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Frankfurter Anthologie : Kenneth Patchen: „An der Straßenecke“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Er war zuerst Stahlarbeiter, dann Dichter und beeinflusste Kerouac und Vonnegut. Seine Gedichte handeln von der Lehranstalt „Straße“. Vor allem dieses hier fängt das Lebensgefühl seiner Zeit ein.

          Ich gehe noch mal runter, an die Ecke, habe ich meiner Mutter gesagt. Gut, ich rufe, wenn’s Essen gibt, rief sie zurück. Da waren dann schon die anderen. Jungens aus dem Viertel. Wir tranken keinen Gin. Wetteten nicht auf Pferde, aber hatten auch nichts zu tun, nichts, wo wir hingehen konnten, keiner. Und wir lachten ebenfalls, wenn Mädchen vorbeikamen. Auch aus Verlegenheit. Ein Amerikaner war es, der mir diese Geschichte wieder erzählte, meine Geschichte.

          Ein Mann aus Ohio. Stahlarbeiter, wie sein Vater, dann Dichter. Nie populär, immer, zu seinen Lebzeiten, einflussreich. Heute unbekannt, nahezu vergessen. Kerouac, Brautigan, Vonnegut, viele der ihm folgenden Generation haben von ihm gelernt. Seinen Roman „Schläfer erwacht“ zählte einst Helmut Heißenbüttel für die Epoche nach Proust und Joyce zu den „unerhörten Meisterwerken“ unserer Zeit, auch deshalb, weil es sich „den Kriterien des Meisterwerks“ gründlich entziehe. Kenneth Patchen, 1911 geboren, 1972 gestorben.

          In der Warteschleife

          Wie viele seiner Kollegen von vergleichbar Herkunft, mit vergleichbarer Bildung, stützte sich Patchen zunächst auf seine eigenen Erfahrungen („Street Corner College“ heißt sein Gedicht im Original, tatsächlich als Schule fürs Leben zu verstehen), um dann, die Lücke zwischen Homer und Hawthorne souverän überspringend, gleich bei der Avantgarde zu landen, beim Experiment, der Radikalisierung literarischer Ansprüche. Dabei hat ihn Enzensberger entdeckt und, 1960 schon, mit einem der frühen Gedichte in seine berühmte Anthologie „Museum der modernen Poesie“ aufgenommen.

          „An der Straßenecke“, vielleicht kein großes Gedicht, dafür aber, und zwar gleich für einige Generationen um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts herum, erfahrungsgesättigt, bildstark, stimmungsgeladen. Wer wissen will, welche Zäsuren das neunzehnte Jahrhundert geprägt, muss nur Baudelaires Gedicht „À une passante“ lesen. Wer wissen will, wie Jugendliche im Amerika der dreißiger Jahre, im Europa der fünfziger Jahre gefühlt, gedacht, ihre Welt empfunden und erlitten haben, kann es „An der Straßenecke“ ablesen.

          In solchen Gedichten sind, fast unabhängig von ihrer Qualität, wie in einer Zeitkapsel, Erfahrungen aufbewahrt, in denen sich mehr noch als nur die Stimmungen und das Lebensgefühl einer ganzen Epoche bündeln, nämlich: eine Lebenswelt. Die doch eher schlichten Verse Kenneth Patchens, keineswegs frei von Pathos, sind ihrer Zeit verhaftet. Das macht sie so stark. „Dialektik im Stillstand“ nannte Adorno damals das Bewegungsprinzip der Geschichte: „Das vergangene Jahr war das Jahr zuvor und nicht mehr.“ Kürzer gesagt: nichts geht mehr. Der Aufbruch aus den erstarrten Verhältnissen, mit Rock’n’Roll, den ersten Jugendkrawallen und schließlich einer weltweiten Protestbewegung, war noch kaum zu erkennen. Es sei denn an solchen Versen: „Wir hatten nichts zu tun; nichts, wo wir hingehen könnten; keiner.“ Der Lyriker Jürgen Theobaldy brachte es im Titel seines ersten Romans auf zwei Worte: „Sonntags Kino“. Sonst eben, die Straßenecke, wir stehen „hier und sehen den Mädchen, die vorbeikommen, nach und lachen“.

          Doch, auch das zeigt Patchen, „die Gekränkten, Bruder, die verzweifelte Jugend“, sie standen bereits an den Startblöcken. Deshalb hat sich mir dieses Gedicht so eingeprägt.

          Vielleicht kann man, in Anlehnung an Ernst Bloch, auch von dem Kältestrom sprechen, der die Geschichte durchzieht und jede Generation aufs Neue daran erinnert, dass die Welt nicht auf sie gewartet hat, auch wenn sie, „die verzweifelte Jugend“, „die Gekränkten“, darauf warten, dass diese fremde, kalte Welt auf sie zukommt. Zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Formen. Denn die „kalten Sterne“, die mir aus dem Gedicht von Patchen entgegensahen, waren mir schon einmal begegnet, bei Lord Byron („Distinct, but distant – clear – but, oh, how cold“): „Scharf, aber fern – klar, aber ach wie kalt.“

          Bei Bloch allerdings sind Kältestrom und Wärmestrom aufeinander bezogen. Aus ihnen ergibt sich das Prinzip Hoffnung. Immer mal wieder einen neuen Auf- und Ausbruchsversuch, für die „Schlafwandler in einem dunklen, furchtbaren Land“.

          Kenneth Patchen: „An der Straßenecke“ / „Street Corner College“

          Im nächsten Jahr wird die Erde uns bedecken.

          Jetzt stehen wir hier und sehen den Mädchen,

          die vorbeikommen, nach und lachen;

          wir wetten auf langsame Pferde und trinken billigen Gin

          Wir haben nichts zu tun; nichts, wo wir hingehen könnten;

          keiner.

           

          Das vergangene Jahr war das Jahr zuvor und nicht mehr.

          Wir waren damals nicht jünger und sind heute nicht älter.

           

          Wir geben uns Mühe auszusehen, wie junge Männer aussehen;

          hinter unseren Gesichtern fühlen wir nichts, weder so oder so.

           

          Wir werden wahrscheinlich noch nicht ganz tot sein, wenn wir

          sterben.

          Wir waren die ganze Zeit nichts, nicht einmal Soldaten.

           

          Wir sind die Gekränkten, Bruder, die verzweifelte Jugend,

          Schlafwandler in einem dunklen, furchtbaren Land,

          wo die Einsamkeit wie ein schmutziges Messer uns an der Kehle

          sitzt.

          Kalt sehen die Sterne uns an, Mensch,

          kalte Sterne und Dirnen.

           

          Aus dem Amerikanischen von Kurt Heinrich Hansen

          ***

          Next year the grave grass will cover us.

          We stand now, and laugh;

          Watching the girls go by;

          Betting on slow horses; drinking cheap gin.

          We have nothing to do; nowhere to go; nobody.

           

          Last year was a year ago; nothing more.

          We weren't younger then; nor older now.

           

          We manage to have the look that young men have;

          We feel nothing behind our faces, one way or other.

           

          We shall probably not be quite dead when we die.

          We were never anything all the way; not even soliders.

           

          We are the insulted, brother, the desolate boys.

          Sleepwalkers in a dark and terrible land,

          Where solitude is a dirty knife at our throats.

          Cold stars watch us chum

          Cold stars and the whores.

          In: „Museum der modernen Poesie“. Hrsg. von Hans Magnus Enzensberger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 868 S., br., 19,– €. Zur Zeit vergriffen.

          Von Martin Lüdke ist zuletzt erschienen: „Meine Moderne: Bausteine zu einer persönlichen Literaturgeschichte“. Hrsg. von Michael Buselmeier. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2011. 64 S., geb., 13,50 €.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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