http://www.faz.net/-gr0-7isde

Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „Danach“ von Kurt Tucholsky

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Das schöne Eheleben? Kurt Tucholskys Gedicht „Danach“ beschreibt wohl eher das Gegenteil. Mit dem Berliner Dialekt umgeht er geschickt jede Andeutung von Banalität.

          Er war schreibsüchtig. Nur hatte er nicht zuwenig, sondern zuviel zu sagen: Die ihn bedrängende Wortflut konnte er nicht eindämmen, das Mitteilungsbedürfnis kaum zähmen. Das war die Crux des Schriftstellers Kurt Tucholsky.

          Zu seinem Werk gehören auch Gedichte, Hunderte, ja Tausende – vor allem Songs und Chansons, Couplets und Bänkellieder. Er verfertigte sie für Kabaretts und Revuetheater, für Illustrierte, für Witzblätter und nicht selten auch für die „Weltbühne“.

          Ein Kleinkunsttalent von Format

          Diese rasch entstandenen Verse (Gedichttext im Kasten unten) erfreuten und amüsierten sein Publikum und ihn selber. Doch niemand nahm sie ganz ernst, er selber, glaube ich, auch nicht. Damit mag es zusammenhängen, dass sie von der Nachwelt doch wohl etwas unterschätzt werden.

          Es lässt sich nicht verschweigen: Oft hat sich Tucholsky in seinen Versen mit billigen Reimen beholfen, er hat Kalauer und Witzeleien nicht verpönt, viele dieser Gedichte sind, um es milde auszudrücken, belanglos. Aber es lassen sich auch solche finden, die beweisen, dass er, der hervorragendste deutsche Feuilletonist des zwanzigsten Jahrhunderts, auch ein Kleinkunsttalent von großem Format war.

          Was ist vom Eheglück geblieben?

          Das Gedicht „Danach“ stammt aus dem Jahr 1930. Der Stummfilm hatte gerade (schon gab es den Tonfilm) seinen Höhepunkt erreicht, und damit war auch seine Verlogenheit kaum noch zu überbieten. Warum wird – fragt Tucholsky scheinheilig – nach dem Happy End im Film gewöhnlich abgeblendet? Seine Antwort ist die Geschichte einer Ehe in fünf Strophen.

          Er erzählt, was sich abgespielt hat: erst das Glück mit Kuss und Bett, dann kommt das Kind und dann der Alltag, der trübe, der kümmerliche. Etwas Abwechslung? Nun ja, der Mann möchte noch was mit einer anderen haben, womöglich mit einer Blonden. Der Sohn verlässt das Haus. Und plötzlich sind die beiden alt und fragen sich, was denn von ihrem Glück geblieben sei. Das sagen uns die letzten vier Zeilen – und sie verdienen es, so oft zitiert zu werden wie die populären Verse unserer Klassiker.

          Der Dialekt als Ausweg

          Die Geschichte dieser Ehe wurde millionenfach erlebt, tausendfach beschrieben. Es ist ein alter, ein uralter Hut. Aber in diesem Gedicht ist sie – da schon von Klassikern die Rede war – herrlich wie am ersten Tag. Wie hat das der Tucholsky gemacht? Wie hat er es also geschafft, dass die Geschichte trotz ihrer Banalität uns gar nicht gleichgültig ist, dass sie manchen von uns sogar rührt?

          Er hat gewusst, was dieses Thema am meisten gefährdet: Pathos und Sentimentalität. Um beiden zu entgehen, wählt er ein radikales Mittel der Distanzierung und der Verfremdung: Er schreibt das Ganze im Berliner Dialekt, der schnoddrig und nicht gerade vornehm ist, dafür aber den Vorzug hat, pfiffig, immer unfeierlich und höchst anschaulich zu sein.

          In diesem Gedicht gibt es keinen einzigen originellen Gedanken und lauter originelle Formulierungen. Es lebt von seinem kessen und doch schwermütigen Humor und, vor allem, von seiner Sprache. Ähnlich wie Gerhart Hauptmann oder Alfred Döblin hat Tucholsky unentwegt, ob er es wollte oder nicht, dem Volk, dem Berliner Volk aufs Maul geschaut – und er hat sie alle belauscht: die Ladenverkäufer und die Straßenbahnschaffner, die Spießbürger und die Lumpenproletarier, die Muttchen und die Nuttchen. Er hat ihre Sprechweise eingefangen und sie oft in seinen Versen und in seiner Prosa übernommen. Die Treffsicherheit der Sprache Tucholskys zeigt schon das zentrale Bild dieses Gedichts: die „vabrühte Milch“ als Symbol des eintönigen, des langweiligen, des kläglichen Alltags der kleinen Leute.

          Vor vierzig Jahren habe ich Kurt Tucholsky in der „Welt“ in einem Jubiläumsartikel nachdrücklich gelobt und gerühmt. Allerdings schrieb ich in diesem Artikel: „Aber ein Dichter war er nicht.“ Ich glaube, das war ein Fehlurteil.

          Danach

          Es wird nach einem happy end

          im Film jewöhnlich abjeblendt.

                 Man sieht bloß noch in ihre Lippen

                 den Helden seinen Schnurrbart stippen –

                 da hat sie nu den Schentelmen.

                         Na, un denn –?

           

          Denn jehn die beeden brav ins Bett.

          Naja...diß is ja auch janz nett.

                 A manchmal möchte man doch jern wissn:

                 Wat tun se, wenn se sich nich kissn?

                  Die könn ja doch nich imma penn...!

                        Na, un denn –?

           

          Denn säuselt im Kamin der Wind.

          Denn kricht det junge Paar’n Kind.

                 Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.

                 Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.

                 Denn wolln sich beede jänzlich trenn...

                        Na, un denn –?

           

          Denn is det Kind nich uffn Damm.

                 Denn bleihm die beeden doch zesamm.

                 Denn quäln se sich noch manche Jahre.

                 Er will noch wat mit blonde Haare:

                 vorn doof und hinten minorenn...

                        Na, un denn –?

           

          Denn sind se alt.

                               Der Sohn haut ab.

          Der Olle macht nu ooch bald schlapp.

                 Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit –

                 Ach, Menschenskind, wie liecht det weit!

                 Wie der noch scharf uff Muttern war,

                 det is schon beinah nich mehr wahr!

                 Der olle Mann denkt so zurück:

                 wat hat er nu von seinen Jlück?

                 Die Ehe war zum jrößten Teile

                 vabrühte Milch un Langeweile.

          Und darum wird beim happy end

          im Film jewöhnlich abjeblendt.

          Weitere Themen

          2900 Zeilen für die Liebe Video-Seite öffnen

          Epizentrum für Pärchen : 2900 Zeilen für die Liebe

          100.000 Fächer mit Liebeszeugnissen von Paaren aus aller Welt zu füllen - das ist das Ziel der sogenannten Liebesbank. Die Vorderseiten der Fächer sind mit Versen des wohl längsten Liebesgedichtes der Welt bedeckt.

          Der Kampf der Klarsfelds

          Pariser Ausstellung : Der Kampf der Klarsfelds

          Vergangenheitsbewältigung mit Ohrfeige: Eine Pariser Ausstellung zeichnet den beharrlichen Kampf des Ehepaars Klarsfeld gegen das Vergessen und Verstecken von Kriegsverbrechern nach.

          Zehn Jahre unabhängiges Kosovo Video-Seite öffnen

          Jubiläum : Zehn Jahre unabhängiges Kosovo

          Der jüngste Staat Europas hat seinen zehnten Geburtstag gefeiert. Am 17. Februar 2008 erklärte das Kosovo seine Unabhängigkeit. Und doch ist vielen der 1,8 Millionen Einwohner heute nicht zum Feiern zumute.

          Topmeldungen

          Anklage gegen Russen : Donald Trump und die Wilde 13

          Sonderstaatsanwalt Mueller klagt Russen an, die von langer Hand Wahlmanipulationen geplant haben sollen, und legt deren nicht immer professionelle Methoden offen.
          Peter Tauber hört als CDU-Generalsekretär auf

          CDU-Generalsekretär Tauber : Am Ende fehlte ihm die Autorität

          Den einen war er zu konservativ, den anderen zu modern: Nach vier Jahren im Amt als CDU-Generalsekretär hört Peter Tauber auf. Kanzlerin Merkel könnte schon morgen einen Nachfolger vorschlagen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.