Home
http://www.faz.net/-gr0-oa2t
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Mittwoch, 15. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Friedenspreis Susan Sontag: „Deutschland ist kein normales Land“

11.10.2003 ·  Am Sonntag hält Susan Sontag, die den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommt, ihre Dankesrede. Am Tag davor zeigte sie sich gar nicht friedlich - und attackierte Bush, Berlusconi und Schwarzenegger.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Deutschland muß nach Ansicht der Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Susan Sontag, auch künftig mit der Erinnerung an den Holocaust leben.

Die amerikanische Autorin distanzierte sich am Samstag auf der Frankfurter Buchmesse von Äußerungen des früheren Preisträgers Martin Walser. Der Schriftsteller hatte 1998 bei der Verleihung der Auszeichnung in seiner Dankesrede die ständige Thematisierung der Judenvernichtung als „Moralkeule“ bezeichnet und vor einer Instrumentalisierung von Auschwitz gewarnt. Dies hatte weit über Deutschland hinaus für monatelange Diskussionen gesorgt.

„Provokante“ Rede

Wenn Walser glaube, Deutschland müsse einen Schlußstrich unter seine Vergangenheit ziehen, sei sie „komplett anderer Meinung“, sagte die streitbare 70jährige Autorin aus New York, die am Sonntag den Friedenspreis entgegennimmt und eine „provokante“ Rede angekündigt hat. „Was Deutschland so großartig macht, ist eben, daß es kein normales Land ist“, urteilte Sontag.

Sontag gilt als hervorragende Kennerin der deutschen Literatur und als die „europäischste Intellektuelle“ in den Vereinigten Staaten. Als prominente Vertreterin der amerikanischen Linken war sie eine scharfe Kritikerin des Irak- Kriegs. Deutschland habe beim Umgang mit seiner Vergangenheit „einzigartige Anstrengungen“ unternommen. Dies werde gerade von „weltlichen Juden“ sehr geschätzt, sagte Sontag, die selbst Jüdin ist. Das dürfe jedoch nicht bedeuten, das der Holocaust künftig kein Thema mehr sei, sagte die Autorin, die sich vor allem mit kultur- und zeitkritischen Essays internationale Anerkennung erworben hat.

Amerikas Einpartei-System

Scharfe Kritik übte Sontag an der amerikanischen Regierung, die von „Radikalen“ der „äußersten Rechten“ übernommen worden sei. In den Vereinigten Staaten gebe es praktisch mit der Republikanischen Partei nur noch ein Einpartei-System, da die Demokraten ein „Ableger“ der Republikaner seien. Präsident George W. Bush - „dieser schreckliche Mann aus Texas“ - habe mit dem seit Jahrzehnten geltenden Grundsatz des Multilateralismus in der Außenpolitik gebrochen. „Diese Regierung hat den 11. September als Gelegenheit benutzt, um die Regeln zu verändern“, kritisierte Sontag. Für einen politischen Klimawechsel in Amerika sehe sie derzeit keine Chance, da es keine politische Opposition gebe.

Die Wahl des Schauspielers Arnold Schwarzenegger zum Gouverneur in Kalifornien sei nicht nur ein „schlechter Scherz“, sondern „ein Schritt mehr zum Ende der Politik“, urteilte Sontag. Schwarzenegger sei wie der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi ein Mann, der wegen seines Reichtums und Erfolgs gewählt werde. Zugleich seien beide so dumm, daß sich die Menschen über sie lustig machen könnten.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel