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Frankfurter Anthologie : Christine Lavant: „Wär ich einer Deiner Augenäpfel“

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Bild: Picture-Alliance

Nach der Glückskatastrophe mit einem verheirateten Mann beginnt die zeitlebens kränkelnde Christine Lavant ihr lyrisches Hauptwerk. Halb Nonne, halb Kräuterweiblein, verwandelt sie ihre Liebe in Sprachzauber.

          Noch vor jedem Verstehen ist da der Sound. Binnenreime und Assonanzen überziehen die Verse mit einem Klangnetz, so dass der fehlende Endreim der Serbischen Trochäen gar nicht auffällt. Christine Lavant schlägt die alte Unmöglichkeitsformel der Liebenden an: „Wenn ich wär’!“ Und taucht mit dem Konjunktiv den Text weiter in eine musikalische Tönung: „wär“, „Äpfel“, „gäbe“, „würde“. „Ärgernisse“ und „gern ertragen“ nehmen in der Klangöffnung die „Haare“ wieder auf. Kannte sie Stefan Georges Gedicht „Sehnsucht“, in dem ein Ich „um dein aug’ und haar / alle tage in sehnen leben“ muss? Hatte sie das ungewöhnliche Wort „Augenäpfel“ in Rilkes „Archaischer Torso Apollos“ gelesen? Goethes „Zauberlehrling“ mit dem „Hexenmeister“ wird der Autodidaktin gewiss vertraut gewesen sein.

          Die Dichterin, die den Namen ihres Heimatflusses zum Pseudonym machen sollte, wurde 1915 im Lavanttal geboren, als das jüngste von neun Kindern des invaliden Grubenmaurers Georg Thonhauser und seiner Frau Anna, einer Flickschneiderin. Der Vater erzählte gerne „vom Gottsnamwutzl und von anderen Geistern“, und die innig fromme Mutter sang mit ihren Kindern Kirchenlieder und Kärntner Volkslieder. Christine schien kaum lebensfähig, ein skrofulöses, lungenkrankes Mädchen, das zwölfjährig nach einer radikalen Röntgenbestrahlung von einer Tuberkulose geheilt werden konnte. Auch die nässende Skrofulose verschwand. Sie blieb schwächlich, von Narben an Hals und Gesicht gezeichnet. Die verhuschte kleine Außenseiterin brauchte sieben Jahre, um die dreiklassige Grundschule zu absolvieren; auf der Fensterbank aber schrieb sie Geschichten. Als ein Verlag den ersten Roman der Siebzehnjährigen ablehnte, nahm sie Tabletten und kam in die Klagenfurter „Landes-Irrenanstalt“. Nach dem Tod der Eltern heiratete sie mit 24 Jahren den sechzigjährigen erfolglosen Kunstmaler Josef Habernig und hauste mit ihm hungernd in einem Zimmer. Durch Stricken gewährleistete sie den bescheidenen Lebensunterhalt: vor sich auf dem Tisch die Bücher aus der Wolfberger Leihbibliothek, die klappernden Nadeln über dem Schoß. Als ihr ein Band Rilke-Gedichte in die Hand fiel, sei ihr gewesen, als „habe man einen Brunnen geschlagen“; nach einigen epigonalen Versuchen fand sie ihren Ton. Und schrieb aus dem Lavanttal in den Echoraum der Weltliteratur hinein.

          Eine Leibesgefangenschaft

          Ein Ich wendet sich an ein Du. Beinahe sezierend bezeichnet es den Körper des anderen (Gedichttext im Kasten unten). Einer seiner „Augenäpfel“ möchte es sein, oder wenigstens ein „Wimpernhaar“. Dann würde das Du mit dem Sehorgan des Ich die Welt schauen; als Wimper könnte das Ich helfen, seinen Blick zu schützen. Beide Positionen sind intim, gilt das Auge doch als Fenster der Seele. Das Ich will nicht nur anteilnehmen am Du, sondern sein Teil sein. Nur wenn das Ich im Du aufgeht, in ihm untergeht, ist es für das Du zu „ertragen“. Die Verschmelzung, von der die Zeilen im Irrealis sprechen, hat aber klanglich schon begonnen (doppelter Binnenreim „einer / deiner“; die Musik der Vokale und Umlaute).

          Indem sich das Ich in der zweiten Strophe nun als „Seele“ auf den Weg macht zum „nächsten besten Hexenmeister“ (drei Mal zischende Assonanz), der sie „verzaubern“ soll, intensiviert sich die Sprachmagie. Die dritte Strophe vollbringt das „kleine Wunder“ der Anverwandlung. Sie beginnt mit einer Einschränkung, die zugleich Beschwörung ist. Wie im Zauberspruch werden die Worte gedoppelt (Freilich hast du / Freilich hast du; Brot und Wasser / Brot und Wasser). Da das Du kein Auge braucht und keine Wimper, inszeniert das sprechende Ich nun eine ganz andere Metamorphose. Das leiblich vollkommene Du wird doch Hunger haben! So soll die Seele Brot und Wasser werden und sich als Grundnahrungsmittel dem Du einverleiben: „alle Tage“. Eine inverse Eucharistie. Wasser und Brot aber sind nicht Brot und Wein. Das Abendmahl, das diese Zeilen versprechen, hat auch den Nachhall von Kerker. Es benennt eine Liebes- und Leibesgefangenschaft. Und das Gedicht, das von dieser Wandlung spricht, ist das Gedächtnis eines Dramas.

          Im Jahr 1950 lernte Christine Habernig, 35 Jahre alt, bei ihrer ersten Lesung den Maler Werner Berg kennen. Auch er ist verheiratet, 46 Jahre alt, Vater von fünf Kindern. Berg muss elektrisiert gewesen sein von der enigmatischen schmalen Frau, die, ganz in Schwarz mit Kopftuch, sich halb als Nonne, halb als Kräuterweiblein inszenierend, wie aus der Zeit gefallen ihre Verse las. Eine Glückskatastrophe beginnt. Der Mann, attraktiv, gesund, als Künstler arriviert, wird zum protegierenden Freund der kranken Debütantin. Während sich Christine von ihrem Ehemann schon lange entfernt hat, fordert Werner Berg von seiner Frau Verständnis für die neue Situation. Nach vier zermürbenden Jahren überlebt Werner Berg Anfang 1955 nur knapp den Versuch einer Selbsttötung. Christine zieht sich zurück. Unter dem Eindruck der erfüllten, gefährdeten, schließlich im Verzicht beendeten Beziehung entsteht in den Jahren 1950 bis 1956 Lavants lyrisches Hauptwerk. Die Sprachzauberin hat ihre Gedichte auch als Brot bezeichnet. Wer sie liest, nimmt teil an einem Hochamt der Liebe.

          Cristine Lavant: „Wär ich einer Deiner Augenäpfel“

          Wär ich einer Deiner Augenäpfel

          oder eines Deiner Wimpernhaare,

          niemals gäbe ich Dir Ärgernisse,

          und Du würdest mich so gern ertragen.

           

          Meine Seele geht jetzt auf die Suche

          nach dem nächsten besten Hexenmeister

          der an ihr das kleine Wunder täte

          denn sie will sich gleich verzaubern lassen.

           

          Freilich hast du schon zwei Augenäpfel

          Freilich hast du alle Wimpernhaare,

          aber wenn sie Brot und Wasser würde -?

          Brot und Wasser brauchst du alle Tage.

          Christine Lavant: „Werke in vier Bänden. Band 1: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte“. Hrsg. von Doris Moser und Fabjan Hafner. Wallstein Verlag, Göttingen 2014. 720 S., geb., 38 Euro.

          Von Angelika Overath ist zuletzt erschienen: „Sie dreht sich um“. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2014. 288 S., geb., 15,60 Euro.

          Gedichtlesung: Thomas Huber

          Quelle: F.A.Z.

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