Es ist an der Zeit, den verborgenen Schatz zu heben, der viel zu lange schon in seinem Kellergewölbe lagert. Man braucht nicht einmal eine Schatzkarte, um ihn zu finden, denn die 175 Archivkartons mit der einzigartigen Sammlung zur Literatur der Romantik finden sich an einem Ort, der in der Welt bekannt ist: Frankfurts Großer Hirschgraben 23, dort, wo am 28. August 1749 Goethe auf die Welt kam und die ersten Lebensjahre verbrachte.
Seit Monaten wird der kühne Plan diskutiert, hier, direkt neben dem Goethe-Haus, das auch Sitz des Freien Deutschen Hochstifts ist, ein Romantik-Museum zu errichten. Ein solches Museum gibt es in Deutschland bislang noch nicht. Dabei wird gerade im Ausland die Epoche der Empfindsamen, Träumerischen und Visionären so sehr mit Deutschland in Verbindung gebracht wird wie sonst nur Wagner und der Schwarzwald.
Die Bestände des Hochstifts, das seit hundert Jahren Gemälde, Handschriften und Reliquien vor allem aus der Romantik sammelt, sind prädestiniert für einen romantischen Erinnerungsort unweit des Rheins. Man fragt sich daher, warum bislang nur einige wenige Wissenschaftler mit Forschungsauftrag in den Keller am Großen Hirschgraben hinabsteigen dürfen, um Schätze wie Schlegels Fragmente zur Universalpoesie, Brentanos Loreley-Autograph oder Bettine von Arnims mit Zeichnungen geschmückte Briefe zu sehen.
Jetzt müssen Taten folgen
Historisch einmalig ist die Chance für das Museum gerade jetzt, wie die Hochstift-Direktorin Anne Bohnenkamp-Renken im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert, weil durch den Wegzug des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels das Nachbargebäude frei geworden ist. An dieser Stelle will sie das Museum errichten.
Kaum einer weiß mehr, dass neben dem Goethehaus einst der prächtige „Weiße Hirsch“ stand, das Anwesen der Familie Gontard, bei der von 1796 an der junge Hölderlin als Hauslehrer arbeitete. Wer sich heute dort umschaut, kann es allerdings auch kaum glauben, denn das in der Nachkriegszeit rekonstruierte Goethe-Haus ist ringsherum von hässlichen Zweckbauten, Parkhäusern, Garagenhöfen und Büroriegeln umstellt. Das neue Romantik-Museum wäre also nicht zuletzt eine Chance, dieser architektonischen Ödnis im Herzen Frankfurts etwas entgegenzusetzen. Zumal, wenn sich die ursprünglich geplanten Goethe-Höfe für weitere Kulturinstitutionen noch realisieren ließen.
Jetzt müssen Taten folgen, Entscheidungen getroffen werden. Denn jede noch so gute Idee wird irgendwann zerredet, insbesondere bei einem Projekt wie diesem, das die Initiatoren vor besondere Herausforderungen stellt. Denn während es bei der Bildenden Kunst nie die Frage ist, dass die Werke im Museum ausgestellt werden, ist das bei der Literatur längst nicht so. Manuskripte, Autographen und Briefe kann man nicht an die Wand hängen. Bilder will man anschauen, Texte jedoch lesen. Und will man das ausgerechnet im Museum?
Dem Einwand lässt sich entgegnen, dass in einer Zeit, in der das physische Buch buchstäblich im digitalen Datenstrom zu verschwinden droht, gerade seiner Objekthaftigkeit besondere Bedeutung zukommt. Wer einmal im sakralen Halbdunkel des Deutschen Literaturarchivs in Marbach entlang der gläsernen Schaukästen gewandelt ist, weiß, welch ungeahnter Zauber von einem Kafka-Manuskript oder einem der blassblauen Rilke-Briefe ausgeht. Sie erzählen so viel mehr als der reine Text.
Die deutsche Romantik ist ein Exportschlager
Das Vorurteil zu widerlegen, Literatur entziehe sich der musealen Präsentation, entspricht dabei durchaus den Romantikern. Zugute kommt diesem Vorhaben, dass sich gerade in dieser Schlüsselphase der europäischen Kulturgeschichte überraschende Parallelen zu unserer Zeit ziehen lassen, etwa in der Neigung zum medialen Crossover.
Anders als im Goethe-Museum, das sich als ästhetisch einheitlich gestaltete Gemäldegalerie präsentiert, will Anne Bohnenkamp-Renken im neuen Haus dem romantischen Prinzip von Empathie und Ironie, von Identifikation und Verfremdung folgen. Originale Handschriften, Bilder und historische Gegenstände würden sich darin mit multimedialen und interaktiven Installationen zur romantischen Universalpoesie und ihrer Epoche abwechseln.
So könnten die Besuchter durch ein Wechselbad der ästhetischen und intellektuellen Erfahrungen geleitet werden. Da kann ein Youtube-Video mit Eichendorff-Gedichten in Dialog treten oder Brentanos Reisetasche mit Dominik Grafs Film „Das Gelübde“ über Anna Katharina Emmerick.
Die deutsche Romantik ist ein Exportschlager, und dass Goethe, aller Abgrenzung zur Weimarer Klassik zum Trotz, im Alter doch noch seinen Frieden mit den Romantikern machte, kann die habilitierte Germanistin Anne Bohnenkamp-Renken unermüdlich erläutern. Ihr Haus vereinigt in sich Memorialstätte, Handschriftenarchiv, Bibliothek und Bildergalerie und verbindet zudem das Goethehaus als Touristenattraktion mit jährlich 100.000 Besuchern und eine hochangesehene Forschungsstätte, die zurzeit drei große wissenschaftliche Editionen herausbringt, die Frankfurter Brentano-Ausgabe, sämtliche Werke Hugo von Hofmannsthals sowie die historisch-kritische Ausgabe von Goethes „Faust“.
Frankfurt wäre ein guter Ort für die Romantik
Eine reine Frankfurter Angelegenheit ist das Romantik-Museum gewiss nicht. Bislang haben Stadt, Land und Bund in Aussicht gestellt, sich an den Baukosten in Höhe von sechzehn Millionen Euro mit jeweils vier Millionen zu beteiligen. Stiftungen und Mäzenen übernehmen den Rest. Doch das Gebäude, wo dereinst das Museum stehen soll, und das der Stadt und der AGB Holding gehört, steht seit Monaten leer und verursacht hohe Kosten. Daher dringt die Holding darauf, den Wettbewerb auszuschreiben. „Und das Romantik-Museum ist definitiv Bestandteil der Ausschreibung“, bestätigt AGB-Chef Frank Junker auf Nachfrage.
Wolfenbüttel ist mit der Herzog-August-Bibliothek ein Zentrum des Barock, Weimar ist die Heimat der Klassik, und die Moderne ist im Deutschen Literatur Archiv Marbach zuhause. Frankfurt wäre ein guter Ort für die Romantik. Jetzt kommt mit dem Bekenntnis der AGB offenbar endlich Bewegung in die Sache. Wer jetzt nicht mitzieht, setzt einen Traum aufs Spiel
Das muss unbedingt geklärt werden!
Thorwald Franke (thorwald_franke)
- 14.09.2012, 19:06 Uhr
... und Jena?
Julia Woest (jwoest)
- 10.09.2012, 18:20 Uhr