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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „An die Parzen“ von Friedrich Hölderlin

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Für Friedrich Hölderlin war die Poesie die Erlöserin. Sein Gedicht „An die Parzen“ überträgt diese Vision auf den Leser - Widerstand ist zwecklos.

          In seiner Studentenzeit war ihm die Politik mit Sicherheit nicht gleichgültig. Natürlich hat auch ihn, wie die meisten seiner Kommilitonen, die Französische Revolution begeistert oder zumindest irritiert. Doch hat er sich bald von der Gegenwart entfernt: Sie war seine Zeit nicht mehr. Wie sein Hyperion blieb er „auf der Erd, ein Fremdling“, die Zeitgenossen hielt er für „Barbaren von alters her“. Mit den Jahren wurde die Zukunft, die ersehnte und erträumte, zu seiner Epoche. Unter den Klassikern der deutschen Literatur ist er der Seher, der größte, wahrscheinlich der einzige.

          Er war ein Poet und ein Prophet zugleich. Und die Vergangenheit, die antike zumal, die er, so will es doch scheinen, immer wieder beschworen hat? In Wirklichkeit war sie sein Thema nicht. Vielmehr diente sie ihm als Fundus, von dem er reichlich profitierte, als Schatzkammer, aus der er jene Elemente bezog, die er für seine Zukunftsvision benötigte – die Figuren und die Schauplätze, die Motive und die Requisiten. Von den Göttern sagte er, dass sie zwar leben, „aber über dem Haupt droben in anderer Welt“.

          Er sprach stets in eigener Sprache

          Auch er lebte in einer anderen Welt – auf der Erde zwar, doch auch in den Wolken. Als ihn seine Krankheit von der Wirklichkeit zunächst entfernte und dann endgültig löste, da war er noch am Neckar und schon dort, wohin ihm keiner folgen konnte: er, der das Tiefste gedacht, das Lebendigste geliebt und das Dunkelste gedichtet hatte. Aber ein „Hüter des heiligen Feuers“, wie man es ihm bisweilen nachrühmte, war er niemals. Er hat nichts gehütet, es sei denn sein Verhängnis: Letztlich wollte er nichts anderes ausdrücken, nichts anderes besingen als seine Existenz, seinen Lebensentwurf.

          Was er auch dichtete, er sprach in eigener Sache – von seiner Liebe und Not, von seinem Glück und Elend. In seinem Werk stehen die Mauern sprachlos und kalt, es klirren die Fahnen, die Wetterfahnen – und mit ihnen klirren die Ketten, an denen er riss und zerrte und von denen er sich nie befreien konnte. Es ist ihm alles kläglich misslungen – nur nicht die Poesie. Sie, die Dichtkunst, war sein Beruf und seine Berufung, sie hielt er für seine einzige Aufgabe, in ihr sah er sein „freundlich Asyl“ und des Lebens Sinn und Inhalt. Bloß sie, meinte er, rechtfertige das Dasein.

          Je dürftiger die Zeit, desto nötiger die Dichter

          Er glaubte an die Erlösung durch die Poesie. Das war sein fortwährendes Postulat, sein flammendes Programm. Die berühmte Frage „Wozu Dichter in dürftiger Zeit?“ sollte seine Leser, die er freilich kaum hatte, wachrütteln und provozieren. Es war, versteht sich, eine rhetorische Frage. Denn dass die Dichter gerade in dürftiger Zeit gebraucht werden, daran hat er nie gezweifelt, dass sie es sind, die das Bleibende stiften, das war seine Überzeugung, ja seine Heilsbotschaft. Als er nicht mehr dichten konnte, stellte er sachlich fest: „Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne.“ So gehört denn die Poesie selber zu den wichtigsten Themen seiner Poesie.

          Die Ode „An die Parzen“ (Gedichttext im Kasten unten), geschrieben 1798 in Frankfurt am Main, ist, wie viele seiner Gedichte, ein Gebet. Der es spricht, wendet sich an die Schicksalsgöttinnen, die über die Lebensdauer des einzelnen entscheiden. Nur ein Begehren hat er: Die Parzen, die Gewaltigen, mögen ihm die Zeit gönnen, die unentbehrlich ist, damit sein Gesang reif werde. Wie seine Gedanken an die Liebe immer eschatologisch gefärbt und bestimmt sind, so liegt auch seiner Idee vom Dichter das Bewusstsein von den Letzten Dingen zugrunde. In jeder der drei Strophen dieser Ode ist vom Tod die Rede. Wem das süße Spiel, der Gesang also, gelungen, dessen Herz stirbt williger: Er kann sich mit seiner Vergänglichkeit abfinden.

          So gleicht der Poet einem Gott

          Ihm ist seine Nichtexistenz – die Stille der Schattenwelt – sogar willkommen. Obwohl ihn sein Saitenspiel nicht mehr hinab in den Orkus geleitet, obwohl dort seine Kunst nicht existiert oder zumindest für ihn, den Künstler, nicht mehr wahrnehmbar ist, wird er doch „zufrieden“ sein. Denn einmal wenigstens lebte er wie die Götter. Dies aber ist nicht als Befund zu verstehen, sondern als Wunsch: Er, der Poet, der „das Heilge“ vollbracht, das vollkommene Gedicht, er hat alles erreicht, was ein Mensch erreichen kann; so gleicht er einem Gott. Mit anderen Worten: Nur der Kunst verdankt die Seele ihre göttliche Existenz. Oder auch: Die Kunst ist es, die unser Dasein erträglich machen kann.

          So verbirgt sich im Gebet des Künstlers ein Gleichnis menschlichen Sehnens und Strebens. Die Ode „An die Parzen“ gehört zu den Wundern in deutscher Sprache. Aus ihr sprechen Stolz und Selbstbewusstsein, doch ohne Dünkel und Anmaßung. Mächtig ist die Emphase und dennoch frei von Übermut. Das Pathos lässt sich nicht überbieten und ist doch weder laut noch aufdringlich. Gefühl und Gedanke – hier bilden sie eine vollkommene Einheit. Die makellose Harmonie von Ton und Bild hier ist sie verwirklicht. Es mag nicht einfach sein, diesen so anspruchsvollen Dichter zu lieben. Aber es ist unmöglich, ihn nicht zu bewundern, es ist schwierig, ihn nicht zu verehren, ihn, Friedrich Hölderlin.

          An die Parzen

          Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!

             Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,

                Daß williger mein Herz, vom süßen

                   Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

           

          Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht

             Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;

                Doch ist mir einst das Heil’ge, das am

                   Herzen mir liegt, das Gedicht gelungen,

           

          Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!

             Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel

                 Mich nicht hinab geleitet; Einmal

                   Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

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