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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Eine telegrafische Nachricht von Heinrich Heine? So las Marcel Reich-Ranicki das Gedicht „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ und fand außerdem „Understatement“.

          Heine, der Panerotiker, dem man gerne nachsagt, er sei der frivolste deutsche Dichter, war in Wirklichkeit der diskreteste: So wissen wir über die erotischen Erlebnisse, die seinen Versen (Gedichttext im Kasten unten) zugrunde lagen, so gut wie nichts. Zu den wenigen Ausnahmen gehört das Gedicht „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ aus dem „Lyrischen Intermezzo“.

          Die Sache ist längst geklärt: Der junge Heine liebte seine Hamburger Cousine Amalie, die von ihm nichts wissen wollte, da sie in einen anderen verliebt war; dieser wiederum gab einem anderen Mädchen den Vorzug – weshalb die verärgerte Amalie eiligst einen John Friedländer aus Ostpreußen heiratete. Heine ging leer aus und war, wie man sich denken kann, enttäuscht und verbittert. Er hat sich darüber in Briefen an Freunde mehrfach geäußert – nicht sehr ausführlich, doch unmissverständlich.

          Ein Gedicht im Telegrammstil

          Das Gedicht erzählt den Vorgang. Aber die Darstellung ist ungewöhnlich. Denn hier wird nicht beschrieben oder geschildert, hier werden nur Mitteilungen aneinandergereiht, hier wird referiert. Noch knapper und sachlicher geht es nicht: Für eine Affäre, in die immerhin fünf Personen verstrickt waren, braucht Heine nur zwei Strophen mit insgesamt acht kurzen Versen. Das poetische Vokabular, von dem er damals, um 1822, reichlich Gebrauch machte, wird vermieden. Hier finden wir kein Mondlicht, keinen Abendglanz, keine Morgensonne und weder Wald noch Flur, weder liebliche Blumen noch schattige Bäume. Nichts erfahren wir über des Mädchens Äugelein und Wängelein und Händchen klein.

          Verwendet werden nur die gebräuchlichsten Worte, die Worte des prosaischen Alltags. Der Autor berichtet kühl und gleichgültig – so auffallend kühl und so betont sachlich, dass man gleich vermutet, er wolle etwas verbergen. Die kurzen Feststellungen ergeben einen Duktus, den man später Telegrammstil nennen wird. Was sie zur Folge haben, dafür hat die deutsche Sprache (ein interessanter Umstand!) kein Wort zur Verfügung. Wir müssen uns mit einem Fremdwort behelfen: Understatement. Das Fazit macht dann ganz deutlich: In den beiden informierenden Strophen haben wir es mit einem schreienden Understatement zu tun.

          Diese Geschichte sei alt und banal, doch gleichwohl neu – für jenen nämlich, der sie erleben muß. Denn der Schmerz verdrängt alle anderen Regungen. Und die Tatsache, daß Millionen ähnliches erlitten haben und gleichzeitig erleiden, ist kein Trost. Wen es betrifft, richtiger: trifft, dem (erst jetzt gibt es als Schlußakkord ein poetisches Bild) bricht das Herz entzwei. Den harten männlichen Reimen, die die Ordnung vortäuschen (erwählt – vermählt, Mann – dran), folgt in der dritten Strophe nur ein Halbreim. Wenn ihm aber daran gelegen wäre, dann hätte Heine einen reinen Reim auf „neu“ schon gefunden. Aber hier wollte er den unreinen, eben den Halbreim haben. Das Reimwort, das er wählt – entzwei – klingt wie ein Verzweiflungsruf: Es lehnt sich gegen die Harmonie auf.

          Der erste Vers der letzten Strophe ist übrigens ein Selbstzitat: Im Brief an einen Freund, dem er über Amalie schrieb, bezeichnete er sie als „die Klippe, woran mein Verstand gescheitert ist“. Und fügte hinzu: „Es ist eine alte Geschichte.“ Gescheitert? Ja, denn die Liebe „sieht mit dem Gemüt, nicht mit den Augen. Und ihr Gemüt kann nie zum Urteil taugen“. Das stammt von jenem, dessen Werk Heine „das weltliche Evangelium“ nannte: von Shakespeare.

          Von den vielen Komponisten, die Heines Lieder vertont haben, gebührt Robert Schumann die Palme. Doch das Gedicht „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ (wohl nur dieses einzige) hat er leider mißverstanden. Das Tempo des Liedes hat er nicht bestimmt, so daß es stets flott und munter gesungen wird – und es läßt sich gar nicht anders singen. Den düsteren, den alarmierenden Hintergrund hören wir sowenig wie den Aufschrei des Liebenden. Die zwischen den Zeilen verborgene Dramatik hat Schumann übersehen. Da hilft auch nicht das Ritardando bei „wem sie just passieret“. Nach den letzten Worten kehrt die Begleitung sofort zum ursprünglichen Zeitmaß zurück, dem raschen, dem heiteren. Schumann hat viele Gedichte Heines noch schöner und noch reicher gemacht, dieses jedoch ärmer. Aber es ist vollkommen – ohne Musik.

          Ein Jüngling liebt ein Mädchen

          Ein Jüngling liebt ein Mädchen,

          Die hat einen andern erwählt;

          Der andre liebt eine andre,

          Und hat sich mit dieser vermählt.

           

          Das Mädchen heiratet aus Ärger

          Den ersten besten Mann,

          Der ihr in den Weg gelaufen;

          Der Jüngling ist übel dran.

           

          Es ist eine alte Geschichte,

          Doch bleibt sie immer neu;

          Und wem sie just passieret,

          Dem bricht das Herz entzwei.

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