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Fußball-Bücher Niemand ist schnell in einem Fahrstuhl

29.05.2006 ·  Achtundneunzig Bücher wurden zur Fußball-Weltmeisterschaft auf den deutschen Markt geworfen, das beste stammt von einem Fußballer. Was man gelesen haben sollte, bevor das Eröffnungsspiel beginnt.

Von Jürgen Kaube
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Achtundneunzig Bücher, wurde gezählt, sind zur Fußball-Weltmeisterschaft auf den deutschen Markt geworfen worden. Eine solche Literatur als Ganzes zu übersehen kann von niemandem verlangt werden. Muß es auch nicht: Denn es finden sich in ihr ziemlich viele Schriftsteller, denen zufällig zur WM eingefallen ist, immer schon große Fans gewesen zu sein.

Und es gibt jede Menge Beiträge, die kurz vor Kassenschluß schnell noch zusammengegoogelt wurden, wie Rainer Moritz' Buch über das Abseits („Das letzte Geheimnis des Fußballs“, Verlag Antje Kunstmann), dessen Substanz für einen guten zehnseitigen Aufsatz ausgereicht hätte. Weil es aber, wie manches andere, ein Mitverdienbuch werden mußte, erfährt man dort, daß es von Theodor Storm ein Gedicht sowie eine Novelle mit dem Titel „Abseits“ gibt; daß bei Käpt'n Blaubär einmal die Herkunft der Regel lustig erklärt wurde; daß die Regel „einerseits eindeutig“ ist und „andererseits eine Grauzone des Ermessens“ zuläßt und daß sie den Reiz des Spiels erhöht. Danke, Autor, das alles mußte wirklich mal gedruckt werden.

Prachtwerk über die zwölf Stadien

Unter den Büchern, aus denen man hingegen etwas über Fußball lernen kann, sind zwei, die wir hier nicht ausführlich besprechen: Noch aus der Produktion des vergangenen Jahrs stammt Torsten Körners Beckenbauer-Biographie. Sie lohnt die Lektüre nicht nur, weil ihr Gegenstand für die Geschichte der Bundesrepublik Schlüsselqualitäten hat. Körner schreibt über den ersten deutschen Fußballstar des Fernsehzeitalters auch mit großem Gespür für das, was aus Lebenszufällen und Leitmotiven eine Karriere macht. Man legt das Buch so schnell nicht weg.

Zum anderen gibt es einen herrlichen Band zu dem, was von der WM bleiben wird: Chris van Uffelens bautechnisch wie soziologisch informatives Prachtwerk über die zwölf Stadien, zugleich eine grandios illustrierte Architekturgeschichte des Publikumssports: von den griechischen Theatern und Gymnasien über mittelalterliche Turnierplätze, Stierkampfarenen und barocke Reithallen bis zu den Ballspielhäusern der Frühmoderne und den klassischen Stätten des Massensports. Wer sich für ästhetische Vorbedingungen kollektiver Begeisterung interessiert, kommt um dieses Anschauungsmaterial nicht herum.

Der Begriff „passives Abseits“ ist naiv

Nun aber zu den drei Büchern, die gut genug geschrieben sind, um noch vor der WM gelesen zu werden, und ihrem Inhalt nach geeignet, unsere Wahrnehmung der Spiele zu schärfen. In einem davon denkt Wolfram Eilenberger nach: darüber beispielsweise, warum gerade im Fußball so viele Spieler Trainer werden. Oder darüber, worin der Unterschied zwischen Arsenal Londons Spielweise und derjenigen von Chelsea besteht oder worin Ottmar Hitzfelds Qualitäten liegen mögen. Was Eilenberger auf fast zu knappem Raum über die Rolle des Ersatztorwarts sagt, des einzigen Reservespielers, der sich nicht wie die anderen am Spielfeldrand warm machen darf, weil das den Torhüter im Spiel nervös machen würde, ist bestechend. Man atmet durch: endlich einmal ein Essayist, der nicht ständig über die Sache hinwegphantasiert, sondern etwas gesehen hat, was ihn beschäftigt: daß sich an der Haltung zu Unentschieden die Einstellung zum Fußball entscheidet. Daß der Begriff „passives Abseits“ naiv ist, weil die bloße Anwesenheit eines Angreifers die Verteidigung irritiert. Daß David Beckham auch auf dem Platz eine fragwürdige Erscheinung ist.

Bei manchen Thesen möchte man dem Autor zwar im Idiom der Fußballer ins Wort fallen: Du Bratwurst, wie kannst du denn nach dem EM-Sieg der Griechen noch behaupten, mit dem „deutschen Stil“ sei kein Blumentopf mehr zu holen? Aber immerhin, der Autor hat Thesen, formuliert sie gut, übertreibt gern und zeigt sich an der Sache interessiert. Sein Buch hat nur einen kleinen, kompositorischen Fehler. Es beginnt mit Stücken über die Fans, und die sind nun selbst für Fans kein einladendes Thema. Also: erstes Kapitel überspringen, und Eilenbergers Gedanken befeuern jede Halbzeitdebatte.

Stadion-Atmosphäre zwischen Buchdeckeln

Das Gegenstück zu diesen philosophischen Kolumnen sind die Chroniken des 1980 verstorbenen Nelson Rodrigues, die jetzt auf deutsch unter einem dämlichen Titel veröffentlicht worden sind. Für den brasilianischen Dramatiker, der den Fußball seines Landes seit Mitte der fünfziger Jahre begleitete, war Analyse nur etwas für „Objektivitätsidioten“, Stimmung hingegen alles.

Doch ebendie Atmosphäre im Stadion, das Temperament der Spieler - immer wieder Garrincha und Pele -, den Charakter der Begegnungen schildert er in einer präzisen und zugleich mitleidenden Sprache, wie man sie deutschen Reportern mit ihrem drögen „Da geht noch was!“ und ihrem phantasielosen Protokollstil wünschen möchte. Über die Macht des Spielers, der ein Match ganz allein entscheidet, formuliert er, Zizinho habe das Spiel schon gewonnen, noch bevor er sein Trikot durchschwitzte, praktisch schon, als seine Einwechslung angekündigt worden war, „im Grunde genommen hätte er sogar auch von zu Hause aus, per Telefon spielen können“. Auf verstorbene Helden, wie den im Flugzeug mit Manchester United abgestürzten Taylor, schreibt er die bewegendsten Nachrufe. Sieg und Niederlage kostet er in immer neuen Formulierungen aus. Für Rodrigues ist Fußball ein vollständig magisches Geschehen der Energieübertragung von einzelnen auf Kollektive und umgekehrt. Und eben weil seine tiefste magische Überzeugung ist, daß grottenschlechte Mannschaften mit grottenschlechten Fans zusammenhängen, schreibt er so leidenschaftlich: Er glaubt, daß das zuletzt auch dem Team nützt.

Niemand ist schnell in einem Fahrstuhl

Die Synthese aber aus Analyse und Einfühlung, und damit das beste Fußballbuch der Saison, ist in einem kleinen Münchner Verlag herausgekommen: die Fußballkommentare des großen argentinischen Mittelfeldspielers Jorge Valdano, heute Vorstandsmitglied von Real Madrid. Valdano, der zumeist über den Fußball zwischen 1982 und 2000 handelt, ist als Schreiber das, was man im Fußball einen „kompletten Spieler“ nennen würde. Er hat für die ökonomische Seite des Sports genausoviel Sinn wie für den Bewegungsstil einzelner Spieler, die Ansprüche guten Verteidigens, den Sinn des Dribbelns oder für die Erfordernisse einer guten Jugendarbeit. Nur ein paar Thesen als Muster: Daß die Räume im modernen Fußball immer enger werden, kontert er mit der Beobachtung, daß man wie die Portugiesen 2000 erst einmal in die Breite spielen kann. Die Italiener warnt er, sie merkten nie, wenn ihr Spiel in einer Krise stecke, weil sie immer nur knapp verlieren. Früher, so seine Klage, machte man alle, die nicht fürs Mittelfeld taugten, zu Verteidigern, heute steige jeder ein bißchen begabte Innenverteidiger zum Mittelfeldspieler auf.

Man muß diese Thesen nicht teilen, aber bewundern, wie Valdano zu ihnen findet. Dabei pflegt er einen einprägsamen Stil: über Ronaldo, der zu oft besessen aufs Tor zuläuft: „Niemand ist schnell in einem Fahrstuhl.“ Über das Mißverständnis des Tempomachens bei „Mannschaften, die so viel laufen, daß man den Eindruck hat, sie glaubten, die Partie würde dadurch schneller beendet sein“. Und welches Team charakterisiert er wohl so: „Die einzige Mannschaft, die keinen Ball braucht, um den Gegner zu verwirren“? Wer es sofort errät, wird dieses Buch lieben. Alle anderen werden es brauchen.

Wolfram Eilenberger: „Lob des Tores“. 40 Flanken in Fußballphilosophie. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2006. 205 S., br., 8,90 [Euro].

Nelson Rodrigues: „Goooool!“ Brasilianer zu sein ist das Größte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 176 S., br., 7,- [Euro].

Jorge Valdano: „Über Fußball“. Bombus-Verlag, München 2006. 265 S., geb., 16,90 [Euro].

Chris van Uffelen: „2:0 0:6“. Die Stadien. Verlagshaus Braun, Berlin 2006. 176 S., geb., 49,80 [Euro].

Torsten Körner: „Franz Beckenbauer“. Der freie Mann. Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2005. 380 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: F.A.Z., 29.05.2006, Nr. 123 / Seite 41
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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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