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Geburt des Kriminalromans : Der Krimi um den ersten Krimi

Schauer-Serie: „The Notting Hill Mystery“ erschien in acht Folgen im illustrierten Literaturmagazin „Once a Week“. Bild: Foto openlibrary.org

Vor genau einhundertfünfzig Jahren erfand „The Notting Hill Mystery“ das Genre des Kriminalromans. Aber wer war sein Autor? Ein eigener Kriminalfall.

          Heute vor hundertfünfzig Jahren erschien der erste Kriminalroman der Literaturgeschichte. Mysteriöse Fälle waren in Dichtungen schon vorher gelöst worden, von Ödipus bis zu Kleists „Zerbrochnem Krug“ und E.T.A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“. Der Detektiv als depassionierter Held war mit Auguste Dupin, dem Schlussfolgerungsathleten dreier Erzählungen von Edgar Allan Poe, seit 1841 eingeführt. Auch das literarische Interesse an der Polizei, die sich in jenen Jahren staatlich etablierte, nahm zu. Die Memoiren des französischen Ermittlungsbeamten Vidocq, der ursprünglich ein Berufsverbrecher gewesen war, waren 1828 herausgekommen. Erste Erinnerungen von Polizisten erschienen nach 1850. Dickens hatte in seinem unglaublichen „Bleak House“ 1852 als Nebenfigur den Inspektor Bucket eingeführt, der sich durch Londons Unterwelt wie ein Jäger durch den Wald bewegt.

          Doch dass das Aufrollen der Vorgeschichte eines Mordes als einziges Motiv für einen ganzen Roman ausreichen könnte, schienen erst Émile Gaboirau („Die Affäre Lerouge“, 1863) und William Wilkie Collins („Der Monddiamant“, 1868) bewiesen zu haben. Dabei fehlte allerdings beim Franzosen Gaboirau, der stark von den Memoiren Vidocqs beeindruckt war, die faire Faktenverteilung zwischen Detektiv und Leser, die lange Zeit die wichtigste Pointe des Kriminalromans darstellte. Und dem Briefroman von Collins, in dem indische Jongleure, Magie, Opium, vorgetäuschte Philanthropie, Bankschulden und Liebesprüfungen herrlich verwoben sind, fehlt das entscheidende Motiv des Genres: der Mord, der alles in Bewegung setzt. Diebstahl geht uns nicht so zu Herzen.

          Alles auf einen Schlag

          Nun wäre es allerdings sehr anspruchsvoll, gleich von den ersten Exemplaren einer Gattung, von der die Autoren noch nichts wissen konnten, die Verwirklichung ihrer wichtigsten Möglichkeiten zu verlangen. Der italienische Romanforscher Franco Moretti hat in seinem fabelhaften Aufsatz „Das Schlachthaus der Literatur“ (Modern Language Quarterly 61, 2000) gezeigt, wie selbst Arthur Conan Doyle in seinen Sherlock-Holmes-Geschichten nur schrittweise herausfindet, was die eigentliche Pointe ihrer klassischen Form ist: das Legen von Spuren, die zur Lösung des Falles notwendig sind, die jeder sehen kann und die sich entziffern lassen.

          Doch erstaunlicherweise realisiert schon der allererste Kriminalroman das alles auf einen Schlag. Auf ihn aufmerksam gemacht hatte der englische Schriftsteller Julian Symons, selbst ein Kriminalautor von Rang, bereits vor vierzig Jahren. 1972 wies er in der „Times“ darauf hin, dass „The Notting Hill Mystery“ das erste Exemplar der Gattung ist. Die Geschichte des Giftmordes an Madame R*, einer englischen Baronesse, erschien vom 29.November 1862 an als achtteiliger Fortsetzungsroman im illustrierten Literaturmagazin „Once a Week“.

          Die Suche nach dem wahren Autor

          Diese Wochenschrift hatten die Verleger von Charles Dickens 1859 gegründet, nachdem es zwischen ihnen und dem Starautor ihrer Publikation „Household Words“ zum Bruch gekommen war. Dickens hatte eine redaktionelle Mitteilung verlangt, in der seine Gründe für die Trennung von seiner Frau erläutert würden, das verweigerten die Verleger, Dickens schmiss hin und gründete mit „All the Year Round“ sein eigenes Magazin. Die Konkurrenz von „Once a Week“ wurde von den besten zeitgenössischen Cartoonisten wie Hablot Browne und John Tenniel beliefert. Die Zeichnungen zu „The Notting Hill Mystery“ stammten von George du Maurier, dessen Enkelin Daphne später „Rebecca“ und die Vorlage zu „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ schreiben sollte.

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