16.01.2006 · Ludwig Tiecks romantisches Kunstmärchen ist erzähltechnisch schwärzester Horror. Es entspricht zwar dem Mittelalter- und Ritter-Genre, ist aber ein veritabler Psychothriller.
„In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewöhnlich nur den blonden Eckbert nannte. Er war ohngefähr vierzig Jahre alt, kaum von mittlerer Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und dicht an seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er lebte sehr ruhig für sich... Sein Weib liebte die Einsamkeit ebensosehr...“: So harmlos beginnt ein romantisches Kunstmärchen, das wie wenige andere thematisch und noch mehr erzähltechnisch in schwärzesten Horror führt. Ludwig Tiecks Erzählung, schon 1796 in den „Märchen aus dem Phantasus“ veröffentlicht, entspricht zwar dem Mittelalter- und Ritter-Genre, ist aber ein veritabler Psychothriller.
Das zurückgezogen lebende, kinderlose Paar wird einzig vom treuen Freund Walther besucht. Einem dunklen Trieb folgend, erzählt Bertha eines Abends ihre Lebensgeschichte: ärmliche Herkunft, hartherziger Vater, Flucht in den Wald, Zuflucht bei einer seltsamen Alten. Dort geht es ihr gut, sie muß nur einen Hund und einen ein geheimnisvolles Lied singenden, Edelsteineier legenden Vogel versorgen. Die Alte warnt sie davor, den Weg der Tugend zu verlassen. Doch sie kann nicht widerstehen, läßt den Hund verhungern, erwürgt den Vogel, rafft die Schätze, heiratet Eckbert. Nur an den Namen des Hundes kann sie sich nicht erinnern. Um so bestürzter ist sie, als Walther beiläufig sagt, er könne sich vorstellen, „wie Ihr den kleinen Strohmian füttert“.
Albtraum in einem Innenhohlraum
Ein Zaubername, wie der des Rumpelstilzchens, löst die Katastrophe aus: Bertha stirbt unerklärlich, Eckbert, von Paranoia gepeinigt, erschießt Walther, an dessen Stelle Hugo tritt, der sich wieder in Walther verwandelt. Die krumme Alte erscheint, schreit ihm entgegen: „Bringst Du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund?...Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst. Niemand als ich war Dein Freund Walther, Dein Hugo...Und Bertha war deine Schwester.“ Der Augenblick der Wahrheit bringt Eckberts Tod.
Es sind Bilder einer „irrsinnigen Welt“ (Tieck), krasse Absage an den Aufklärer-Traum von deren heller Beherrschbarkeit und linearem Fortschritt - auch im Narrativen. Eher ist es die präpsychoanalytisch aufzuschlüsselnde Dramaturgie des Phantasy-Films: Die tödliche Anamnese evoziert die Tripelgängerschaft (die Alte, Walther, Hugo), den Wiederholungszwang wie das Inzestmotiv.
Und der Albtraum spielt in einem Innenhohlraum, in dem nicht nur die Zeit gräßlich verkehrt wird (ähnlich wie in Hebbels „Ballade vom Haideknaben“), sondern Wahn-Klänge (Kreischen der Alten, Bellen des Hundes, Lied des Vogels) die letztlich einzige Realität bilden. Daß der Shakespeare-Übersetzer Tieck den englischen „Gothic“-Romantikern nahestand, war kein Zufall: Der Historiker Thomas Carlyle hatte 1827 eine vierbändige Ausgabe „German Romance“ übersetzt und ediert. Sie enthielt neben Goethes „Werther“ auch Tiecks „Eckbert“.