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Veröffentlicht: 08.11.2013, 16:47 Uhr

Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie „Schwarze Bohnen“ von Sarah Kirsch

In den kommenden Wochen veröffentlichen wir an dieser Stelle ausgewählte Beiträge zur „Anthologie“ aus der Feder von Marcel Reich-Ranicki. Einer bitteren Idylle darf das Wort „Liebe“ getrost fehlen. Sarah Kirschs Gedicht „Schwarze Bohnen“ provoziert Kritik und Emotionen - ein untrügliches Merkmal großer Lyrik.

© F.A.Z.

Ich leide. Oder: Ich bin unglücklich. Oder: Ich bin verzweifelt. Das ist alles, was uns Sarah Kirsch in diesem Gedicht zu sagen hat. Wirklich nicht mehr? Nein. Wozu auch? Ich weiß schon, es gibt viele großartige philosophische Poeme, politische Oden, geistreiche Epigramme. Und so weiter. Aber wer Gedanken mitteilen möchte, der kann ja Artikel schreiben oder Interviews erteilen oder Essays verfassen. Das Gedicht hingegen sollte, ich bin davon überzeugt, nur das ausdrücken, was sich auf andere Weise nicht ausdrücken lässt. Also zunächst und vor allem Gefühle und Stimmungen, Leiden und Hoffnungen, die Sehnsucht und die Verbitterung.

Von Gedankenlyrik will Sarah Kirsch nichts wissen, das Pädagogische ist ihre Sache nicht, der Gestus des Agitators ist ihr so fremd wie der Ehrgeiz des Aufklärers. Ihre Poesie ist Selbstbekenntnis und Selbstdarstellung, ihr wichtigstes Thema nichts anderes als die Liebe, als der Liebe Elend und Fluch, als der Liebe Segen und Glück. Das Gedicht „Schwarze Bohnen“ (Gedichttext im Kasten unten) wurde zuerst 1968 in der DDR gedruckt und im folgenden Jahr auf dem Schriftstellerkongress in Ostberlin in Abwesenheit der (bis 1977 in der DDR lebenden) Autorin scharf kritisiert. Zu düster sei es, zu pessimistisch. Offensichtlich wurde das Gedicht politisch aufgefasst. Hat man es missverstanden? Nicht unbedingt. Große Lyrik – und damit haben wir es hier zu tun – kann jeder auf seine Weise begreifen.

Ein Paukenschlag zum Abschluss

Ich lese diese elf Verse als ein Liebesgedicht. Freilich ist von ihr, der Liebe, hier überhaupt nicht die Rede – und doch ist von nichts anderem die Rede. Eine Frau ist allein. Sie ist unruhig, ungeduldig. Sie nimmt ein Buch in die Hand, aber sie kann sich nicht konzentrieren. Sie legt es wieder weg. Sie erinnert sich daran, dass nicht nur sie Sorgen hat, nicht nur sie leidet, dass es irgendwo Krieg gibt. Aber sie kann nicht daran denken, denn sie ist unentwegt mit sich selber beschäftigt.

Sie bereitet Kaffee vor, für ihn und für sich selber. Er kommt nicht, allein braucht sie den Kaffee nicht. Ihre Ungeduld wird immer schlimmer, was sie tut, hat keinen Sinn mehr, was sie möchte, ist unmöglich, zermahlene Bohnen lassen sich nicht wieder zusammensetzen, das Rad der Geschichte lässt sich nicht rückwärts drehen. Sie zieht sich aus, wohl für ihn, der nicht da ist, sie kann die Einsamkeit nicht ertragen. Sie zieht sich wieder an. Sie schminkt sich, gewiss für ihn. Sie wäscht die Schminke wieder weg. Sie versucht zu singen. Nichts kann ihr helfen. Sie bleibt allein, verlassen, einsam, sie bleibt „stumm“. So schließt ein Paukenschlag dieses Gedicht ab.

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Alles ist hier knapp, karg und schmucklos. Kein einziges Wort ist ungewöhnlich, kein einziges überflüssig. Beschrieben wird nur Alltägliches. Gleichwohl ist es ein hochdramatisches Gedicht voll Trübsinn und Melancholie, voll Pathos. Nur findet sich dies alles zwischen den Zeilen, zwischen den Worten. Sarah Kirsch hat eine dunkle, eine bittere Idylle geschrieben. Doch mussten die Kulturpolitiker der SED, denen das Gedicht „Schwarze Bohnen“ nicht gefiel, keineswegs Dummköpfe sein.

Sie misstrauten der Autorin. Sie spürten sehr richtig: Wer sich so nach Liebe sehnt, wer so die Trauer besingt, wer so die Einsamkeit beklagt, der ist für den Aufbau dessen, was sie „Sozialismus“ nannten, der ist für den Staat, der „deutsch“, „demokratisch“ und „eine Republik“ zu sein vorgab, nicht geeignet, wenn nicht gefährlich. Recht hatten sie, die wachsamen Funktionäre: In ihrer Welt war der Gesang von der Liebe auch ein politisches, ein rebellisches Gedicht .

Diese schwermütige Hymne gehört zu den Höhepunkten der deutschen Poesie nach 1945. Ich verneige mich vor Sarah Kirsch respektvoll und dankbar.

Schwarze Bohnen

Nachmittags nehme ich ein Buch in die Hand

Nachmittags lege ich ein Buch aus der Hand

Nachmittags fällt mir ein es gibt Krieg

Nachmittags vergesse ich jedweden Krieg

Nachmittags mahle ich Kaffee

Nachmittags setze ich den zermahlenen Kaffee

Rückwärts zusammen schöne

Schwarze Bohnen

Nachmittags ziehe ich mich aus mich an

Erst schminke dann wasche ich mich

Singe bin stumm

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