Ihr Kommissar, der nun seit zwanzig Jahren in Paris ermittelt, heißt Jean-Baptiste Adamsberg. Sein Nachname lässt an einen schwedischen Ermittler denken. Ist das Zufall oder eine Verbeugung vor dem kommerziell so erfolgreichen Genre des Schwedenkrimis?
Nein, von Schwedenkrimis war damals ja überhaupt noch nicht die Rede. Als Adamsberg auf den Plan trat, dachte ich eher an eine deutsche Herkunft. Jedenfalls sollte mein Kommissar auf keinen Fall einen typisch französischen Namen tragen, denn schließlich hatte er ja auch keinen alltäglichen Charakter. Ich brauchte also einen Namen, der irgendwie aus dem Nichts zu kommen schien.
Wie auch der Kommissar selbst, der seine mysteriösen Fälle oft löst wie ein Medium. Er sieht und begreift Dinge, die sonst niemand wahrnimmt.
Als normaler Mensch hat man ja nur Zugriff auf etwa ein Prozent all dessen, was man jemals gewusst, gelesen oder gesehen hat. Die Türen unseres Unterbewusstseins sind in der Regel ziemlich fest verschlossen. Bei Adamsberg, so stelle ich mir das immer vor, funktioniert das Unterbewusstsein wie die Türen eines Saloons im Western. Sie sind nie ganz offen und nie ganz geschlossen, sondern schlagen permanent hin und her. Adamsberg verfügt also über ein großes Reservoir an Assoziationen, die er nutzen kann. Ich lasse mich gerne mit ihm treiben.
Kommissar Adamsberg ist eine Mischung aus einem Asphaltcowboy à la Philip Marlowe und einem Mystiker à la Dale Cooper. Aber er erinnert auch an den großen europäischen Melancholiker Jules Maigret.
Was mich an Simenons Inspektor Maigret immer gestört hat: Er ist maulfaul. Wenn er zum Abendessen nach Hause kommt, kriegt man kein Wort aus ihm raus. Er ist eine sinistre Persönlichkeit, und es regnet ständig in den Maigret-Romanen, um das zu unterstreichen. Adamsberg ist ganz anders. Er geht den größten Schrecknissen mit Gelassenheit entgegen, fast ein bisschen autistisch. Wie Robert Mitchum in seinen besten Rollen ... Mitch.
Sie schwärmen ja richtig ...
Das kann man wohl sagen. Immerhin hat er mich mal in seinen Armen gehalten.
Robert Mitchum?
Ja, auf dem Film-Noir-Festival in Cognac. Dort bekam ich 1986 einen Preis für mein Romandebüt verliehen. Ehrengast war ein sichtlich gelangweilter Robert Mitchum, an dem die Journalisten sich die Zähne ausbissen. Irgendwann nach der kleinen Preisverleihung am Rande des Festivals bat man mich, meine Dankesrede zu halten, und natürlich fiel mir nichts Besseres ein, als zu sagen: „Also, wenn man nichts weiter als einen Krimi braucht, um Robert Mitchum zu treffen, dann werde ich noch mindestens zehn weitere schreiben.“ Und plötzlich sehe ich einen Schwarm Fotografen auf mich zukommen. Mitchum hatte sich erhoben, durchquerte den Saal vom anderen Ende her, die Fotografen hinter ihm - dann ging alles ganz schnell: eine lange Umarmung und Küsse auf beide Wangen. Am nächsten Tag hatten das alle Agenturen.
Dann haben wir Ihren Erfolg also einem echten Genre-Rauhbein zu verdanken. Aber ich hatte eben noch eine andere Assoziation. Ihre Mutter war Chemikerin und Ihr Vater ein bekannter Surrealist. Ist das Resultat dieser Verbindung nicht zwangsläufig eine literarische Alchemistin? Immerhin schreiben Sie Romane, die die magische Welt des Mittelalters mit all ihren Tinkturen, Rezepturen und Bannsprüchen ins Paris unserer Tage holen.
Nein, eigentlich nicht. Im Grunde gehen mir die Surrealisten fürchterlich auf die Nerven, denn anders als sie war ich schon immer an Lösungen, nicht an Verrätselungen interessiert. Das ist gewissermaßen meine Obsession. Auch in der Archäologie, meinem ersten und eigentlichen Beruf, geht es ja vor allem darum, Lösungen zu finden, vergrabene Einzelteile, Knochenfunde zu einem Ganzen zusammenzusetzen.
Würden Sie dann einer anderen Analogie zustimmen? Sie graben in Ihren Romanen archaische Ängste aus - vor Werwölfen, Vampiren oder Zombies - und schauen, ob sie heute noch funktionieren?
Das könnte hinhauen. Der Mensch hört ja nicht auf, Löcher in die Erde zu graben und Dinge darin zu versenken. Und so verfahren wir wohl auch mit unseren Ängsten: Wir sperren sie weg. Wenn du sie dann später ausgräbst, musst du bloß aufpassen, dass du nicht alle Schichten, alle Hinterlassenschaften miteinander vermischst.
Apropos Hinterlassenschaften: In Ihrem Roman „Die dritte Jungfrau“ geht es um gestohlene Reliquien. Frau Vargas, was wissen Sie über Schweinerüsselknöchelchen?
Als ich so einen zum ersten Mal bei einer Ausgrabung sah, konnte ich das kleine Ding gar nicht zuordnen. Also behielt ich es so lange in der Tasche, bis ich die Lösung gefunden hatte. Diese Erfahrung kommt mir natürlich heute zugute, um meine Romane mit bizarrem Wissen anzufüllen. Aber im Grunde sind das Griffe in die literarische Trickkiste. Interessanter wird es, wenn man versucht, beim Schreiben einen speziellen Ton zu treffen. Was ist das Geheimnis eines Elvis-Songs? Das Vibrato? Die Modulationen? Die Tonlage? Alles ist irgendwie richtig, aber es gibt da noch etwas anderes. Man kann es nicht erklären. Wenn dein eigener Roman dich an einen Ort führt, ohne dass du am Ende sagen kannst, wo du gewesen bist, dann ist das ein sehr befriedigendes Gefühl.
Das hat natürlich nicht nur mit dem Plot, sondern auch mit der Sprache zu tun. In Ihren Adamsberg-Romanen gibt es einen Capitaine, der ausschließlich in Hexametern redet. Seine Oma wiederum, so wird erzählt, konnte den ganzen Racine auswendig. Einmal wird auch eine Botschaft mit Versen von Corneille verschlüsselt. Welche Rolle spielt Lyrik in Ihren Büchern?
Die Poesie ist dazu da, die Dinge komplizierter zu machen, aber - und das ist das Paradoxe - vielleicht versteht man sie dann besser. Ich habe als Kind enorm viele Gedichte gelesen. Mein Vater, der über ein monströses Gedächtnis verfügte, hatte die Angewohnheit, uns beim Essen abzufragen. Er sagte eine Gedichtzeile auf, und wir Kinder mussten sagen, von wem sie stammte. Ich selbst habe leider kein dafür geeignetes Gedächtnis, aber bei der Poesie geht es ja vielleicht auch weniger ums Auswendiglernen als um eine Art, sich die Welt zu erklären.
Trotz Poesie, Werwölfen, Hexenzauber und Racheheeren: Sie verlassen bei der Auflösung Ihrer Geschichten nie den Pfad der Rationalität und damit auch nicht die Grenzen des Genres. Ist das nicht ein Widerspruch?
Überhaupt nicht. Als ich mit dem Schreiben begonnen habe, wollte ich einen stinknormalen Kriminalroman fabrizieren. Dann behaupteten die Kritiker auf einmal, meine Romane seinen „atypisch“ oder „schräg“. Ich habe das überhaupt nicht verstanden. Das war übrigens auch die Begründung, weshalb anfangs niemand meine Bücher drucken wollte. Dabei hatte ich ja lediglich einen abseitigen Wissensbestand in das Krimi-Genre implantiert. Die Struktur des klassischen Kriminalromans aber blieb unangetastet.
Hat es Sie denn nie gereizt, die Form mit Ihrem obskuren Inhalt auf Augenhöhe zu bringen?
Ich finde die Form gut so, wie sie ist. Ich habe überhaupt nicht das Bedürfnis, sie zu sprengen oder Helden zu demontieren, die aus uns ja meistens unbekannten Gründen in die Welt ziehen, dort ein Problem lösen und den Leser danach wieder in eine geordnete Welt entlassen. Weshalb sollte man diese kathartische Struktur über den Haufen werfen?
Wenn schon der Ermittler Adamsberg ein rein intuitiver Typ ist, der jedem noch so kruden Aberglauben nachgeht, vielleicht käme es auf einen Versuch an, den Leser mit den Mysterien der Welt alleinzulassen? Mit der Frage etwa: Magie oder Psychose?
Das ist doch längst gemacht worden. Im roman noir. Der Leser wird an einen abgelegenen Ort geführt und dort vom Autor anschließend liegengelassen. Ich hingegen sammle ihn am Ende meiner Geschichte wieder auf, bringe ihn sogar ganz fürsorglich in sein kuscheliges Bett.
Sie halten sich streng an den Krimi-Code, um sich in dessen Innerem virtuos gegen den Strom zu bewegen. Wäre das eine Beschreibung, mit der Sie leben können?
Das ist Ihre Interpretation. Ich wollte mich, wenn ich ehrlich bin, eigentlich immer nur amüsieren mit meinem Material. Ich habe keinen Ehrgeiz so wie Raymond Chandler, der in seinen Notizen davon berichtet, wie er gerade dabei ist, mit dem Genre etwas vollkommen Neuartiges anzustellen.
Worin genau bestand dieses Neuartige?
Warten Sie, ich zeig’s Ihnen. (Fred Vargas nimmt einen Zettel und kritzelt ein großes Knäuel darauf.) Der „Roman noir“ erzählt von einem riesigen Durcheinander, das sich nicht auflösen lässt. (Fred Vargas zeichnet ein zweites Knäuel, dessen Fadenende sichtbar ist.) Der „Roman policier“ erzählt von einem riesigen Durcheinander, aber es gibt einen Weg heraus aus der Dunkelheit, eine Katharsis. Das Ganze ist wesentlich symbolischer. Agatha Christie hat das mit ihren schematischen Figuren auf die Spitze getrieben. Ich frage mich schon lange, was das Geheimnis ihrer kreuzworträtselartigen Fälle ist.
Frau Vargas, Ihr Engagement für den Exterroristen Cesare Battisti, der unter Präsident Mitterrand politisches Asyl in Ihrem Land erhielt und vor vier Jahren an Italien ausgeliefert werden sollte, hat Ihnen Kritik und empfindliche Leserverluste eingebracht. In Ihren Romanen spielt Politik erstaunlicherweise überhaupt keine Rolle? Warum?
Weil das zwei verschiedene Paar Schuhe sind. In Stendhals „Rot und Schwarz“ gibt es eine Szene, in der Julien, der Held, an einer politischen Versammlung teilnimmt, bei der sich Royalisten, Bonapartisten, Republikaner und Jakobiner gegenüberstehen. Als es im Roman dann darangeht zu rekonstruieren, wer auf der Versammlung was mit welchen Argumenten vorgebracht hat, findet sich im Text nichts weiter als eine gepunktete Linie. Stendhals Verleger hat sich damals aufgeregt: Er meinte, das wollten die Leute doch lesen. Doch Stendhal hat ihm geantwortet: „Die Politik ist ein Mühlstein am Hals der Literatur.“
Immerhin gibt es die nicht ganz unfranzösische Tradition des literarischen Realismus . . .
Das Ziel der Literatur ist es ja bekanntlich nicht, das Leben zu repräsentieren, sondern es noch einmal neu zu erfinden. Das heißt, ich muss eine Realität eigenen Rechts herstellen, keinen Realismus schaffen. Ich spreche deshalb auch lieber von „realer“ Literatur als von „realistischer“. Es bringt ja nichts, dem kunstbedürftigen Menschen das echte Leben ins echte Leben zu injizieren. Man muss etwas falsches Echtes schaffen, um ihn zu berühren.
Und dafür eignet sich das Krimi-Genre besonders gut?
Na ja, die archaische Literatur - Märchen zum Beispiel - handelt ja immer davon, dass ein Held in die Welt auszieht, um am Ende einen Schatz von dort mitzubringen, ein Schloss zu finden oder einen Haufen Juwelen, die im Mittelalter ja Symbole der Weisheit waren. Und diese, wenn Sie so wollen, urtümliche Bewegung vom Suchen, Finden und Erkennen, die ist im klassischen Kriminalroman immer auch am Werk. Diese Struktur hat für mich etwas Anmutiges. Man sollte sie nicht verändern.
Das Gespräch führte Katharina Teutsch.
- Fred Vargas wird 1957 als Frédérique Audoin-Rouzeau in Paris geboren. Sie hat eine Zwillingsschwester, die Malerin ist.
- Vargas wächst mit den großen Klassikern der französischen Literatur auf, die beim Abendbrot vom Vater abgefragt wurden: Proust, Rousseau, Nerval, Baudelaire. Weil sie sich jedoch wenig mit dem literarischen Milieu anfreunden kann, studiert sie zunächst Archäologie und arbeitet bis 2004 beim staatlichen Forschungsinstitut CNRS.
- Ihren ersten Krimi schreibt sie 1986; die literarische Gattung hat sie aus Opposition zum Vater gewählt, der Krimis für billige Unterhaltung hält. Schnell steigt sie unter dem Pseudonym Fred Vargas mit Bestsellern um die Pariser Brigade Criminelle und deren Leiter, den Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg, zur Krimi-Königin Frankreichs auf.
- Fred Vargas ist in rund dreißig Sprachen übersetzt. 2005 erhält sie den Deutschen Krimipreis. Sie ist die erfolgreichste französische Krimiautorin seit Georges Simenon. Soeben ist ihr neuer Kriminalfall „Die Nacht des Zorns“ im Aufbau-Verlag erschienen.