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Frankfurter Anthologie : Günter Grass: „Zuletzt drei Wünsche“

Bild: picture-alliance / ZB

Noch weiß er, wie es geht, schon bedarf er der Unterstützung: In selbstironischen Liebesversen bittet Günter Grass, bei ihrer Veröffentlichung 76 Jahre alt, um Beihilfe zum wechselseitigen Vergnügen.

          O body swayed to music, O brightening glance
          How can we know the dancer from the dance?

          (O Körper zu Musik sich wiegend, O erleuchtender Blick
          Wie können wir den Tänzer vom Tanz unterscheiden?)

          So wie in den berühmten Versen, mit denen der Ire William Butler Yeats 1928 sein Gedicht „Among School Children“ beschließt, so wird der Tanz in fast aller moderner Poesie, die ihm gilt, von außen betrachtet. Die meisten Dichter schauen dem Tanz oder der Tänzerin oder eben beider Ununterscheidbarkeit fasziniert zu. Sie tanzen nicht selbst, sondern sie lassen tanzen: den Tod (Baudelaire) beispielsweise, Raubkatzen, Mädchen im Allgemeinen, spanische im Besonderen (Rilke), das Vierviertelschwein (Morgenstern) oder auch Zweige (Ungaretti).

          Es reicht nicht, nichts verlernt zu haben

          Die Schwierigkeit, den Tänzer vom Tanz zu unterscheiden, die Yeats festhielt, mag von dieser Außenperspektive herrühren. Denn die Innenperspektive der Tänzer selbst kennt den Unterschied ja durchaus. Zumal wenn die Tanzenden die Anstrengung verspüren, es, den Tanz, richtig zu machen. So Günter Grass, der notorisch Tanzfreudige, in diesem Gedicht aus dem Band „Letzte Tänze“, der im Jahr 2003 erschien.

          Das Abc der Wechselschritte auswendig zu wissen, erfährt der Sechsundsiebzigjährige, den wir hier getrost mit dem lyrischen Ich gleichsetzen dürfen, ist nicht dasselbe, wie es leicht hertanzen zu können. Denn er geht schon lange nicht mehr auf Kindesbeinen. „Ist mir geläufig“ heißt für ihn nicht mehr dasselbe wie „läuft bei mir wie von selbst“. Auch das, was nicht verlernt wurde, kann unter Umständen nicht mehr ausgeführt werden. Wissen ist nicht Können.

          An entscheidender Stelle hilfreich

          Die Umstände des Gedichtes sind lebenszeitliche, seine Zeitform ist das „noch“. Noch ist er bei Puste, noch weiß er, wie es geht, selbst Greise tun es noch, noch ist es auch ihm möglich. Aber jedes „noch“ führt ein unausgesprochenes „schon“ mit sich. Schon nämlich bedarf er der zeitlichen Unterstützung: einer Pause Toleranz, Geduld, Nachsicht. Was für die meisten Tänze gilt, die Grass in seinem Band bedichtet - den Schieber, den Tango, den Walzer, die Polka -, dass sie nämlich nur zu zweit getanzt werden können, was sie zum Bild für soziale Lust geeignet macht, wird hier sogar auf den Kopfstand ausgedehnt. Auch die Solistenübung des Sprechers verliert ohne die Bereitschaft der anderen, darüber zu staunen, ihren Sinn. Tanz, Erektion, Reim - alles noch möglich, aber immer schon und jetzt noch mehr denn je auf Mitwirkung angewiesen. Dass es drei Wünsche sind, deren Erfüllung das staunenswerte Vergnügen noch möglich machen würde, könnte nahelegen, dass sie an eine Fee gerichtet sind. Doch diese hier soll die Wünsche nicht nur erfüllen, sie soll selbst Teil der Wunscherfüllung sein.

          Eine beiläufige Technik dieser selbstironischen Liebesverse, die um tätige Beihilfe zum wechselseitigen Vergnügen bitten, ist das Wortspiel, gespielt zuweilen unweit von Kalau. Im Ruhestand werden Kopfstand wie Stehvermögen zur Leistung. Die Neigung, sich zu versteifen, schadet dem Tanz, aber dem Sex, zu dem der Tanz mitunter hinwill, ist sie an entscheidender Stelle gerade hilfreich. Die Statistik (von lateinisch status: Zustand, Stellung) beweise, dass es Männern überall bis zuletzt um diese Form von Standhaftigkeit geht, eine Standhaftigkeit, die sich aber in etwas beweist, das - „komm tanz, lieg bei“ - zugleich als Tanzen und Liegen beschrieben wird. Und wer sich in der zweiten Zeile fragte, wie anders man denn als „von den Sohlen aufwärts“ existieren sollte und was gar eine Existenz „von den Sohlen abwärts“ wäre, erhält in der dritten Strophe bildlich Bescheid: der Dichter existiert durch Kopfstand so.

          Günter Grass: „Zuletzt drei Wünsche“

          Komm, tanz mit mir, solang ich noch bei Puste
          und von den Sohlen aufwärts existiere.
          Was ich von Kindesbeinen her an Wechselschritten wußte,
          ist mir noch immer wie das ABC geläufig,
          doch pocht in linker Wade häufig
          ein Schmerz, den ich im Ruhestand verliere.
          Drum bitt ich dich um eine Pause Toleranz,
          bis ich gelenkig bin zum nächsten Tanz.

          Komm, lieg mit bei, solang mein Einundalles steht
          und wichtig tut, als stünd er zum Beweis,
          worum in aller Welt es laut Statistik geht:
          nah dem Polarkreis, in der Wüste Gobi koitieren
          selbst Greise noch, bevor sie kollabieren
          und suchen Lustgewinn um jeden Preis.
          Drum bitt ich dich, Geduld als Stütze zu begreifen,
          bis er - du staunst - beginnt, sich zu versteifen.

          Komm, sieh mir zu, ob ich den Kopfstand schaffe
          und aus verkehrter Sicht die Dinge rings erkenne,
          wie ich schon immer schräg von oben als Giraffe
          und schräg von unten aus des Menschenwurmes Blick
          mir reimte, was behinderlich dem Glück
          und was zuerst auf Erden war: das Ei? die Henne?
          Drum bitt um Nachsicht ich, wenn meine Kopfständ gleichen
          letztendlich einem Fragezeichen.

          Komm tanz, lieg bei, sieh zu und staune,
          was mir noch möglich ist bei Gunst und Laune.

          Günter Grass: „Lyrische Beute. 140 Gedichte aus fünfzig Jahren“. Steidl Verlag, Göttingen 2004. 272 S., geb., 35,- €.

          Die Audio-CD „Günter Grass liest: Lyrische Beute. 140 Gedichte aus fünfzig Jahren“, ebenfalls 2004 im Steidl Verlag erschienen, kostet 19,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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