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Frankfurter Anthologie : Günter Grass: „Askese“

Wie man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben könne, hatte Adorno Anfang der fünfziger Jahre gefragt. Günter Grass antwortete ihm mit diesem Gedicht, in dem er Adorno entgegenkam und ihn zugleich widerlegte.

          Alles, was er geschrieben habe, sei aus lyrischen Momenten entstanden, mit gelegentlichen „Ausweitungen bis zu siebenhundert Seiten“. Mit solchen Zuspitzungen hat Günter Grass noch seine dickleibigsten Romane seinem lyrischen Werk zurechnen wollen. Weltberühmt wurde er als Romancier, begonnen hatte er indes als Lyriker, und Lyriker sollte er bleiben sein Leben lang, obwohl sein poetisches Werk bis heute nicht angemessen gewürdigt wird und auch die frühesten Reaktionen wenig ermutigend waren.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Sein erster, 1956 erschienener Gedichtband „Die Vorzüge der Windhühner“ fand innerhalb der ersten drei Jahre gerade einmal siebenhundert Käufer. Hatte Grass damals im Gedicht „An alle Gärtner“ noch die Frage „Warum wollt ihr mir verbieten, Fleisch zu essen“ gestellt und trotzig gefordert: „Laßt mich vom Fleisch essen. / Laßt mich mit dem Knochen alleine, / damit er die Scham verliert und sich nackt zeigt“, so schlug er 1960 mit „Askese“ andere Töne an. Mit den „Gärtnern“ hatte er Naturlyriker wie Wilhelm Lehmann aufs Korn genommen und Nelken, Rosen, Maiglöckchen aus ihrem Idyll gerissen. Jetzt sprach er die damals viel gelesenen, aber auch verspotteten „Bewisperer von Nüssen und Gräsern“ noch einmal an: als Wiederkäuer des Grünen, denen er das „spitze Blei“ des Zeichners entgegenhielt, der Bräute und Schnee schattiert und unter bewölktem Himmel die graue Farbe liebt. Aber wie passt die Askese der gestrengen Katze zum ausufernden und überbordenden Prosastil des sich so gern barock gebenden, allen sinnlichen Genüssen gegenüber aufgeschlossenen Autors der „Blechtrommel“?

          Die Beschwörung des Essens

          Das spitze Blei steht mit seinen Schraffierungen für die Abkehr von allen Gewissheiten. Die Zeit des Schwarz oder Weiß war vorüber, die Epoche der Grautöne hatte begonnen. Adorno hatte die Frage aufgeworfen, wie man nach Auschwitz Gedichte schreiben könne. Aufgefasst und wiedergegeben wurde sein Diktum als Verbot. Auch der junge Grass reagierte mit Abwehr: „Da ich mich im Vollbesitz meiner Talente wähnte und mich entsprechend als Alleinbesitzer dieser Talente sah, wollte ich sie ausleben, unter Beweis stellen. Geradezu widernatürlich kam mir Adornos Gebot als Verbot vor; als hätte sich jemand gottväterlich angemaßt, den Vögeln das Singen zu verbieten.“

          Seine Frankfurter Poetik-Dozentur stellte Grass 1990 unter die Überschrift „Schreiben nach Auschwitz“. Sie begann mit dem Siebzehnjährigen, der zeit seines jungen Lebens „mit Glaubenssätzen dumm gehalten und entsprechend auf idealistische Zielsetzungen getrimmt“ worden war. Nach Kriegsende musste er mit hunderttausend anderen zusammen in amerikanischer Kriegsgefangenschaft unter freiem Himmel erfahren, was Hunger bedeutet. Die mythischen Köche, die Beschwörung des Essens, die Feier von Butt, Pilz und Wein, hier haben sie ihren Ursprung.

          Die Askese, die Grass im Gedicht eine Katze nicht predigen, sondern unmissverständlich fordern lässt, steht dazu nur im scheinbaren Gegensatz. Mit ihr wollte Grass Adornos Diktum Genüge tun, indem er es schreibend befolgte und gleichzeitig widerlegte: „Seiner Gesetzestafel entlehnte ich meine Vorschrift. Und diese Vorschrift verlangte Verzicht auf reine Farbe; sie schrieb das Grau und dessen unendliche Abstufungen vor.“ Askese, das bedeutete für Grass damals die Abkehr von „blaustichiger Innerlichkeit“, Misstrauen allem „Klingklang“ gegenüber. Mit den Mitteln beschädigter Sprache sollte die „erbärmliche Schönheit aller erkennbaren Graustufungen“ gefeiert werden. Mit „Askese“, veröffentlicht 1960 in seinem zweiten Gedichtband „Gleisdreieck“, gab Grass sich ein ästhetisch-politisches Programm, das der Abwehr gegenüber allen Ideologien entsprang und darüber selbst ideologisch zu werden drohte. Das blieb ihm nicht lange verborgen. Rückblickend sprach Grass 1990 in Frankfurt von einem Zweifel, der „alles und selbst den Regenbogen graustichig werden ließ“. Doch die Grautöne dieses Gedichts leuchten noch immer.

          Günter Grass: „Askese“

          Die Katze spricht.

          Was spricht die Katze denn?

          Du sollst mit einem spitzen Blei

          die Bräute und den Schnee schattieren,

          du sollst die graue Farbe lieben,

          unter bewölktem Himmel sein.

           

          Die Katze spricht.

          Was spricht die Katze denn?

          Du sollst dich mit dem Abendblatt,

          in Sacktuch wie Kartoffeln kleiden

          und diesen Anzug immer wieder wenden

          und nie in neuem Anzug sein.

           

          Die Katze spricht.

          Was spricht die Katze denn?

          Du solltest die Marine streichen,

          die Kirschen, Mohn und Nasenbluten,

          auch jene Fahne sollst du streichen

          und Asche auf Geranien streun.

           

          Du sollst, so spricht die Katze weiter,

          nur noch von Nieren, Milz und Leber,

          von atemloser saurer Lunge,

          vom Seich der Nieren, ungewässert,

          von alter Milz und zäher Leber,

          aus grauem Topf: so sollst du leben.

           

          Und an die Wand, wo früher pausenlos

          das grüne Bild das Grüne wiederkäute,

          sollst du mit deinem spitzen Blei

          Askese schreiben, schreib: Askese.

          So spricht die Katze: Schreib Askese.

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