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Friedmar Apel Mein Lieblingsbuch: „Nachtstücke“

28.07.2004 ·  Die heimliche Nachtlektüre des Kindes war ein Spiegel seiner Ängste und Phantasie. E.T.A. Hoffmanns „Nachtstücke“ sind ein Elixier gegen das „miserable Einerley“ des Alltags.

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Als Kind las ich vorwiegend nachts und heimlich. Da mein Vater sich jenseits von "Bild" wenig auskannte, konnte er mir nichts Bestimmtes verbieten, nächtliche Lektüre war ihm aber prinzipiell verdächtig.

Mein Großvater freilich, ein streng katholischer Lehrer, kannte den unchristlichen Gespenster-Hoffmann nur zu gut. Dennoch befanden sich die Bände nicht im verschlossenen Giftschrank in der guten Stube; die Fraktur, dachte der Opa, schützte hinreichend vor kindlichem Zugriff. Irrtum. Bereits der Titel hatte meine Neugier seltsam erregt, obwohl ich damals noch nicht wissen konnte, wie vieldeutig er auf den Kosmos der Kunst, Musik und Philosophie der anbrechenden Moderne verwies.

Spiegel der Ängste

In E. T. A. Hoffmanns 1816/17 veröffentlichtem Zyklus von nächtigen Erzählungen fand das stets zu Vernunft und Frömmigkeit angehaltene Kind den Spiegel seiner Ängste und Phantasien. Was es wirklich mit dem "Sandmann" auf sich hatte, lernte es hier. Aber es war nicht nur das Unheimliche und Abgründige der menschlichen Seele, das der kleine Teufel in mir nächtens mit gesträubtem Haar genoß, ich fühlte mich auch auf eine so wunderliche wie herzliche Weise angesprochen und ernst genommen.

"Hast Du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das Deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte, alles andere daraus verdrängend? Es gärte und kochte in Dir, zur siedenden Glut entzündet sprang das Blut durch die Adern und färbte höher Deine Wangen ..." Ja, das alles war bei mir der Fall, und so wurde der trinkfeste, ironische und tapfere Romantiker mein bester literarischer Freund und die "Nachtstücke" mein Elixier gegen das "miserable Einerley" des Alltags.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2004, Nr. 174 / Seite 31
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