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Frankfurter Literaturhaus Haus ohne Hüterin

28.04.2009 ·  Das Jahr 2009 ist für das literarische Leben Frankfurts ein Jahr der Abschiede: Erst verkündete Suhrkamp seinen Umzug nach Berlin. Jetzt verlässt Maria Gazzetti das Frankfurter Literaturhaus, das unter ihrer Leitung zu einer festen Größe im kulturellen Leben der Stadt geworden war.

Von Felicitas von Lovenberg
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So, wie es aussieht, wird 2010 im kulturellen Leben Frankfurts ein Jahr der Abschiede. Mit Suhrkamp wandern knapp neunzig Literaturmenschen ab, keine geringe Zahl für eine Stadt dieser Größe. Und dann kehrt ihr noch Maria Gazzetti den Rücken: Wie gestern bekannt wurde, hat die langjährige Leiterin des Frankfurter Literaturhauses ihren Vertrag nicht verlängert. Ende Juni nächsten Jahres ist Schluss. Dass es sich bei dieser Nachricht um keine bloße Personalie, sondern um eine Hiobsbotschaft nicht nur für Frankfurt handelt, liegt am Rang der Institution, den die Leiterin entscheidend mitbegründet hat.

Wie in den meisten größeren Städten ist auch das Frankfurter Literaturhaus keine Einrichtung mit langer Tradition. Als es 1991 gegründet wurde, als drittes im Lande nach Berlin und Hamburg, war die schiere Frage nach der Notwendigkeit einer solchen Einrichtung noch heftig umstritten. Heute, achtzehn Jahre später, ist das Haus längst etabliert als Heimstätte für alle, denen Literatur etwas bedeutet, und zwar Literatur im unzeitgemäßen, elitären Sinn. Sie stehe nicht unter Quotendruck, hatte Maria Gazzetti vor Jahren einmal frohlockt – und es trotzdem geschafft, immer mehr Menschen für die große, ernsthafte, anspruchsvolle Literatur zu interessieren.

Scout und Pionier

Sie hat die Erwartungen geradezu übererfüllt: Wie ein Scout hat sie dem Publikum Autoren nähergebracht, die es zuvor wenig oder gar nicht kannte, und ihm jene, die es bereits zu kennen meinte, in neuem Licht gezeigt. Die 1994 begonnene Proust-Gesamtlesung von Peter Heusch war eine der vielfach nachgeahmten Ideen aus Frankfurt. Und Maria Gazzetti weiß, dass es nichts über die Qualität eines Buchs aussagt, ob sich zur Lesung zwanzig oder zweihundert Menschen einfinden.

Wachsende Besucher- und Mitgliederzahlen, mehr Veranstaltungen, gestiegene Wahrnehmung und der herausfordernde Umzug 2005 aus der Mitte der Stadt in die noble Residenz der wieder aufgebauten ehemaligen Stadtbibliothek am Rand des Zentrums – ist dies ein Abschied nach dem Motto, man solle gehen, wenn es am schönsten ist? Danach klingen weder die dürren Worten der Pressemitteilung, noch kann sich das in Frankfurt irgendjemand vorstellen, der diese begeisterte Partisanin der Literatur je in ihrem Element erlebt hat. Fünfzehn Jahre seien genug, sagt Gazzetti auf die Frage, warum sie nicht verlängert. Sie gibt aber auch zu, dass es schwieriger geworden sei, so radikal und intensiv zu arbeiten, wie es ihr vorschwebt: Der Druck, durch die Immobilie Geld zu verdienen, werde immer größer. Einerseits soll das Literaturhaus mit möglichst vielen Veranstaltungen prunken – im Jahr 2008 waren es 107, ein Rekord –, andererseits soll möglichst viel Geld durch die Vermietung der repräsentativen Räume generiert werden.

Ein Haus mit Laborcharakter

Dass beides zugleich nicht möglich ist, liegt auf der Hand. Der Laborcharakter des Hauses ist Maria Gazzetti wichtig – gerade im Gegensatz zu der „Stehtischkultur“ einer neuen Beliebigkeit, die bei zahlreichen Lesungen, Festivals und literarischen Veranstaltungen zu beobachten sei. Der Unterschied zwischen einem Literaturhaus und anderen Veranstaltungsstätten lässt sich dem Publikum ihrer Überzeugung nach nur durch Qualität vermitteln. „Es gibt den Wunsch, dass das Haus brummen muss. Aber ich bin kein Brummifahrer“, sagt Maria Gazzetti in für sie typischer Manier.

Angesprochen auf die Reaktionen bei der Stadt und im Vorstand des Literaturhauses, wird sie deutlich wortkarger: „Ich habe dem Vorstand meine Entscheidung mitgeteilt.“ Die Stadt hat es in Gestalt ihres Kulturdezernenten Felix Semmelroth bislang nicht nötig gefunden, mit Maria Gazzetti über die Situation zu sprechen. „Warum auch?“, sagt Semmelroth. Als „reiner Subventionsgeber“, der etwas mehr als die Hälfte des Literaturhaus-Jahresetats von aktuell 575 000 Euro beisteuert, greife die Stadt weder programmatisch noch personell ein – wenngleich als Vertreterin Frankfurts Sonja Vandenrath im Vorstand sitzt, in der man als Literaturreferentin mit eigenen Veranstaltungen durchaus eine Rivalin des Hauses sehen kann. In dieser Aushöhlung durch das Kulturamt sieht man offenbar kein Ungeschick der Stadt.

Eine feste Größe des Kulturlebens

Die Frage, ob wenigstens der Vorstand versucht habe, die erfolgreiche Chefin zu halten, scheint Rainer Weiss, den Vorsitzenden des Literaturhausvereins, zu überraschen. Dem früheren Suhrkamp-Geschäftsführer und Verleger von Weiss Books zufolge ist der jetzige Schritt von Gazzetti „ausgegangen“, deren Programmgestaltung „vollkommen ohne Tadel“ gewesen sei. Immerhin: Dass der Publizist Wolfram Schütte, Mitglied des siebenköpfigen Vorstands, vor kurzem von seinem Amt zurückgetreten sei, bestätigt Weiss; als Grund nennt er „Differenzen“. Dem Vernehmen nach soll der Grund für Schüttes Rücktritt dessen Empörung über die Art und Weise gewesen sein, wie der Vorstand zuletzt mit Maria Gazzetti umgegangen ist.

Für die Hertie-Stiftung, die die aufwendige Rekonstruktion des Hauses an der Schönen Aussicht maßgeblich unterstützt hatte, bedauert der Vorstandvorsitzende Michael Endres im Gespräch mit dieser Zeitung den Weggang Maria Gazzettis: Sie habe „das Literaturhaus zu einer festen Größe im Kulturleben der Stadt Frankfurt und weit darüber hinaus gemacht“. Das Ausmaß dieses Verlusts ist den Verantwortlichen offenbar nicht bewusst – anders als den Schriftstellern, Verlagen und Lesern.

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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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