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„Ganz oben Ganz unten“ : Mit Christian Wulff in der Schlangengrube

Machenschaften der vierten Gewalt? Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff bei der Präsentation seines Buches am Dienstag in Berlin Bild: Hans Christian Plambeck/laif

Der frühere Bundespräsident schreibt über seinen Aufstieg und seinen Sturz. Schuld an letzterem waren andere. Wie viel sein Fall mit ihm selbst zu tun hat, kann er noch immer nicht erkennen.

          Weshalb stürzt ein Politiker? Christian Wulff sieht die Sache in seinem Fall so: Er wurde 2010 zum Bundespräsidenten gewählt und war dafür auch die richtige Person. „Tatsächlich hielt ich das Amt des Bundespräsidenten seit längerem für ein besonders reizvolles Amt, das zu meinem Politikverständnis passte.“ Er habe sich für den Zusammenhalt der Gesellschaft eingesetzt, gegen die Exzesse des Finanzkapitalismus und für eine bunte Republik. Das habe ihm viel Zustimmung eingetragen.

          Aber auch mächtige Gegner. Sie verortet Wulff am Rande in seiner eigenen Partei, der CDU, vor allem aber in den „Chefetagen großer deutscher Zeitungen“, auch dieser. Dort säßen nämlich Vertreter eines „neudeutschen Konservatismus“, die zum Teil ehemalige Linke seien und darum umso schärfer reagiert hätten, als an der Spitze des Staates ein Gleichaltriger erschien, der den Islam als zu Deutschland gehörig bezeichnete und in einer Patchwork-Familie lebte. Denn das, so legt es Wulff nahe, entwertete ihre eigene Wendung ins Konservative oder ihren Katholizismus. Außerdem sei die „Bild“ enttäuscht gewesen, dass er sein Privatleben (Scheidung, Hochzeit und Hochzeitsreise, erster Urlaub als Bundespräsident) zunehmend unterhalb der Berichterstattung geführt habe.

          Maßstäbe einer Trauerspielwelt

          Die Medien also – hier einmal nicht, wie bei Sarrazin, eine Domäne der aktuell Linken – hätten eine Jagd auf ihn begonnen. Diese Jagd erfolgte durch Herabsetzung seiner Reden, durch Versuche, sein Leben zu skandalisieren, und mit journalistischen Recherchen wegen vermuteter Vorteilsnahme. Unter dem Eindruck dieses Mediendrucks habe schließlich die Staatsanwaltschaft Hannover Ermittlungen gegen ihn aufgenommen, die zu einem Antrag führten, seine Immunität aufzuheben, was ihn zum Rücktritt als Bundespräsident zwang. Ein in der Sache völlig widersinniger Rücktritt, weil an den Vorwürfen wegen Korruption, wie ein Gericht inzwischen festgestellt habe, schlechterdings nichts dran gewesen sei.

          Weshalb also stürzt ein Politiker? Christian Wulff meint: wegen Machenschaften, die gegen ihn laufen, wegen Journalisten, die sich als vierte Gewalt nicht nur aufspielen, sondern eine solche Gewalt sind, wegen absichtsvoll falscher Berichterstattung. Und wegen einer Staatsanwaltschaft, die für Wulff verantwortungslos handelte.

          Es ist eine Trauerspielwelt, in der Christian Wulff seinen eigenen Sturz deutet, eine Friedrich-Schiller-Welt der bösartigen Verabredungen, der gut plazierten Gerüchte, der falschen Freunde, des Amtsmissbrauchs, der Machtinteressen und eines generalisierten Zynismus’. Es ist eine Welt, in der die Träger der guten Absichten ständig Fehler machen, weil sie nicht argwöhnisch genug sind, weil sie an ihre Rechte glauben, weil sie Politik nicht als Inszenierung verstehen und an ein gegebenes Wort glauben.

          Wer wollte bestreiten, dass es diese Welt gibt? Wollte der Journalismus sich als reine Aufklärung darstellen, es wäre genauso absurd wie eine Selbstdarstellung von Politik als angewandte Ethik. Die Ergänzungen, die Wulff zu dem Bild macht, das man vom Boulevard haben kann – wer wollte bestreiten, dass sie aus erster Hand sind? Über den Titel seines Buches zu höhnen, mit einer staatlichen Pension sei er wohl kaum „ganz unten“ angelangt, ist abgeschmackt, weil die Skala, die Wulff an sich anlegt, keine ökonomische ist; „ganz oben“ wäre er auf einer solchen Skala ja auch als Bundespräsident nicht gewesen. Es geht Wulff in der Rekonstruktion seines Sturzes vielmehr um Maßstäbe aus jener Trauerspielwelt, um solche der Ehre, der persönlichen Selbstachtung und des zivilen Respekts. Nach ganz unten haben ihn auf dieser Skala öffentlicher Anerkennung jene gebracht, die über ihre Anwendung entscheiden: Journalisten.

          Addition vieler Misslichkeiten

          Doch in diesem Bild fehlt etwas, diese Schilderung der politischen Medienwelt als Trauerspiel ist unvollständig. Und zwar derart unvollständig, dass man sie falsch nennen muss. So haben in dieser Welt am Aufstieg des Politikers die Medien immer nur beiläufig einen Anteil. „Eine Ansprache zu halten, die Menschen motiviert“, schreibt Wulff, „anschließend ansprechbar zu sein für jeden Bürger, sich die Zeit zu nehmen, dem einzelnen die ihm gebührende Aufmerksamkeit zu widmen und später das Nötige zu veranlassen“ – das sei für viele bloß lästige Pflicht und Routine, für ihn hingegen eine der schönsten Aufgaben. Dass Politiker in Talk-Shows drängen, dass sie Volksfeste nicht besuchen, um den Menschen nahe zu sein, dass die dem einzelnen gebührende Aufmerksamkeit für sie nach Minuten bemessen ist und dass das viele Händeschütteln ohne Kameras und Journalisten im Gepäck für sie gar keinen Sinn hätte, das alles kommt bei ihm nicht vor. Der Politiker, so einer wie Wulff jedenfalls, ist nie am eigenen Fortkommen, nur an dem des Landes interessiert.

          Was die Journalisten angeht, so erweckt Wulff den Eindruck, dass, wenn so viele von ihnen seine Person kritisierten, dies auf einer Absprache beruhen musste. Ob es nicht auch daran liegen konnte, dass seine Person, sein Handeln und seine Redensarten den unterschiedlichsten Beobachtern etwas boten? Man wird Wulff nach fast vierzig Jahren, die er in der Politik verbrachte, nicht vorwerfen wollen, dass er weder von sich abstrahieren, noch sich von außen betrachten kann. Aber dieses Unvermögen erzeugt dann eben Sätze wie diesen: „Das politische Berlin schien mir eine Schlangengrube zu sein.“ Oder jenen, dass er das Amt des Bundespräsidenten für sich ganz passend fand. Müssen für Journalisten, die solche Sätze komisch, verblasen oder heuchlerisch finden, weil auch das politische Hannover kein Nonnenstift gewesen sein dürfte und „passend“ nicht gut zu „Amt“ passt, eigens unlautere Motive gefunden werden? Dass er einem Redakteur dieser Zeitung, der, im selben Verlag, ein Buch gegen Panikmache vor dem Islam geschrieben hat, als Motiv Islam-Kritik unterschiebt, ist nur ein Beispiel dafür, dass auch Wulff zu dem neigt, was er bedenkliche journalistische Praktiken nennen würde.

          Die Rhetorik dieses Buches beruht auf einem Kurzschluss.

          In Wulffs Welt kommt, mit anderen Worten, die Möglichkeit gar nicht vor, dass jemand, der sich als voller guter Absichten darstellt und sogar Mehrheiten hat, von anderen gleichwohl als fragwürdig wahrgenommen wird. So beruht die Rhetorik dieses Buches auf dem Kurzschluss, dass, wenn an den Korruptionsvorwürfen gegen ihn nichts dran war, auch an der ganzen Ablehnung, die er erfahren hat, nichts dran war. Wulff legt eine sehr lange Liste von Entscheidungen vor, die ihm nachträglich leid tun oder die er für einen Fehler hält. Das ehrt ihn. In die Analyse seines Sturzes mag er sie aber nicht recht einbeziehen, der ist für ihn zu groß, als dass er sich nur aus der Addition dieser vielen Misslichkeiten ergeben konnte.

          Oder daraus, dass ihn zuletzt fast niemand mehr verteidigen mochte. Was haben Politiker nicht alles für Skandale und Fehler im Amt überlebt – weil sie Unterstützung hatten, beim Vorgesetzten, in der Partei, in den Medien, beim Volk, aufgrund ihrer Person, ihrer Fähigkeiten, ihres Drohpotentials, oder weil sie für irgend jemanden wichtig bleiben. Man kann fallen, weil einem jemand ein Bein stellt. Wenn man danach nicht wieder hochkommt, liegt es nicht am Bein. Insofern ist es für Christian Wulff tatsächlich ein Trost, nicht mehr auf der Bühne zu stehen. Bei der Buchvorstellung in Berlin hat er gesagt, er sei nun ein freier Mann. Das war wörtlich zu nehmen: Als er sein Buch schrieb, war er es noch nicht und konnte es auch gar nicht sein.

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