atmosphärische Authentizität der „Flüsterer“. Manches sagt er auch vom Neid akademisch redlicher, jedoch in der Mediengesellschaft weniger erfolgreicher Kollegen. In der Sache aber neigt er eher zu Cohen und Reddaway. Der Berlin-Verlag, in dem „Die Flüsterer“ erschienen, wird den offenen Fragen nachgehen, erklärte aber gegenüber dieser Zeitung, das jüngste Buch von Figes, „Just send me word“, werde bei Hanser erscheinen.

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