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Frankfurter Anthologie : Georg Heym: „Gebet“

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Bild: F.A.Z., Picture-Alliance, dapd

Das Bürgertum verachtete er und war doch ein Teil von ihm. Er wollte Offizier werden, obwohl er ahnte, dass ihm das nicht liegen würde. Hätte Georg Heym seine Kriegsverse nach einer echten Schlacht verteidigt?

          Der vierundzwanzigjährige Georg Heym ruft einen Kriegsgott an gegen die Welt und gegen die Zeit, in der er lebte. Eine Zeile aus einem früheren Entwurf dieses Gedichts sagt: „Wir ersticken, Herr, denn wir sind fett und krank.“ Ähnlich schrieb Heym am 15. September 1911 in sein Tagebuch: „Mein Gott – ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthusiasmus in dieser banalen Zeit...Ich hoffte jetzt wenigstens auf einen Krieg. Auch das ist nichts.“ Im September 1911 drohte die Regierung des Deutschen Reiches mit Krieg gegen Frankreich, Aber es fand sich damals noch eine friedliche Lösung.

          Derselbe Georg Heym, der das Ende der wilhelminischen Bürgerklasse wünschte, genoss deren Privilegien. Wie sein Vater, mit dem er in Hassliebe verbunden war, studierte der junge Heym Rechtswissenschaften, aber bald verachtete er diesen Beruf. Der gehasste Vater schrieb Gesuche an preußische Regimenter um Aufnahme seines Sohnes als Fahnenjunker. Heym wollte Offizier werden, obwohl er voraussah, dass er den „schrecklichen Zwang“ (Tagebuch vom 22. September 1911) nicht ertragen würde. Ein in Metz stationiertes preußisches Regiment nahm ihn an. Die Nachricht traf ein, als er schon tot war. Im Januar 1912 war er mit einem Freund zum Schlittschuhlaufen auf die Havel in Berlin gegangen. Die Polizei hatte sicheres, festes Eis markiert, aber gerade diesen erlaubten Kurs wollten die beiden nicht fahren. Der Freund geriet in ein nur mit dünnem Eis bedecktes Angelloch, Georg Heym versuchte ihn zu retten und ertrank.

          Götter und Dämonen

          Heyms Gebet bittet einen großen Gott um Krieg. Das ist nicht der alte Gott seiner Eltern. In seinem Tagebuch vom 26. Juni 1910 beweist Heym sich, dass es keinen guten und allmächtigen Gott geben kann, und ein Gedicht aus dem Februar 1910 beginnt so: „Ich verfluche dich, Gott; alter Narr in dem Flitterstand.“ Was das Gedicht verflucht, ist immer noch da. Heym schrieb Gedichte über die Rollen des Pilatus und des Judas in der Passion Jesu. Unter dem Judas-Kuss knickt „der Gott“ ein. Dieser „Gott“ ist nur Mensch, heißt es in „Der Garten“. In Heyms Lyrik gibt es Götter, aber sie sind nicht wie der alte Gott gut und allmächtig. Nennen wir sie Dämonen.

          Unser Gebet richtet sich an einen großen und bösen Griechengott. Wie Aiolos die Winde, so hat der Kriegsgott Kriege in seinen Lederbeuteln eingefangen. Heyms Gebet will, dass der Gott einen Krieg herauslässt. Im vierten und im letzten Vers wird dieser Gott als „Herr“ angeredet. Dieser Herr wird nicht erlösen, auch kein befreiendes Erdenglück bringen, sondern Prüfungen: Feuer, Regen, Hungersnot, qualvolles Sterben. Eine Prüfung soll entscheiden, ob die Geprüften der Größe fähig sind, die die niedrige, erstickende Öde der wilhelminischen Bürgerlichkeit überragt. Heym dachte im Sinne Nietzsches, der schrieb: „Man hat auf das grosse Leben verzichtet, wenn man auf den Krieg verzichtet.“ Das große Leben ist der Kampf um das Dasein.

          Wenn Heym nicht 1912 umgekommen wäre, den Krieg, um den sein Gebet im Jahr zuvor bat, hätte er bald gehabt. Überlebt hätte er ihn vielleicht ebenso wenig wie der Maler Franz Marc, der 1916 vor Verdun fiel. Wahrscheinlich hätte Heym bald erkannt, dass der Krieg keine Größe verleiht. Denn etwas in ihm wusste und sagte dies seiner dichterischen Phantasie schon im September 1911.

          Lobgesang / Untergang

          Von den drei Versionen des Gedichts „Der Krieg“, die im September 1911 entstanden wie „Gebet“, ist die erste die berühmteste. Der Dämon Krieg steht auf, tanzt, treibt Flammen an, verbrennt die Stadt, das biblische Gomorra. Der Gomorra zerstörte, war der Gott Abrahams, kein guter Gott. Die zweite Version, die beginnt: „Hingeworfen viele tausend Leiber“, ist auf die Kriegstoten konzentriert, die von Rabenschwärmen zerhackt werden, bis sie wie Würmer aus den Äckern kriechen. In dieser Version wird der Krieg am scheußlichsten beschworen. Die dritte Version ist das endgültige Gedicht „Der Krieg“. Drei gereimte Strophen sprechen von den Kriegstoten, die in herbstlichen Wäldern umherirren, um sich vor den Lebenden zu verbergen. Diese Vision denkt nicht an einen gewonnenen Krieg. Die letzte Strophe lässt den Dämon Tod groß über den Untergang schreiten, während „der Sterbenden Schreien und Lobgesang“ ertönen.

          Heyms „Gebet“ lässt verständlich werden, warum das Wort „Lobgesang“ sich auf „Untergang“ reimt. Der Schrecken des Krieges sollte der „öden Zeit“ aufhelfen. Leiden und Katastrophen sind in Kauf zu nehmen. Statt Gottes werden Dämonen herrschen. Obwohl Heym wollte, dass der Wilhelminismus, das falsche Deutschland, untergehe, seine dichterische Imagination wusste: Die Dämonen, die das bewirken, werden böse Götter sein.

          Georg Heym: „Gebet“

          Großer Gott, der du auf den Kriegsschläuchen sitzest.

          Vollbackiger du, der den Atem der Schlacht kaut.

          Lass heraus wie Sturm gegen Morgen den Tod,

          Gib uns, Herr, Feuer, Regen Winter und Hungersnot.

           

          Dass das Kriegshorn wieder im Lande schallt,

          Dass die Äcker liegen mit Leichen voll,

          Öde Zeit ist, wie ein Kranker das Jahr,

          Herr gib uns das Feuer. Und reiche uns Prüfungen dar.

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