07.09.2006 · Indiens Wirtschaftswachstum liegt zwischen acht und zehn Prozent, die Filmindustrie boomt, der Tourismus blüht auf, die Welt umwirbt Indien als Partner. Und doch ist das Land innerlich zerrissen. Beobachtungen von Martin Kämpchen
Von Martin KämpchenIndien braucht seine Gurus, seine „Elder Statesmen“, die die Nation inspirieren und ermahnen. Wer vom Flughafen Kalkuttas in die Stadt fährt, sieht gigantische Schilder mit den Namen und Bildern von Rabindranath Tagore, Mutter Teresa, dem Filmregisseur Satyajit Ray und Amartya Sen, als könne man erst die Stadt betreten, wenn man diese Schutzheiligen angerufen hat. Nachdem Amartya Sen 1998 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft erhalten hatte, entfaltete er sich binnen kurzer Zeit zum inoffiziellen Berater von Regierung und Gesellschaft. Unverzagt sagte er der damaligen rechtsgerichteten BJP-Regierung Unliebsames.
Dabei verstand es der Professor der Harvard-Universität in seinen Vorträgen und Interviews, die komplexe Ökonomie allgemeinverständlich zusammenzufassen. Kürzlich hat der indische Professor mit dem britischen Akzent ein Buch veröffentlicht, das einer breiten indischen Leserschaft Größe und Schwächen der Geschichte und Zivilisation ihres Landes und des gegenwärtigen Entwicklungsstands darstellt. Seit der Veröffentlichung gehört „The Argumentative Indian“ zu den meistdiskutierten Büchern.
„India is shining“
Das Werk ist zu einer Zeit erschienen, in der Indien international und gerade auch in Deutschland hoch im Kurs steht. Die Rede ist von einem indischen Wirtschaftswachstum zwischen acht und zehn Prozent, von immer größerer Investitionsfreudigkeit deutscher Unternehmer in Indien, von einer Bollywood-Schwemme in deutschen Fernsehkanälen und einem Aufblühen des Indien-Tourismus. Die Hannover Messe und die Bonner Biennale dieses Jahres hatten Indiens Unternehmen und darstellende Künste zu Gast. Schon zur Leipziger Buchmesse im März waren mehr als ein Dutzend indische Schriftsteller anwesend; zur Frankfurter Buchmesse, auf der Indien als Gastland auftritt, werden rund dreißig Autoren erwartet. Zuletzt hat der mehrmonatige Kampf des Stahlgiganten Lakshmi Mittal um die Übernahme des Arcelor-Konzerns das Image Indiens im ungewohnten Glanz gezeigt. Dabei vergißt man leicht, daß Mittal zwar in Indien geboren ist, doch längst einen britischen Paß besitzt und sich gerade in Indien wenig als Investor engagiert.
Die Gefahr besteht, daß die indische Elite wie auch die westlichen Industrienationen den wirtschaftlichen Boom nicht in seinem gesamtgesellschaftlichen Kontext bewerten. Vor drei Jahren war schon einmal eine Euphorie ausgebrochen, kräftig angerührt von der damaligen rechtsgerichteten Regierung unter der Bharatiya-Janata-Partei (BJP). Die Losung lautete damals „India is shining“ - Indien glänzt. Die Folge war, daß die Partei im Mai 2004 die Wahlen verlor. Gerade die armen Massen in den Dörfern hatten sie abgewählt.
Gesprächsbereit und urdemokratisch
Da paßt es zur Stabilisierung eines gerechten und ausgeglichenen Indien-Bildes, daß Amartya Sen in seinem Buch den Erfolg des Landes sympathisierend-kritisch in einen Gesamtzusammenhang stellt. Es gehöre, so beginnt er, zum Basisverständnis der indischen Kultur, daß sie gesprächsbereit, diskussionsfreudig sei und eine alle Kasten, Ethnien und Religionen, sozialen Schichten, Männer wie Frauen umgreifende urdemokratische Freiheit der Meinungsäußerung besitze. Dies sei für die Funktionsfähigkeit dieses multireligiösen säkularen Staates elementar wichtig. Die Meinungsmacher der Gesellschaft hätten die Verpflichtung, auch die schwachen und marginalisierten Bevölkerungsgruppen in diesen Diskurs einzubinden.
Daß dies tatsächlich gelingt, beweist das im großen und ganzen konstruktive Miteinander von Hindus und Muslimen in Indien. Die Massaker an Muslimen in Gujarat 2002 haben gerade unter Hindus schwere Proteste und eine Vielzahl von Gerichtsfällen hervorgerufen. Die Euphorie hatte ursprünglich denn auch weniger mit abstrakten Wirtschaftszahlen zu tun als mit der Anerkennung von Präsident George Bush, der im März Neu-Delhi besuchte und ungewöhnliche Loblieder auf Indien als zukünftiger Supermacht sang. Er gewährte Indien ein nukleares Sonderabkommen, dem zufolge die Vereinigten Staaten dem Land ohne scharfe Kontrollen beim Betreiben von Atomstrom-Reaktoren helfen werden. „Warum dieses einzigartige Vertrauen?“ fragte man sich. - „Weil Indien eine stabile multireligiöse Demokratie ist!“ lautet die Antwort, die sich das Land selbst gibt.
Keine Hungersnot seit 1943
Al Qaida hat in Indien keine Gefolgsleute rekrutieren können. Im Gegensatz zu Pakistan und Afghanistan sind hier die Madrasa (Koranschulen) der muslimischen Minderheit keine Brutstätten des Fundamentalismus. Indien hat die Muslime sowie andere religiöse und ethnische Minderheiten - etwa die Christen, Sikhs und indische Stämme - stets gesellschaftlich zu integrieren versucht, und zwar mit Mitteln der Anpassung und Befriedung, was dem inklusivistischen philosophischen Denken der Hindus entspricht. Die Muslime wie auch andere Minderheiten haben selten gegen ihre Identität als Inder rebelliert. Obwohl von rechtsradikalen Kreisen rund um die BJP oft als „Pakistani“ gebrandmarkt, hat sich die Mehrzahl der indischen Muslime loyal zu ihrem Staat verhalten. Das steht im Gegensatz etwa zu anderen multireligiösen Gesellschaften, etwa der britischen, wo es regelmäßig zu Unruhen kommt. Indien gibt der ganzen Welt ein Beispiel für ein multireligiöses und multikulturelles Zusammenleben.
Als Anfang der neunziger Jahre die wirtschaftliche Liberalisierung unter Premierminister Narasimha Rao einsetzte, bedurfte es keiner Kulturrevolution wie in China mit Millionen von ermordeten oder verhungerten Bauern. Indien hat seit der Kolonialzeit, genauer seit 1943, keine Hungersnot mehr erlebt und hat Versorgungsengpässe mit immer besserem Krisenmanagement überwunden. Heute exportiert Indien Getreide in andere Länder. Mit der Liberalisierung kamen die Privatisierung und damit größerer Wettbewerb. Das nationale Fernsehen mußte mit Privatprogrammen konkurieren, die nationalen Fluggesellschaften mit Privatlinien, die Post mit privaten Kurierunternehmen. Dieser allgemeine Aufbruch erfaßte auch das kritische Bewußtsein und das Verlangen nach höherer Lebensqualität. Bisher war Lebenssicherheit innerhalb der Großfamilie die Maxime gewesen, heutzutage ist gerade in der städtischen Mittelschicht das individuelle Lebensglück ein nennenswertes Ziel.
Trauma der „Emergency“-Jahre
Dem Individuum gelingt es auch eher, sich aktivistisch für das Gemeinwohl einzusetzen, als einem in der Familie eingebundenen Menschen. So sind Bürgerinitiativen entstanden und haben sich in einer Vielzahl von Nichtregierungsorganisationen zusammengefunden, um für den Schutz der Wälder, Flüsse, Sümpfe, der Tiere und Pflanzen zu streiten. Die Presse war und bleibt offen und kritisch wie die im Westen, obschon sie manchmal an die Interessen großer Industriehäuser, ihrer Finanzierer, gebunden ist. Wer seine Meinung gegen die Mächtigen kundtun will, findet aber immer ein Forum. Dieser Wille zur freien Meinungsäußerung, den Amartya Sen besonders hervorhob, zeigte sich etwa 1975, als unter Indira Gandhi die Notstandsgesetze in Kraft traten und die demokratischen Rechte drastisch beschnitten. Damals herrschte zwar eine beispiellose Disziplin im öffentlichen Leben, aber keine Freiheit. Bei nächster Gelegenheit, im Jahr 1977, wurde Indira Gandhi abgewählt. Die „Emergency“-Jahre bleiben in der nationalen Erinnerung ein Trauma.
Der Aufschwung auf allen Ebenen setzt sich fort. Nicht nur der Boom der Informationstechnologie ist bemerkenswert, auch private Elite- und Fachuniversitäten schießen aus dem Boden und beginnen, die besonderen Bedürfnisse an technologischen Kenntnissen zu befriedigen. In der gesamten „Knowledge Industry“ (Wissensindustrie), in der Unterhaltungsindustrie, bei den Kommunikationssystemen, in der Tourismusbranche herrscht fiebrige Aktivität. Wie sagte schon der Journalist Vir Sanghvi? „Es ist heutzutage ein Vergnügen, ein Inder zu sein.“
Riß durch die Gesellschaft
Der ehemalige Gouverneur der indischen Staatsbank, der Reserve Bank of India, Bimal Jalan, setzte kürzlich in einem Essay im Wochenmagazin „Outlook“ hinter die Liste der indischen Erfolge ein „Aber“. „Die Erfolge“, schrieb er, „liegen alle in der Privatwirtschaft, nicht im Verantwortungsbereich der Regierung. Schlimmer noch, man muß einen immensen Niedergang der staatlichen Führungsqualitäten verzeichnen.“ Jalan kritisierte, daß „beinahe alle staatlichen Systeme öffentlicher Dienste“ schlecht funktionieren.
Amartya Sens „Ja, aber“ ist noch emphatischer. Sosehr ihn die Erfolge freuen, so klagt er doch, daß der Aufschwung nicht die gesamte Bevölkerung erfaßt. Die alte Ungleichheit von Klassen und Kasten löst sich nicht auf, sondern wird größer. Längst hat sie sämtliche Lebensbereiche erfaßt: „Dieselben Menschen sind arm, was Einkommen und Vermögen betrifft, sind analphabetisch, arbeiten für einen unangemessenen Lohn, haben keinen Einfluß auf das politische Geschehen, können keine gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Chancen wahrnehmen und werden von der Polizei mit brutaler Härte behandelt.“ Er beklagt einen tiefen Riß, der die Gesellschaft teilt und das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Selbstverständnis prägt.
Im Schatten seines Image
Sen betrachtet zwei Gebiete genauer: Ernährung und Erziehung. Zwar sei es dem Staat hoch anzurechnen, daß keine Hungersnöte mehr entstehen, doch sei die Ernährungslage „ziemlich schrecklich“. „Es gibt nicht nur die ständige Präsenz schweren Hungers in bestimmten Regionen, sondern es besteht auch die schreckliche Prävalenz endemischen Hungers in weiten Teilen Indiens.“ Erst kürzlich wurden von den Vereinten Nationen Zahlen veröffentlicht, die belegen, daß 47 Prozent der indischen Kinder unterernährt sind. Diese Unterernährung besteht fort, obwohl Indien einen noch nie erreichten und auch für Krisenzeiten mehr als genügenden Vorrat an Getreide besitzt. Die Ernährung ist also ein Problem der Verteilung, der Preisregulierung sowie ehrlicher und effizienter Verwaltung.
Amartya Sen deutet auf China, das früh die Primärerziehung und die Volksgesundheit zu seinen wichtigen Zielen erklärte. Heute ist die allgemeine Alphabetisierung Indiens trotz Schulpflicht noch längst nicht abgeschlossen. Inzwischen bezahlt der Staat die Lehrer im Vergleich zu früher ausgezeichnet, was sich nicht in einem stärkeren Engagement und einer größeren Disziplin der Lehrer ausdrückt. Das gute Gehalt entfernt die Lehrer gesellschaftlich noch mehr von ihren ärmeren Schülern. Es ist üblich geworden, daß sogar die Schüler der untersten Klassen Nachhilfeunterricht brauchen, damit sie weiterkommen. Also ist die Primärschulerziehung nicht mehr kostenlos. Der Nachhilfeunterricht ist zur großen Industrie geworden.
Die günstigen Wirtschaftszahlen haben zur Folge, wie von Organisationen in Europa zu erfahren ist, daß die Bereitschaft, für Indien zu spenden, merklich zurückgegangen ist. Wenn von Armut und Krankheit die Rede ist, denkt man zuerst an Afrika. Indien steht im Schatten eines Image, das es selbst mit zäher Mühe aufgebaut hat. Nun muß das Land diesem Image auch entsprechen. Das bedeutet, es wird den gesellschaftlichen Riß zwischen den Privilegierten und den Armen kitten müssen.