08.03.2006 · So geht das wirklich nicht, so arrogant darf niemand sein: Daß Hochmut vor dem Fall kommt, lehrt uns Hans Christian Andersen im Märchen vom „Fliegenden Koffer“ gleich dreimal.
Daß Hochmut vor dem Fall kommt, lehrt uns Hans Christian Andersen im „Fliegenden Koffer“ gleich dreimal. Am Anfang erlebt ein leichtsinniger jugendlicher Kaufmannssohn den wirtschaftlichen Absturz, nachdem er das Familienvermögen in kürzester Zeit für fragwürdige Ablenkungen verschleudert hat. Am Ende verliert er seinen Wunderkoffer, weil er sich in einem Anfall von Größenwahn als Türkengott ausgibt und mit Feuerwerkskörpern um sich wirft, bis das verzauberte Gepäckstück in Flammen aufgeht.
Und zwischendrin erzählt ebendieser junge Herr großmäulig ein eigenes Märchen: die Fabel vom Geschirr und den Küchengeräten, an deren Ende zwei allzu stolze Streichhölzchen verbrennen. Da möchte man rufen: Jawohl, lieber Herr Andersen, so geht das wirklich nicht, so arrogant darf niemand sein - und ist sich einig mit dem Dichter, daß der Aufschneider dieser Geschichte die türkische Prinzessin nimmermehr zur Ehefrau erhalten darf.
Wie Demut aussieht
Wie aber Demut aussieht, zeigt Andersen an sich selbst. Da erfindet er schon 1839 einen fliegenden Reisekoffer, mehr als ein halbes Jahrhundert vor den ersten Hopsern Otto Lilienthals auf seinem Hügel bei Anklam, und benutzt die Idee dann bloß als Vehikel seiner Moral. So taucht der Koffer überhaupt nur zwei-, dreimal auf - wie ich jetzt mit einigem Erschrecken nachlesen mußte.
In der Erinnerung war es anders: Da gab es keine Moral von der Geschicht', sondern es machte sich der Luftikus des Märchens auf den Weg um den halben Globus, um hier die Menschen zu beobachten und dort seinen Schabernack mit ihnen zu treiben. Ich glaubte mich an etliche Szenen zu erinnern, in denen das Reisen zum großen Vergnügen wird und die Welt zum Spielplatz für Abenteurer. Die Illustrationen werden nicht unerheblich zu den falschen Bildern im Kopf beitragen haben: der offene Koffer, in dem der lachende Held über den Himmel segelt. Es war der Koffer, den jedes Kind sich wünscht - und der auch heute, da Flugtickets erschwinglich geworden sind, bisweilen gelegen käme.
Aber nein, das war nicht das Märchen des Hans Christian Andersen. Es war mein eigenes Märchen. Schön sind sie beide.