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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „Als ich nachher von dir ging“ von Bertolt Brecht

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In wenigen Versen lässt Bertolt Brecht ein Mädchen über die Liebe sprechen. Was sie im Gedicht scheu verschweigt, tritt für Marcel Reich-Ranicki dennoch offen zutage.

          Was bleibt von der deutschen Dichtung des zwanzigsten Jahrhunderts? Da es sich dem Ende nähert, wird die Frage immer häufiger gestellt. Doch lässt sie sich überhaupt nicht beantworten. Natürlich können wir sagen, was uns von dieser Literatur heute besonders wichtig vorkommt, aber wie die Welt in fünfzig oder gar hundert Jahren beschaffen sein wird, weiß niemand. Schon deshalb ist es nicht voraussehbar, ob man sich für die Poesie unserer Epoche interessieren und wie man sie beurteilen wird.

          Die Frage: Was bleibt? ist also müßig. Und dennoch reizvoll. Weil sie uns, was immer die Nachgeborenen denken werden, doch zwingt, unsere Anschauungen zu überprüfen. Wird man Kafka so schätzen und bewundern, wie wir Hölderlin oder Büchner schätzen und bewundern? Es ist schon wahrscheinlich.

          „Lied einer Liebenden“

          Wie aber wird es dem Werk Bertolt Brechts ergehen? Werden seine Theaterstücke, die nicht zu Unrecht eine enorme Rolle gespielt haben und die zum großen Teil jetzt schon vergessen sind, je eine Renaissance erleben? Ich bin nicht sicher. Und seine Lyrik? Ich liebe nach wie vor viele Gedichte von Brecht, ich liebe sie ungleich mehr als jene von Trakl und Stefan George, ja sogar von Rilke – und ich kann mir ein Deutschland nicht vorstellen, dem seine Dichtung gleichgültig sein könnte. Dass zu ihren Höhepunkten erotische Verse gehören, ist allgemein bekannt. Doch was zeichnet sie vor allem aus? Vielleicht die ganz selbstverständliche und daher immer aufs Neue verblüffende Einheit von volksliedhafter Schlichtheit und raffinierter Artistik, von Alltagssprache und Poesie.

          Das Gedicht „Als ich nachher von dir ging“ (Gedichttext im Kasten unten) stammt aus dem 1950 für den Komponisten Paul Dessau geschriebenen Zyklus „Vier Liebeslieder“, bestimmt für eine Singstimme und Gitarre. Sie wurden 1953 uraufgeführt und zunächst im Programmheft zu diesem Konzert gedruckt. In Brechts ursprünglicher Niederschrift lautete der Titel dieses Gedichts: „Lied einer Liebenden“. Doch von der Liebe spricht die Liebende nicht. So ist es meist in der erotischen Dichtung: Sie benennt nicht ihr Thema, sie umschreibt es.

          Erblühen statt Entblühung

          Das Mädchen berichtet, es habe in einer Abendstunde etwas erlebt, wodurch seine Sicht verändert worden sei. Und dies in zweifacher Weise: Sie sieht nun alles besser und anders zugleich. Was ist denn gemeint, was hat sich in dieser Stunde abgespielt? Darüber möchte das Mädchen nicht so direkt sprechen („weißt schon, die ich meine“). Jedenfalls war es davon ganz in Anspruch genommen – so sehr, dass es nicht recht wahrnehmen konnte, was ringsherum war: Erst „nachher“, als es von jenem wegging, den es besuchte, fing es wieder an, richtig zu sehen.

          Kann man da noch zweifeln, was sich dort ereignet hat? Waren die beiden miteinander im Bett? Natürlich, doch war es nicht etwa ein alltägliches Beisammensein, vielmehr ein außergewöhnliches Erlebnis: Es machte den Tag zum „großen Heute“. Kurz und gut: Vermutlich hat das Mädchen in jener Abendstunde die Jungfräulichkeit eingebüßt. Da diese Vokabel gar zu betulich und altmodisch klingt, verwenden wir meist ein lateinisches Wort: „Defloration“, zu Deutsch „Entblühung“. Nur trifft es nicht recht zu, weil in Wirklichkeit gerade das Gegenteil eintritt: Der erste Geschlechtsverkehr hat in der Regel nicht Entblühung zur Folge, sondern Erblühen: Es ändert sich das Verhältnis zur Welt.

          Jetzt sieht sie, die Liebende, um sich lauter lustige Leute, grüner scheinen ihr Baum und Strauch und Wiese, alles ist anders geworden. Ihr Selbstvertrauen ist gewachsen – sie glaubt schon, einen schönern Mund und geschicktere Beine zu haben. Ohne die Liebe auch nur mit einem Wort zu erwähnen, zeigt Brecht, was sie zu bewirken vermag – eine überraschende Intensivierung unseres Lebensgefühls, eine ungeahnte Steigerung unseres Daseins. Das kann man auch knapper ausdrücken: Er zeigt das Glück der Liebe.

          Diese Verse kennen keinen Widerspruch zwischen Geradlinigkeit und Charme, zwischen Direktheit und Zartheit. Als er sie schrieb, war Brecht zweiundfünfzig Jahre alt, also längst ein reifer Poet – aber einer, der ein Liebender geblieben ist, vielleicht sogar ein jugendlich Liebender.

          Als ich nachher von dir ging

          Als ich nachher von dir ging

          An dem großen Heute

          Sah ich, als ich sehn anfing

          Lauter lustige Leute.

           

          Und seit jener Abendstund

          Weißt schon, die ich meine

          Hab ich einen schönern Mund

          Und geschicktere Beine.

           

          Grüner ist, seit ich so fühl

          Baum und Strauch und Wiese

          Und das Wasser schöner kühl

          Wenn ich’s auf mich gieße.

          Erschienen in der F.A.Z. vom 16. Juli 1994 sowie im 18. Band der „Frankfurter Anthologie“. Herausgegeben von Marcel Reich-Ranicki. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1995 (vergriffen).

          Quelle: F.A.Z.

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