22.10.2004 · „Erinnerung an meine traurigen Huren“: Nach zehn Jahren hat Gabriel García Márquez wieder ein erzählerisches Werk veröffentlicht. Es ist, wie immer bei García Márquez, mehr als nur ein literarisches Ereignis.
Von Walter Haubrich, MadridSeit zehn Jahren hatte Gabriel García Márquez kein erzählerisches Werk mehr veröffentlicht. 1994 war der Roman "Von der Liebe und anderen Dämonen" erschienen, danach die große journalistische Reportage "Nachricht von einer Entführung" und der erste Band seiner Memoiren, der allerdings ein eminent literarisches Buch mit beachtlichen erzählerischen Qualitäten ist.
Das gerade in einer Erstauflage von einer Million Exemplaren bei Mondadori veröffentlichte Bändchen "Memoria de mis putas tristes" (Erinnerung an meine traurigen Huren) ist - nicht nur vom Umfang her gesehen - eigentlich eine Novelle; García Márquez hatte vor vielen Jahren schon mit der Niederschrift begonnen und wollte das kleine Werk zunächst innerhalb eines Bandes von Erzählungen veröffentlichen. Während der Arbeit am zweiten Band seiner Memoiren schrieb er die unveröffentlichte Erzählung weiter und beendete sie im vergangenen Mai als Novelle oder, wie man im spanischen Sprachraum gewöhnlich sagt, "als kurzen Roman".
Mit den ersten Sätzen direkt ins Herz
Wie auch in anderen Romanen, etwa in "Hundert Jahre Einsamkeit" oder "Chronik eines angekündigten Todes", führen in den "Traurigen Huren" schon die ersten, einprägsamen Sätze mitten ins Herz der Geschichte. Der greise Erzähler kündigt an: "Im Jahr, in dem ich neunzig wurde, wollte ich mir zum Geburtstag eine Nacht wilder Liebe schenken, mit einem Mädchen, das noch Jungfrau war." Als er von einer ihm bekannten Kupplerin das jungfräuliche Mädchen vermittelt bekommt, verliebt er sich wie nie zuvor. Doch aus der geplanten "Nacht wilder Liebe" werden mehrere Nächte platonischer Liebe, in denen er das schlafende Mädchen Delgadina betrachtet, ohne sie anzurühren. Er sagt sich selbst, daß er sie schlafend bevorzugt, und weckt sie nicht.
Während er die schlafende, nackte Delgadina betrachtet, erinnert er sich an die erotischen Erfahrungen seines langen Lebens, an einige seiner insgesamt fünfhundertvierzehn Frauen, die er immer bezahlt hatte. Die wenigen, die keine Prostituierten waren, hatte er beschenkt, "um seine Ruhe zu behalten". Die Huren, die keineswegs alle traurig waren, ließen ihm keine Zeit zum Heiraten. Der Titel des Buches ist auch der eines erotischen Tagebuches, in das der Erzähler - von Beruf Lehrer für spanische Grammatik und Latein - seine sexuellen Erlebnisse mit den Namen der Partnerinnen, Zeit, Ort und besonderen Umständen eingetragen hatte. Die lange Betrachtung des schlafenden Mädchens stürzt den Neunzigjährigen in eine von seiner methodischen Vernunft nicht kontrollierbare Verliebtheit, in der er sich selbst nicht mehr erkennt.
Wenn einen die Liebe nicht erreicht
Nach den ersten Nächten mit dem schlafenden Mädchen im Zimmer des von der Kupplerin geführten Bordells schreibt er ganz anders. Seine bis dahin wenig beachteten und jetzt durch seine Emotionen bereicherten Zeitungsartikel werden nun viel diskutiert und machen ihn in weiten Kreisen populär. Er kommt zu Einsichten, die ihn selbst überraschen, wie etwa der, daß "Sex nur ein Trost ist, wenn einen die Liebe nicht erreicht". Dem schlafenden Mädchen liest er aus dem "Kleinen Prinzen" Saint-Exupérys und aus einer für Kinder gereinigten Ausgabe von "Tausendundeiner Nacht" vor und singt für sie Boleros, Lieder der einfachen romantischen Liebe. Er verwechselt zunehmend die wirkliche mit einer in seiner Phantasie entstehenden, irrealen Welt.
Der Mann, der sein Leben lang Sex mit Professionellen bevorzugt hatte, wird von Anfällen der Eifersucht und der Verzweiflung heimgesucht, als er wähnt, die junge Delgadina habe den Beruf einer Hure ergriffen. Immer hatte er gedacht, daß "aus Liebe sterben nicht mehr als eine literarische Floskel" sei, und sieht sich nun selbst "vor Liebe sterben", als er Delgadina für sich verloren glaubt. In seiner Verzweiflung können ihn auch die ein Leben lang bevorzugten Bücher nicht mehr trösten - etwa Thomas Manns "Der Zauberberg" oder "Die muntere Andalusierin", ein Buch des Priesters Francisco Delicado aus dem 16. Jahrhundert über die Künste und Tricks der Huren. An seinem 91. Geburtstag, in einem Alter, in dem die meisten Sterblichen schon tot sind, fängt so für den Erzähler ein neues Leben an, und der kleine Roman kommt zu einem unerwarteten, für die drei wichtigen Personen versöhnlichen Schluß.
Alle Geschmacklosigkeiten vermieden
García Márquez verdankt die Anregung für sein neues Buch dem japanischen Schriftsteller Yasunari Kawabata; aus dessen Werk "Die schönen Schlafenden" nimmt er das vorangestellte Motto: Man sollte nichts von schlechten Geschmack tun, auch nicht im Umgang mit schlafenden Frauen, so wird darin ein alter Mann ermahnt. García Márquez selbst vermeidet alle bei dem Thema seines Buches vielleicht naheliegenden Geschmacklosigkeiten. Die Entwicklung des Protagonisten wirkt allerdings nicht so zwingend wie die inhaltliche Abfolge in früheren Werken von García Márquez, manches erscheint eher zufällig. Ein Hang zur Verspieltheit macht sich auch in der Sprache bemerkbar. Zwar werden die Dinge immer noch mit großer Genauigkeit benannt; doch ist man nicht immer sofort überzeugt, daß hier kein einziges Wort verändert oder ausgetauscht werden könnte.
Mehr als nur ein literarisches Ereignis
Die Veröffentlichung eines neuen Buches von García Márquez wird in den zahlreichen spanischsprachigen Ländern notwendigerweise zu mehr als nur einem literarischen Ereignis. Die Publikation der Bücher des Nobelpreisträgers beschäftigt seit einigen Jahren auch Richter, Polizisten, Literaturspione und Raubdrucker und zwingt die Verleger des Werkes in Kolumbien, Spanien, Argentinien und Mexiko zu fast verschwörerischen Geheimhaltungsmaßnahmen. Nur eine einzige Person pro Verlag darf das Manuskript lesen, und selbst die mächtige Literaturagentin Carmen Balcells muß schwören, ihren Freunden die Druckfahnen nicht zu zeigen.
García Márquez hatte sich mehrmals über Vorabdrucke in Zeitungen, die er nicht mag, geärgert und erlaubte diesmal nicht einmal, Vorausexemplare an die Kritiker zu verteilen. Der Publikationstermin wurde mehrmals verschoben; der spanische Verlag hielt nicht einmal das von ihm selbst angekündigte Datum ein; die Verteilung an die Buchhandlungen verzögerte sich. In Kolumbien wurde trotzdem eine Woche vor der legalen Veröffentlichung ein Raubdruck zum Drittel des Preises im Straßenverkauf angeboten. Doch schlug der Autor den Produktpiraten ein Schnippchen, indem er einfach das letzte Kapitel kurz vor der Drucklegung noch änderte, so daß die illegale Version nicht den echten, autorisierten Romanschluß enthält.
Während so Kritiker und Leser tagelang auf die Verteilung der einzig wahren Version von "Memoria de mis putas tristes" warteten, wurde schon das nächste Buch des kolumbianischen Nobelpreisträgers angekündigt, der Erzählungsband "En Agosto nos vemos" (Im August sehen wir uns), allerdings noch ohne Erscheinungsdatum.