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Franz Mon zum 90. : Der Entfesselungskünstler

„Sprache lebenslänglich“ dagegen konzentriert sich auf theoretische Erörterungen, in denen Mon im Kern gleichwohl immer um die Frage kreist, wie ein poetischer Text entsteht. Die Analysen zum Barock, zu Expressionismus und Surrealismus sowie Betrachtungen einzelner Künstler, etwa Kurt Schwitters, Stéphane Mallarmé oder Arno Holz, lassen den eigensinnigen Kosmos desjenigen erkennen, der unter den Sprachspielern der Analytiker ist. In seinem Essay „Meine 50er Jahre“ gibt er faszinierende Einblicke in seinen Alltag und vor allem in die Entdeckung der Kunst als seinen Lebensinhalt während der Nachkriegsjahre. Das war, nachdem er als Sechzehnjähriger von der Lessingschule weg als Flakhelfer eingezogen wurde, im britischen Gefangenenlager. Dort kam er bei der Lektüre einer Zeitschrift zum ersten Mal mit der Moderne in Berührung, die unter den Nationalsozialisten verfemt war. Was folgte, war ein Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie sowie Inspiration durch die Surrealisten, deren Werke und Theorien ihm der Frankfurter Maler Karl Otto Götz nahebrachte, ein lebenslanger Freund. Am Ende aber war es Kandinskys Schrift über „Das Geistige in der Kunst“, die ihm zur künstlerischen Initialzündung wurde und ihn das Isolieren von Wörtern lehrte.

Nach den bedrückenden Jahren des Zwangs und der Nötigung fand Mon im Spiel mit Sprache die große Freiheit. Zusammen mit Walter Höllerer und Manfred de la Motte gab er 1960 die Lyrik-Anthologie „movens“ heraus, die eine ganze Generation junger Künstler und Autoren stimulieren sollte. Sein doppelspurig gedruckter Roman „herzzero“ forderte 1968 den Leser dazu auf, „mit bleistift, kugelschreiber und filzstift zu lesen“, den Text mithin nach Belieben zu verändern.

„Das Gras wächst wies wächst“

Dieser sprachliche Entfesselungskünstler hat Großartiges geschaffen. Und doch der Kunst allein nie vertraut, oder genauer, wie er es sagt: Er wollte die Kunst freihalten von Verwertung und dem Gedanken, damit eine Familie zu ernähren. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er deshalb als Verlagslektor und unterrichtete an Kunsthochschulen in Offenbach, Kassel und Karlsruhe. Ob seine Wortbilder, die er nun eines nach dem anderen aus dem Graphikschrank hervorholt, Literatur sind oder graphische Kunst, lässt sich schwer sagen. Es sind visuell kühn zusammengeballte Buchstaben, hinter denen sich erst auf den zweiten Blick Wörter zu erkennen geben, die auf den ersten Blick aber nur fremde, exotisch anmutende Gebilde sind. Die Entschlüsselung lässt eine wohldurchdachte Anordnung erkennen – und einen ungeheuren Wortwitz. Den freilich kennt man schon aus Mons legendären Hörfunkcollagen „Das Gras wächst wies wächst“ oder „Hören und sehen vergehen“.

Wie sich die Werke im Laufe der Zeit wandeln, von gerissenen Papiercollagen und geklebten Werbebildchen über die wechselnden Typographien der Schreibmaschinen bis hin zu den mit Computer erstellten jüngsten Arbeiten – das ergibt zusammen auch eine Geschichte der Bundesrepublik und ihrer Befindlichkeiten. Dabei ist Franz Mon noch längst nicht fertig. Stets aufs Neue jongliert er mit Lettern, Silben, Wörtern und Sätzen. Aber heute feiert er erst einmal seinen neunzigsten Geburtstag.

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