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Französische Revolutions-Schrift : Den Hass genießen

Verlust der Nahbeziehung: Proteste gegen Frankreichs Rentenreform im November 2010 Bild: dpa

Jugendliche Indianerspiele: Die anonym publizierte französische Flugschrift „Der kommende Aufstand“ probt die Zerstörung der Gesellschaft. Aber den Zustand, den das „Unsichtbare Komitee herbeisehnt, haben bestimmte Länder längst erreicht.

          Wenn jemand schreibt, die gesellschaftliche Ordnung sei umzustürzen, verdient das zweierlei. Es verdient Interesse, denn wovon sollte diese Ordnung lernen, wenn nicht aus ihren Irrtümern und von ihren Gegnern? Und es verdient Skepsis, denn nicht weniger als das Ganze umstürzen zu wollen wirkt pubertär, präpotent, großmäulig. Die anonym publizierte französische Flugschrift „Der kommende Aufstand“, die jetzt auch auf Deutsch herausgekommen ist (im Hamburger Nautilus Verlag), stammt aus dem Jahr 2007. Ihre vermutlichen Autoren gelten in Frankreich als Staatsfeinde. Sie sollen dabei gewesen sein, als Hakenkrallen in die elektrische Leitung einer TGV-Strecke geworfen wurden. Wir erinnern uns an den Fall des Berliner Stadtsoziologen, der zum Vokabular von Kampftexten linker Brandstifter beigetragen haben soll und darum von der Bundesstaatsanwaltschaft verhaftet wurde.

          Juristisch blieb der Verdacht hier wie dort unbeweisbar. Zum großen Aufstand ist es seit 2007 auch nicht gekommen. Intellektuell liegt es jedoch auf der Hand, dass das „unsichtbare Komitee“, das für jenes Manifest zeichnet, allem Möglichen seine Zerstörung wünscht. Es lobt die Brände vom November 2005 in den französischen Vorstädten. Eine Entscheidung über diese Gesellschaft sei nahe. Ihre Familien korrodierten, die Arbeitswelt zerfalle, niemand glaube mehr an das, was sein Leben bestimme, jeder sei nur noch damit beschäftigt, sich selbst zu verkaufen.

          Irgendwo zwischen linker und rechtsradikaler Theorie

          Es ist ziemlich müßig zu diskutieren, ob das eine linke Theorie ist oder eine rechtsradikale, wie gerade aus den antimodernen Affekten des Büchleins geschlossen wurde. Denn einmal haben sich ja schon lange die Motive der Kulturkritik vermischt, und wenn irgendwo Heidegger oder Carl Schmitt zitiert werden - was das „unsichtbare Komitee“ gar nicht tut, sondern nur die „taz“ ins Rorschachbild hineinliest -, lässt das kaum Schlüsse auf politische Positionen zu.

          Das Buch zur Stimmungslage?

          Zum anderen handelt es sich überhaupt nicht um eine Theorie, sondern um Jugendliteratur. Oder wie soll man es deuten, wenn hier als Autonomie deklariert wird, zu „lernen, auf der Straße zu kämpfen, sich leere Häuser anzueignen, nicht zu arbeiten, sich wahnsinnig zu lieben und in den Geschäften zu klauen“? Wenn das wahre Leben in einer verkommenen Welt allenfalls noch in den Elendsvierteln gefunden wird. Oder historisch bei den „Müßiggängern, Bettlern, Hexen, Verrückten“. Der Moralismus der Anklage, das Leben werde nur noch verlogen geführt, Verwaltung sei Fremdheit, die Eltern seien dem Kapitalismus in die Falle gegangen und predigten jetzt Ökologie, anstatt den Druck zu begrüßen, unter den ein falsches System durch seine Katastrophen und wünschenswerten Krisen gerät - dies alles ist weder links noch rechts, sondern jugendliche Empörung.

          Landschaft zu Freizeitzentren

          Vor allem hassen die Autoren große Städte. Genauer: die „urbane Fläche“, in die der Unterschied von Stadt und Land verwandelt worden sei. „Die Metropole will die Synthese des ganzen Territoriums“, ein Kontinuum von industrieller Landwirtschaft, vermarkteten Naturparks, Großwohnanlagen, Feriensiedlungen. In ihnen finden sie die Gesellschaft selbst repräsentiert. Es gibt keine Dörfer mehr, keine Nahbeziehungen. Die Vertrautheit der Wohnviertel sei zerstört worden, die Bindung „an Orte, Wesen, Jahreszeiten“. Die Landschaft werde in Freizeitzentren verwandelt, die Architektur sei beliebig, alles könne genauso gut hier wie irgendwo anders stehen. Und niemand lebe im Hier und Jetzt, sondern alle seien mobil, auf Dienstreise, am Telefon, vernetzt. „Nie war ein Milieu automatischer.“

          Aus der Verletzbarkeit dieser Netze, der Energieabhängigkeit jener urbanen Fläche und des Verkehrs, schließen die kommenden Aufständler auf die Möglichkeit - „Auf geht's“ -, die Gesellschaft zu zerstören. Dabei soll aber alles ziemlich spontan zugehen. Man dürfe nichts von Organisationen erwarten, heißt es. Wie gefährlich ist das denn? Ein Aufstand, der unorganisiert sein will? Ein Reich von Kommunen soll entstehen, die alle Institutionen - von der Familie über die Schule bis zur Fabrik - ersetzen sollen. Und natürlich den Staat.

          Sehnsuchtsbild Somalia

          Der Rezensent der „taz“ hätte spätestens hier vor seiner Diagnose, Carl Schmitt sei der Vater dieser Protestjugend, zurückscheuen müssen. Der Etatist und die soziologisch blinden Anarchos, die glauben, es gehe auch - „plündern, kultivieren, fabrizieren“ - in strukturlosem Beisammensein und lokalem Basteln! Indianerspiele, die zuletzt sogar etwas an der Metropole finden: „Es ist eine der Gnaden der Metropole, dass sie Amerikanern, Griechen, Mexikanern und Deutschen ermöglicht, sich heimlich in Paris für den Zeitraum einer strategischen Besprechung zu treffen.“ Wie die Unternehmensberater, als deren Kinder man sich diese hier vorstellen muss.

          So weit, so abenteuerlich. Seinen intellektuellen Preis zahlt dieser aggressiv-romantische Traktat, der seinen Hass genießt, aber auch. Dort, wo er nicht sieht, dass es die Kommunen, die er herbeisabotieren möchte, schon gibt: mit zerstörtem Staat, abwesender Rechtsdurchsetzung, ausgehebelter Infrastruktur, von Aufständen geschleiften Städten und lokalen Gemeinschaften, die davon leben, dass andernorts der Strom erzeugt wird. In Somalia oder Mexiko.

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