12.12.2005 · Der neue Kanon ist da: Marcel Reich-Ranicki hat 1370 Gedichte von 251 deutschsprachigen Autoren in sieben Bänden zusammengestellt. Die Redaktion der F.A.S. hat ihre liebsten ausgewählt.
Der neue Kanon ist da: Marcel Reich-Ranicki hat 1370 Gedichte von 251 deutschsprachigen Autoren in sieben Bänden zusammengestellt. Die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat ihre liebsten ausgewählt.
Friedrich Hölderlin: Heidelberg
Lange lieb' ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlichschönste, so viel ich sah.
Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt,
Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,
Leicht und kräftig die Brücke,
Die von Wagen und Menschen tönt.
Wie von Göttern gesandt, fesselt' ein Zauber einst
Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging
Und herein in die Berge
Mir die reizende Ferne schien,
Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
Liebend unterzugehen,
In die Fluten der Zeit sich wirft.
Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen
Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn
All' ihm nach, und es bebte
Aus den Wellen ihr lieblich Bild.
Aber schwer in das Tal hing die gigantische,
Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund
Von den Wettern zerrissen;
Doch die ewige Sonne goß
Ihr verjüngendes Licht über das alternde
Riesenbild, und umher grünte lebendiger
Efeu; freundliche Wälder
Rauschten über die Burg herab.
Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal,
An den Hügel gelehnt, oder dem Ufer hold,
Deine fröhlichen Gassen
Unter duftenden Gärten ruhn.
Wenn man in Heidelberg den Philosophenweg hinaufgeht, bis ans Ende, bis dahin, wo der Wald anfängt, in den man dann immer weiter hineingehen kann, ins immer Dunklere hinein, bis zu dieser gigantischen germanischen Tingstätte, in der die Nazis ihre Weihefeste feierten, im letzten lichten Moment also, das Schloß gegenüber gerade noch im Blick und den Neckar, das Tal, die alte Brücke, da steht dieser Stein, in den die erste Strophe dieses Gedichtes gemeißelt wurde. Dieses Gedichtes über die Dunkelheit, die Gefahr, die Heiligkeit, die Weite, das Glück, den Wahn und die Erinnerung. Volker Weidermann
Hans Sahl: Charterflug in die Vergangenheit
Als sie zurückkamen aus dem Exil,
drückte man ihnen eine Rose in die Hand.
Die Motoren schwiegen.
Versöhnung fand statt
auf dem Flugplatz in Tegel.
Die Nachgeborenen begrüßten die
Überlebenden.
Schuldlose entschuldigen sich für
die Schuld ihrer Väter.
Als die Rose verwelkt war, flogen sie
zurück in das Exil ihrer
zweiten, dritten oder vierten Heimat.
Man sprach wieder Englisch.
Getränke verwandelten sich wieder
in drinks.
Als sie sich der Küste von
Long Island näherten,
sahen sie die Schwäne auf der Havel
an sich vorbeiziehen,
und sie weinten.
Ein bißchen sentimental darf man schon sein, wenn man zu Hause rausgeschmissen wurde. Das sagt der Emigrant Hans Sahl, und daß er es ein bißchen sentimental sagt, darf schon sein. Er selbst kam nach dem Krieg nach Deutschland wieder zurück, aber dann ging er wieder nach New York, und dann kam er endgültig in das Land, das ihn nicht wollte, um hier zu sterben. Er hatte ein langes, kompliziertes, aufregendes Leben, und vielleicht war er am Ende sogar dankbar dafür. Aber wenn man diese Zeilen liest, denkt man, es war auch furchtbar sinnlos. Maxim Biller
Wolf Biermann: Und als wir ans Ufer kamen
Und als wir ans Ufer kamen
Und saßen noch lang im Kahn
Da war es, daß wir den Himmel
Am schönsten im Wasser sahn.
Und durch den Birnbaum flogen
Paar Fischlein. Das Flugzeug schwamm
Quer durch den See und zerschellte,
Sachte am Weidenstamm
- am Weidenstamm
Was wird bloß aus unsern Träumen
In diesem zerrissnen Land
Die Wunden wollen nicht zugehn
Unter dem Dreckverband
Und was wird mit unsern Freunden
Und was noch aus dir, aus mir -
Ich möchte am liebsten weg sein
Und bleibe am liebsten hier
- am liebsten hier
Ein Kahn, ein Paar, die Sorge: Einfachste Mittel. Jeder kennt das. Man hängt irgendwo noch rum, ohne Grund. Aber hier winkt vom Ufer das 20. Jahrhundert, die deutsche Teilung. Politik und Intimität fließen zusammen, in einem Seufzer. Die letzten Zeilen strahlen dann über die DDR hinaus, nach Melilla beispielsweise. Biermann fand mit diesen Zeilen den Zauberspruch des Zeitalters der Vertreibungen, der Flüchtlinge. Herzzerreißend. Nils Minkmar
Kurt Tucholsky: Park Monceau
Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch - und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.
Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.
Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.
Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.
Es klingt so einfach, so klar, als flögen die Reime vorbei und ließen sich kurz nieder wie der kleine Vogel. Das sogenannte lyrische Ich arbeitet wie eine Kamera, die ihren Blick durch den Raum schweifen läßt; sie streift das Beiläufige mit milder Ironie wie in einem frühen Film von Truffaut, und wenn man das heute liest, denkt man auch weniger an die zwanziger Jahre als an den Blick der Nouvelle Vague oder an einen Roman von Patrick Modiano, an ein sonniges Paris, und es wird einem ganz leicht dabei. Peter Körte
Stefan George: Komm in den totgesagten park und schau ...
Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade ·
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau ·
Die späten rosen welkten noch nicht ganz ·
Erlese küsse sie und flicht den kranz ·
Vergiss auch diese lezten astern nicht ·
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
Lyrik hat mich nie wirklich gepackt, außer: George und Trakl. Letzterer schafft Wortsümpfe, die einen hinabziehen. Bei George dagegen ist die Düsternis immer transparent. Er arbeitet mit Licht und mit Schatten, meistens in Schwarzweiß, aber immer mit exakten Maßen. Seine Worte sind klar und rein und schön wie Kristalle. „Komm in den totgesagten park und schau . . .“ - bei diesem Gedicht kommt etwas hinzu: eine verstörende Farbigkeit. Es beginnt noch wie eine Stummfilmsequenz. Doch auf einmal leuchtet die erste Farbe auf, dann die nächste, eine nach der anderen, tausend unentdeckte Nuancen - „vergiss auch diese lezten astern nicht“. Der Kristall zerlegt das Licht in Farben. Und wer, außer George und Benn, benutzt eigentlich sonst noch das schöne Wort „Aster“? Anne Zielke
Johann Wolfgang von Goethe: Prometheus
Bedecke deinen Himmel Zeus
Mit Wolkendunst!
Und übe Knabengleich
Der Disteln köpft
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts ärmers
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.
Da ich ein Kind war
Nicht wußt wo aus wo ein
Kehrt mein verirrtes Aug
Zur Sonne als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage
Ein Herz wie meins
Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir wider
der Titanen Übermut
Wer rettete vom Tode mich
Von Sklaverei?
Hast du's nicht alles selbst vollendet
Heilig glühend Herz
Und glühtest jung und gut
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal
Meine Herrn und deine.
Wähntest etwa
Ich sollt das Leben hassen
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen
Blütenträume reiften.
Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht das mir gleich sei
Zu leiden, weinen
Genießen und zu freuen sich
Und dein nicht zu achten
Wie ich!
Der Mann, um den es hier geht, ist auf der Höhe seines Selbstbewußtseins. Er fühlt die Kraft, die in ihm erwacht, er beginnt, die Ordnung zu durchschauen, der er so lange gehorchen mußte, er spürt, daß diese Regeln nur für Schwache gelten, daß sie allmählich ihre Gültigkeit für ihn verlieren. Er ist ein Titan, der Schöpfer seines eigenen Lebens, er ist ein Dichter, der stürmt und drängt, und überall ist er auch der 16jährige Schüler, der auch nicht sofort weiß, in welche Kategorie er den Dichter einordnen soll: Mensch oder Gott, Freund oder Feind. Er lernt sie nicht gerne, diese Worte, die zunächst so unzeitgemäß scheinen, und den Rhythmus, der anfangs so wenig rockt. Aber als er sie dann aufsagt, als er allmählich den Ton trifft, merkt er, daß es die seinen sind. Ich dich ehren? Wofür? Harald Staun
Erich Kästner: Sachliche Romanze
Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.
Im Internet habe ich eine Interpretation der „Sachlichen Romanze“ gelesen, da erzählte jemand Zeile für Zeile den Inhalt nach (“Der Dichter will sagen, daß zwei Menschen sich acht Jahre kennen, und plötzlich ist die Liebe fort . . .“) - dabei ist das Schöne an diesem Gedicht ja gerade, daß jeder es sofort verstehen kann. Oder das Traurige. Eigentlich sollte man zum Trost sofort Hesses „Stufen“ lesen: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ Oder nebenan Klavier üben. Johanna Adorján
Friedrich Nietzsche: Die Krähen schrei'n
Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!
Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt - entflohn?
Die Welt - ein Thor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.
Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.
Flieg', Vogel, schnarr'
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! -
Versteck', du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei'n,
Weh dem, der keine Heimat hat!
Nein, möchte man da sagen, Herr, es ist keine Zeit mehr, und es ist ganz egal, wie groß der Sommer war, die Sonnenuhren sind kaputtgegangen, und auf den Fluren pfeifen eiskalte Stürme. Die Früchte schmecken fad, der Wein ist keine Lösung; daß die Nächte schlaflos bleiben, ist eh klar, und die langen Briefe zerreißt man am besten gleich wieder, weil, wenn es wintert in den Gefühlen, es dafür ohnehin keinen genaueren Klang, keine traurigere Melodie gibt als diese hier. Herr, Nietzsche, wo nehm' ich, wenn es Winter ist, die Blumen? Claudius Seidl
Erich Fried: Die Abnehmer
Einer nimmt uns das Denken ab
Es genügt
seine Schriften zu lesen
und manchmal dabei zu nicken
Einer nimmt uns das Fühlen ab
Seine Gedichte
erhalten Preise
und werden häufig zitiert
Einer nimmt uns
die großen Entscheidungen ab
über Krieg und Frieden
Wir wählen ihn immer wieder
Wir müssen nur
auf zehn bis zwölf Namen schwören
Das ganze Leben
nehmen sie uns dann ab
Als Schüler habe ich Frieds Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen und meine Lieblingsgedichte daraus abgetippt, schön ausgedruckt und in einen Ordner geheftet. Das tat ich nur mit Erich Fried. Natürlich hing auch sein Liebesgedicht „Was es ist“ als Poster an der Wand in meinem Zimmer. Heute wirkt seine moralische Empörung so uncool und altmodisch, daß sie mir um so erfrischender und wichtiger erscheint. Stefan Niggemeier
Gottfried Benn: Was schlimm ist
Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.
Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann.
Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.
Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören
und sich sagen, daß sie das immer tun.
Sehr schlimm: eingeladen sein,
wenn zu Hause die Räume stiller,
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.
Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.
Immer finden alle möglichen Menschen alles mögliche schlimm. Aber wirklich schlimm im Leben sind doch diese kleinen Momente, in denen man etwas tun will, was man nicht tun kann (Biertrinken!); etwas sagen will, was man nicht sagen kann (Hölderlin!); oder wenn man rausmuß und soviel lieber zu Hause bleiben würde. Schlimmer als das: allein der Tod. Mit allem anderen kommt man zurecht. Gottfried Benn starb am 7. Juli 1956 in Berlin, als alles hell und die Erde für Spaten leicht war. Am Ende war er vielleicht doch ein glücklicher Mensch. Julia Encke
„Der Kanon - Gedichte“. Herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki. Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main 2005. Sieben Bände und ein Begleitband. 2096 Seiten, 49,90 Euro.
RRs Kanon
Hans Chr. Riedelbauch (riedelbauch)
- 12.12.2005, 21:15 Uhr
liebste Gedichte
Lukas Werth (lukaswerth)
- 14.12.2005, 11:44 Uhr