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Frankfurter Anthologie : Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel: „Sterbelied“

  • Aktualisiert am

Bild: Museum Schloss Wolfenbüttel

Das Barock war reich an Gedichten, in denen der Welt sprachmächtig Adieu gesagt wird. Das „Sterbelied“ des Herzogs von Braunschweig übertrifft alle anderen mit seiner rückhaltlosen Offenheit.

          An Prachtentfaltung, um das irdische Dasein zu feiern, war das Barock unübertrefflich. Unüberbietbar auch darin, den Schlussstrich unter Glanz und Drangsale des Lebens zu ziehen. „Es ist genug!“ Nicht deutlicher kann der Mensch hinsinken und alles Gepränge und Schein abstreifen. Und das Zeitalter wartet mit einer ganzen Gattung von „Es ist genug!“-Gedichten und Kantaten auf. Keine klein-zerknirschten, – modernen? – Seelen sagen hier Adieu. Nein, für ein letztes Mal souverän wirft der Mensch mit großer Geste den köstlichen, strapaziösen Erdenplunder fort.

          Das Sterbelied des Herzogs von Braunschweig nimmt unter den Abschiedsschreien, die stets jeden betreffen, eine Sonderstellung ein. Seine schlichte Wucht in schönstem alten Deutsch hat kaum seinesgleichen. Rückhaltlos offen spricht hier ein greiser Monarch und fulminanter Kunstmäzen: „Mein matter Sinn...Ich bin ermüdt ... Die große Last hat mich ... erstickt ...“ – Ja, mich auch, immer wieder, pflichtet noch nach dreihundert Jahren der Leser bei. Und der Herzog findet ein unvergessliches Sammelwort für unsere Lebensnöte: „Kreuzesware“.

          Ist der Tod eine Erholungspause?

          Auf jeden rhetorischen Zierrat wird verzichtet. Die Sprache pflügt zwischen Lebensermüdung und Gottvertrauen furchenscharf dem letztem Atemzug entgegen. Das Gedicht ist ein großes Basta nach achtzig anstrengenden Jahren. Doch es gerät unversehens auch zum Trost – und wurde es vielleicht auch für seinen Verfasser, – denn formvollendet und sprachmächtig ziehen die Verse noch einmal eine Daseinssumme: „Ich hab geführt des Tages Bürd’: Es muß einst Abend werden.“ Wer derartig einprägsam Abschied nimmt, mit Reim, Metrik, Kunstsinn in den Adern, der vergeht nicht vollends kläglich. Die barocke Lebensoper währt, bis sich der Vorhang tatsächlich schließt, die Stille herrscht. Mit Sprachkraft stößt das Gedicht zum ewigen Abgrund, aber labt auch durch die menschliche Gestaltungskraft. „Es sei also gestorben“ klingt zu bravourös, um nur einem Schauder die letzte Regung zu überlassen. Dies ist ein gutes Vermächtnis der Barocken, dass sie alles Finale und Unausweichliche noch mit einer letzten Kulturhoheit zu verbinden wussten: Mausoleen, Trommelwirbel, Ritual.

          Doch das Sterbelied, das physisches Vergehen und bleibende Bekundung verbindet, birgt weitere Geheimnisse. Herzog Anton Ulrich, der ein bedeutender Romancier war, Opern schrieb, sein Herrschaftsgebiet in ein Arkadien verwandeln wollte, eine herrliche Gemäldesammlung hinterließ, verrät in seinem Gedicht womöglich ungewollt einige seiner hochdramatischen Lebensmotive. Gott existiert. Auf Genaueres zum Weltenherrscher lässt sich der Dichter nicht ein. Der Briefpartner von Gottfried Wilhelm Leibniz glaubt nicht mehr innerhalb einer kirchlichen Dogmatik. Und Anton Ulrich will sich „Rast verschaffen“. Rast bedeutet nur bedingt den ewigen Schlaf. Der Klagende und ingeniöse Kunstförderer, der oft bis zum finanziellen Ruin und nervlichen Zusammenbruch sich der Verschönerung der Welt widmete, lässt sich ein Hintertürchen offen: Ist der Tod eine Erholungspause? Letzteres wäre dem plänevollen Greis wahrscheinlich lieb gewesen. Zumal er an anderer Stelle schrieb, das Jenseits möge seinem ehedem sensationellen Lustschloss Salzdahlum gleichen: so „werde ich, will’s Gott, ein viel beßres Salzthal bewohnen.“

          Sodann offenbart sich der Romancier und Dichter im Herzog durch den Wunsch, Gott solle seine Seele in sein „Lebensbuch“ eintragen. Zahllose Zeitgenossen verewigte Herzog Anton Ulrich selbst in seinen Lebensbüchern, europäischen Schlüsselromanen von mehreren tausend Seiten. Gott verfährt nicht anders, er ist der Romancier der Welt. Das erschöpfte Ich des Sterbelieds zeigt sich bereit für zweierlei, für die völlige Auflösung oder für die Erquickung hin zu neuen Wundern des Diesseits und des Jenseits. Ein Anton Ulrich starb nicht ohne Sehnsucht nach dem Schönen, dem Vollendeten.

          Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel: „Sterbelied“

          Es ist genug! Mein matter Sinn

          Sehnt sich dahin, wo meine Väter schlaffen.

          Ich hab es endlich guten Fug,

          Es ist genug! Ich muß mir Rast verschaffen.

           

          Ich bin ermüdt’, ich hab geführt

          Die Tages Bürd’: Es muß einst Abend werden.

          Erlös mich, Herr, spann aus den Pflug,

          Es ist genug! Nimm von mir die Beschwerden.

           

          Die große Last hat mich gedrückt,

          Ja schier erstickt, so viele lange Jahre.

          Ach laß’ mich finden, was ich such.

          Es ist genug! Mit solcher Kreuzesware.

           

          Nun gute Nacht, ihr meine Freund’,

          Ihr meine Feind’, ihr Guten und ihr Bösen!

          Euch folg die Treu’, euch folg der Trug’.

          Es ist genug! Mein Gott will mich auflösen.

           

          So nimm nun, Herr! hin meine Seel’,

          Die ich befehl in deine Händ’ und Pflege.

          Schreib sie ein in dein Lebensbuch.

          Es ist genug! Daß ich mich schlafen lege.

           

          Nicht besser soll es mir ergehn,

          Als wie geschehn den Vätern, die erworben

          Durch ihren Tod des Lebens Ruch,

          Es ist genug! Es sei also gestorben!

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