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Marcel Reich-Ranicki zum 95. : Aus dem Familienalbum

Sommer auf Sylt: Marcel Reich-Ranicki mit dem Freund Walter Jens im Jahr 1967 Bild: Sammlung Andrew Ranicki

Eine Frankfurter Ausstellung zeigt unbekannte Fotografien und Dokumente aus dem Leben von Marcel Reich-Ranicki. Am 2. Juni wäre der legendäre Kritiker fünfundneunzig Jahre alt geworden.

          „Ich lebe“. So lauten die ersten Worte, die Marcel Reich-Ranicki seiner Schwester Gerda Böhm am 26. Mai 1945 nach London telegrafiert. Das vergilbte, verknitterte Schreiben, das jetzt in Kopie an der Wand der Frankfurter Ausstellung „Marcel Reich-Ranicki – Sein Leben“ hängt, ist nur fünfzehn Wörter lang: „I am alive married with Teofila Langnas employed in ministry answer immediately Marcel Reich Warszawa“. Der Zweite Weltkrieg ist da seit knapp drei Wochen zu Ende, die Geschwister haben jahrelang nichts voneinander gehört. Was aber in diesem ersten, erlösenden Satz unausgesprochen mitklingt, ist das Unfassbare: dass außer Marcel und Gerda niemand sonst aus der Familie überlebt hat.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Marcel Reich-Ranickis Eltern, Helene und David Reich, wurden in Treblinka ermordet. Sein Bruder Alexander wurde 1943 in einem Arbeitslager bei Lublin erschossen. Nur Marcels dreizehn Jahre ältere Schwester Gerda hatte es 1939 in letzter Minute geschafft, mit ihrem Mann nach London zu fliehen. Wie er und seine Frau Teofila nach ihrer Flucht aus dem Warschauer Getto von einem polnischen Ehepaar versteckt wurden, hat der Kritiker und langjährige Literaturchef dieser Zeitung in seiner Autobiographie „Mein Leben“ für alle unvergesslich beschrieben.

          „Wir hatten das Leben und viel Hoffnung.“

          Umso berührender sind deshalb gerade die frühen Aufnahmen aus der Rollfilmkamera, die Uwe Wittstock und Wolfgang Schopf in ihrer Ausstellung über Marcel Reich-Ranicki, der am 2. Juni fünfundneunzig Jahre alt geworden wäre, versammelt haben. Die Schau beleuchtet anhand von überwiegend unbekannten Aufnahmen und Dokumenten die private Seite des berühmten Kritikers, von der Berliner Vorkriegszeit über seine Jahre in Warschau, London, Hamburg und Frankfurt bis zu seinem Tod im Jahr 2013.

          Marcel und seine Schwester Gerda mit ihrem Cousin, dem Maler Frank Auerbach, 1970 Bilderstrecke
          Marcel und seine Schwester Gerda mit ihrem Cousin, dem Maler Frank Auerbach, 1970 :

          Da sieht man Marcel Reich-Ranicki in einem erschütternden Bild 1945 auf den Trümmern des zerstörten Warschauer Gettos. Wie verloren sitzt der Fünfundzwanzigjährige da. Dass die Deutschen ihm alles, nicht aber seinen Lebenswillen nehmen konnten, das zeigt indes eine Fotografie gleich daneben, die nur ein Jahre später im polnischen Łódź aufgenommen wurde. Das Ehepaar Reich-Ranicki feiert hier im Kreis von Freunden eine fröhliche Party. Junge Leute sitzen ausgelassen an einer langen Tafel, und die fünfundzwanzigjährige Tosia, wie Marcel Reich-Ranicki seine Frau nannte, schaut keck in die Kamera. Dass für sie die Nachkriegszeit die schönste Zeit ihres Lebens gewesen sei, hat Teofila Reich-Ranicki einmal gesagt: „Alles war neu. Wir hatten das Leben und viel Hoffnung.“ So zitiert Uwe Wittstock sie in seiner Biographie über Marcel Reich-Ranicki, die, erstmals 2005 bei Blessing erschienen, jetzt vom Autor komplett überarbeitet und um einen Rückblick auf die letzten Lebensjahre Reich-Ranickis ergänzt wurde.

          Zum Geburtstag eine Torte aus Büchern

          Die knapp zweihundert Fotografien, die aus dem Besitz des Sohnes Andrew Ranicki stammen, der als Mathematiker an der Universität Edinburgh lehrt, sind tatsächlich ein Bilderschatz. Zwischen Schnappschüssen von Reisen nach Dänemark, inklusive Schloss Helsingör, und England, wo das junge Paar 1948 Salisbury, Oxford und den Lake District besucht, ist auf einem der ersten Farbbilder der Serie neben Reich-Ranicki sein Cousin Mark Auerbach zu entdecken. 1931 in Berlin geboren und seit 1939 in Großbritannien lebend, zählt Auerbach heute zu den bedeutendsten Vertretern der figurativen Malerei. Ihm widmet das Kunstmuseum Bonn von diesem Donnerstag an eine große Ausstellung.

          Dass in den sechziger Jahren in der Literatenszene kein Weg an Sylt vorbeiführte, zeigen die vielen Strandszenen Marcel Reich-Ranickis von dort, etwa mit Walter Jens, immer in schwarzen Pullis und gern auch mit Sonnenbrille. Entspannt wirkt der Kritiker in Gesellschaft seines Schriftsteller-Freundes Siegfried Lenz, nicht ganz so entspannt bei einem Besuch bei Günter Grass. Doch allen Reisen zum Trotz zeigt die Ausstellung auch, wie produktiv Reich-Ranicki war: Eine ganze Wand ist mit seinen Kritiken und Essays tapeziert. Und dass Schreiben und Lesen zusammengehören, mithin Produzieren ohne Rezipieren nicht funktioniert, visualisiert die kleine Schau anhand zweier ikonischer Möbelstücke. Da steht links der schlichte, aus Holz und Metall gefertigte Schreibtisch, erstanden für seine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Hamburg, auf den Reich-Ranicki fortan nie mehr verzichten wollte. Ihm gegenüber thront der mächtige Lederfauteuil samt Fußhocker, in dem er immer las. Nur an Weihnachten nicht. Denn Weihnachten feierten Reich-Ranickis bei Eva Demski. Daran wird die Schriftstellerin erinnern, wenn sie sich anlässlich des 95. Geburtstags von Marcel Reich-Ranicki im Austausch mit der langjährigen Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth an den gemeinsamen Freund erinnert. Eine Torte aus Büchern darf da natürlich nicht fehlen.

          Marcel Reich-Ranicki. Sein Leben in unbekannten Fotos und Dokumenten. Eine Ausstellung des Literaturarchivs der Goethe-Universität, Dantestraße 9, Frankfurt am Main. Bis zum 30. Juni.

          Quelle: F.A.Z.

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