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Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Anthologie : „Alles geben die Götter“ von Johann Wolfgang von Goethe

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Nur vier Zeilen umfasst dieses Gedicht Johann Wolfgang von Goethes, dennoch sind verschiedene Versionen überliefert. Und wen hält der Dichter eigentlich für einen Liebling der Götter?

          Ich liebe dieses Gedicht, diese achtzehn Worte. Hier stocke ich schon. Sind es wirklich achtzehn Worte oder vielleicht nur siebzehn? Goethe selber hat den vier Versen – man kann es kaum glauben – keine Bedeutung beigemessen. Er notierte sie 1777 in einem Brief an die Gräfin zu Stolberg, eine etwas jüngere Dame, die er nie gesehen hat, die er aber dringend benötigte – als Korrespondenzpartnerin, als Adressatin seiner Monologe.

          In eine Buchausgabe seiner Lyrik hat er das kurze Gedicht (Gedichttext im Kasten unten) nie aufnehmen lassen. Trotzdem wurde es bald veröffentlicht: Der Bruder der Empfängerin, Graf Friedrich Leopold zu Stolberg, hat die vier Verse in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Deutsches Museum“ zitiert. Der erste Vers lautet hier: „Alles geben die Götter, die unendlichen ...“ So wurde das Gedicht über hundert Jahre lang in allen Goethe-Ausgaben gedruckt.

          Ein Unterschied mit eigener Bedeutung

          Doch in dem Brief an die Gräfin zu Stolberg, um den sich offenbar kein Editor gekümmert hat, beginnt das Gedicht anders: „Alles gaben Götter, die unendlichen...“ Also wie nun: „geben“ oder „gaben“, „Götter“ oder „die Götter“ und somit siebzehn Worte oder achtzehn? Hat es Stolberg etwa gewagt, Goethes Verse zu redigieren? Das kann ich nicht glauben. Denn wäre es so, dann hätte der Autor, der das „Deutsche Museum“ zu lesen pflegte, sofort protestiert. Es ist eher anzunehmen, dass die neue Fassung von Goethe selber stammte. Sollte aber Stolberg die beiden Änderungen vorgeschlagen oder vorgenommen haben, dann hat sie, dessen bin ich ziemlich sicher, Goethe gebilligt – stillschweigend oder in einem verloren gegangenen Brief.

          Der Unterschied zwischen den beiden Fassungen ist keineswegs geringfügig. Die Hinzufügung des Artikels „die“ verleiht auch dem ersten Vers den gleichmäßigen Rhythmus der drei übrigen Verse. Ich glaube nicht, dass Goethe diesen Rhythmus zunächst durchbrechen wollte. Und mit dem Verbum in der Vergangenheit drückt er eine allgemeine Erfahrung aus oder eine geschichtliche Erkenntnis: So war es einst, behauptet er. Heißt es aber im ersten Vers „geben“, dann ist mit dem Gedicht ein gegenwärtiger Zustand gemeint und (möglicherweise) eine persönliche Erfahrung. Um nicht missverstanden zu werden, schreibt Goethe in dem Brief an die Gräfin zu Stolberg von der „Unruhe des Lebens“ (er meint: seines Lebens), lässt darauf die vier Verse folgen und fügt sogleich hinzu: „So sang ich neulich, als ich tief in einer herrlichen Mondnacht aus dem Flusse stieg der vor meinem Garten fließt; und das bewahrheitet sich täglich an mir.“

          Von der Gleichzeitigkeit der außerordentlichen Freuden und der außerordentlichen Schmerzen in seinem Dasein hatte er sich etwas früher in einem Brief an seine Mutter geäußert: dass ihm nämlich der Tod der Schwester Cornelia (sie war am 8. Juni 1777 gestorben) „nur desto schmerzlicher sei“, als er ihn „in so glücklichen Zeiten“ überrasche. Dürfen wir das kurze Gedicht als eine Selbstcharakteristik verstehen? Gewiss, aber wann immer Goethe über sich selber spricht, spricht er auch über andere.

          Er weiß sehr wohl, dass er zu den Lieblingen der Götter gehört, er sagt es nicht nur in diesem Vierzeiler, sondern auch bei verschiedenen anderen Gelegenheiten, so gegen Ende jener späten „Elegie“, die wir die Marienbader nennen. Doch zugleich bezieht Goethe dieses Wort auf die Künstler, die Dichter: Sie sind Lieblinge der Götter, denn sie zeichnet die gesteigerte Fähigkeit aus, Glück zu erleben und Leiden zu empfinden. Freilich haben wir damit bloß eine Voraussetzung dies literarischen Künstlertums.

          Sie bedarf, um sich manifestieren zu können, noch einer anderen Fähigkeit: Wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, ist es ihm, dem Poeten, gegeben, zu sagen, wie er leidet und was er leidet. Begnadet und gesegnet mit allen Freuden, den unendlichen, und geschlagen und gequält mit allen Schmerzen, den unendlichen, wurde Goethe zum Sachwalter der Glücklichen und der Leidenden, der Liebenden und der Verliebten. Oder auch; zum Dichter der Liebe.

          Alles geben die Götter

          Alles geben die Götter, die unendlichen,

          Ihren Lieblingen ganz,

          Alle Freuden, die unendlichen,

          Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.

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