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Freier Denker : Der italienische Autor Antonio Tabucchi ist tot

  • -Aktualisiert am

Antonio Tabucchi 1943 - 2012 Bild: dpa

Der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi ist in Lissabon gestorben. Mit seinem Roman über die Zeit der portugiesischen Militärdiktatur „Erklärt Pereira“ gehörte er zu den populärsten Autoren der italienischen Gegenwartsliteratur.

          Literatur bedeutete für Antonio Tabucchi keinen Beruf, sondern eine Passion. Sich selbst bezeichnete einer der berühmtesten italienischen Schriftsteller deswegen gerne als „Universitätsprofessor für Literatur“. Das war der 1943 in Pisa geborene und aufgewachsene Büchermensch in der Tat. Er lehrte portugiesische Literatur in Genua, später in Pisa, wirkte als Direktor des italienischen Kulturinstitutes in Lissabon. In Europas Hauptstadt der Sehnsucht und der Saudade lebte Tabucchi fortan die Hälfte des Jahres. Hier widmete er sich nicht seinem Beruf, sondern seiner Leidenschaft: dem Schreiben sehr melancholischer, sehr elaborierter, sehr faszinierender Bücher.

          Der Autor selbst gab an, seine Faszination fürs Lusitanische stamme von einem Bändchen des großen portugiesischen Autors Fernando Pessoa, welches er bei einer Zugreise beim Gare de Lyon in Paris zufällig in die Hände bekam und das ihn an den Tejo zog. Pessoa, der multipersonale Dichter der ertragreichen Vergeblichkeit, der klassizistischen Zertrümmerung der Wahrheiten und der eitlen Einsicht in die eigene Unwichtigkeit wurde für Jahrzehnte zum Leitstern Tabucchis. Er widmete ihm zwei literarhistorische Sammelbände und etliche Werke, die ästhetisch deutlich von Pessoas Kosmos geprägt sind. Dass dieser lange vergessene Schriftsteller heute zu den ganz großen europäischen Geistern gezählt wird, ist auch Tabucchis Verdienst.

          An seinem eigenen literarischen Werk feilte Tabucchi hartnäckig und mit großem Feinsinn seit den achtziger Jahren. Erzählungen wie sein Erstling „Indisches Nachtstück“ oder „Die Frau von Porto Pim“ siedelte er mit einem Augenzwinkern in Richtung Joseph Conrad in einem exotischen Niemandsland des Begehrens und der Suche an. Was wie eine Nachforschung nach unerreichbaren Frauen oder verschollenen Seeleuten beginnt, erweist sich als eine Reflexion über das eigene, fragile Ich.

          Tabucchis sanft mäandernde Sprache, die in ihren Allusionen an die Klassiker dem Kitsch bewusst nicht aus dem Wege geht, kann süchtig machen. Sein Persönlichkeits-Übergang vom Toskaner zum Portugiesen, verstärkt durch die Ehe mit einer Portugiesin, ging in den Fußstapfen Pessoas und den Sprachwechslers Conrad so weit, dass Tabucchi seinen Roman „Requiem“ 1992 auf Portugiesisch verfasste und von einem Profi in seine Muttersprache übersetzen ließ.

          Die portugiesische Stimmung der Saudade - die wonnige Nostalgie nach einem nie erreichten Glück, die Trauer über den Verlust eines nie regierten Reiches - verführten den homo politicus Tabucchi aber nie, die realen Herrschaftsverhältnisse aus den Augen zu verlieren. „Erklärt Pereira“ - hinterher genial verfilmt mit Marcello Mastroianni in einer seiner letzten Rollen - ist das fast schon müde Protokoll einer Unterdrückung im faschistoiden System Salazars. Wie immer stellte sich Tabucchi hier im Gewand des eigentlich unpolitischen Doktors Pereira leise, doch bedingungslos auf die Seite des freien Denkens und des Widerstands: Die Mission des Geistesmenschen gegen jede bürokratische Erstickung bestehe im Zweifeln, im Forschen nach den unauflösbaren Ungewissheiten.

          In Italien prononcierte sich Tabucchi als Gegner des Berlusconismus. In regelmäßigen Beiträgen für den „Corriere della sera“, für „El país“, aber auch auf Deutsch für „Lettre“ ritt ausgerechnet der versponnene, romantische Portugiesischprofessor die politische Attacke gegen Ausländerfeindlichkeit und „Bedrohung der Demokratie“ durch die populistische Mediokratie. „Es wird immer später“ heißt sein Roman von 2001, der auch in Deutschland Erfolg hatte und schon im Titel von der müden Melancholie des Autors zeugt, die irgendwann nicht mehr nur gespielt war. „Und wenn Fernando Pessoa bloß so getan hätte, als sei er Fernando Pessoa?“, mutmaßt Tabucchi, der die schicksalhafte Camouflage als schreibender Imitator seiner selbst ein Leben lang würdevoll und mit großem ästhetischem Ertrag betrieben hat. An diesem Sonntag ist er nach langer Krankheit in Lissabon gestorben.

          Quelle: F.A.Z.

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