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Veröffentlicht: 10.01.2013, 16:56 Uhr

Gedicht und Interpretation „Das Mädchen hinter der Theke“ von Jan Volker Röhnert

Kann man die Schönheit an einem heißen Spätmittag in einer Genueser Cappuccinobar finden? Jan Volker Röhnert versucht es in sieben Strophen.

von Michael Braun

Was hat die Schönheit im Gedicht zu suchen, in einer Zeit der nicht mehr Schönen Künste? Der 1975 verstorbene Rolf Dieter Brinkmann hat sie in „einen jener klassischen schwarzen Tangos“ verwandelt, dessen Klang an einem heißen Augustabend aus einer Kölner Kneipe dringt. Ein flüchtiger Augenblick, elegant in Versen festgehalten, die ihren Anspruch auf Dauer nicht verleugnen. Einer seiner gelehrigsten Leser, der 1976 in Gera geborene Jan Volker Röhnert, vertraut die Schönheit einem „Mädchen hinter der Theke“ (Gedichttext im Kasten unten) einer Genueser Cappuccinobar an, nicht ohne eine gewisse Wehmut.

Momentane Phantasien und Tagträume sind die Auslöser von Röhnerts Gedichten, die in den Bänden „Burgruinenblues“ (2003) und „Metropolen“ (2007) vorliegen. Die Gedichte sind in einem „narrativen Sagestil“ gehalten, in dem es um eine „neue Welterklärung mit Alltagsmaterial“ geht (Wulf Kirsten). Sie sind intensiv, elastisch – und stark beteiligt an den Orten, an denen sie entstehen. New York, Sofia, Jena sind solche Metropolen, in denen das Gedicht seine ästhetischen Fühler ausstreckt. Und Genua, in dem die ersten Texte des Bandes „Metropolen“ entstanden.

Es ist eine bekannte oder zumindest gut vorstellbare Situation: Jemand betritt nach einer reichlichen Mahlzeit an einem heißen Spätmittag eine italienische Bar und bestellt einen Cappuccino. Viele Worte werden offenbar nicht gewechselt. Ciao, arrivederci, ein Willkommen und Abschied auf Italienisch eben. Wichtiger als die Musik bei Brinkmann sind die visuellen Eindrücke. In Röhnerts impressionistischer Bilderfolge geht der Blick des Mädchens eindeutig nach „draußen“, dorthin, wo die Motorroller knattern und die Männer mit „geöffnete(n) Hemdkragen“ vorübergehen. Der Windzug der Sehnsucht streicht durch die Bar, und jetzt erst fliegen den Blicken des Mädchens auch die Gedanken nach. Sie gelten dem, der sie entführen könnte, hin zum Meer, das so nah ist und doch so weit entfernt. Denn sie kann ja nicht fort, die junge Frau hinter der Theke, und sie weiß das wohl auch, sonst würde sie nicht lächeln.

Den Worten Augen geben

Es geht um das Warten auf den einen, der nicht „einer“ (wie in der zweiten Strophe) ist und auch nicht „du“ (wie in der dritten), sondern ein anderer; sanfter Räuber und Retter in einer Person. Ein Reisender aus einer anderen Welt, ein Hermes in der Hafenstadt, kein „Hyperion in der Vorstadt“, wie Michael Zeller in dieser Anthologie über Brinkmanns Gedicht schrieb. Das Mädchen erträumt sich jemanden, der Orangensaft und keinen Kaffee bestellen und, „endlich“, die melodramatischen Schlussverse sagen würde: „komm Baby, das // Meer ist fünf Minuten weit.“ Was für ein schräger Gedanke.

Sieben dreizeilige Strophen und ein isolierter Schlussvers: Das ist das Muster der Terzinen, einer aus Italien stammenden Gedichtform, deren sich Jan Volker Röhnert in einer kunstvollen Strophenfolge ohne jeden Zwang zu Reim oder Versmaß bedient. Terzinen, das wissen wir von Hofmannsthal, sind Vergänglichkeitsverse und zugleich verkappte Sehnsuchtsstrophen, darauf gerichtet, Mensch, Welt und Traum in eins zu bringen. Es geht um die Sehnsucht, „den Augenblick zu treffen, / Der uns nie verläßt“, wie es in einem anderen Gedicht Röhnerts heißt. Doch steckt nicht ein Vorschein des Glücks auch schon in der Erwartung jenes glücklichen Moments, der stets „woanders“ ist?

Kein Zweifel, der Lyriker Jan Volker Röhnert, der auch Germanistikprofessor ist und soeben einen umfangreichen Kommentar zu Brinkmanns Gedichten vorgelegt hat, gibt den Worten Augen. Und macht dadurch die Sprache sehend. Lyrische Schönheit ist keine Dekoration, sondern Liebe zum sprachlich ergriffenen Augenblick, irdisches Vergnügen in Genua und im Gedicht.

Das Mädchen hinter der Theke

möchte jetzt ganz woanders sein.
An einem späten italienischen Mittag, wie
diesem, wie man ihn kennt, mit viel
 

Pasta Pane & Parlare, kommt
höchstens einer, bestellt Un
Cappuccino und sie dreht sich und
 

sie dreht die Kaffeemaschine und
serviert dir die Tasse: dampfender
Schaumberg, den du erst einmal
 

mit dem Löffel abbaun mußt.
Ciao, Arrivederci, Reflexe, Kassen
Bons, wechseln die Worte
 

wie draußen das Knattern der Motorinos
mit dem Rot der Ampeln wechselt und
vorübergeht. Männer gehn vorüber,
 

geöffneter Hemdkragen, durch die
geöffnete Tür fliegen ihre Blicke
den Typen nach, an diesem heißen Tag:
 

Keiner (und sie lächelt schon) der
Orangensaft jetzt haben will, keiner
der endlich sagt: komm Baby, das
 

Meer ist fünf Minuten weit.

Jan Volker Röhnert: „Metropolen“. Gedichte. Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2007. 107 S., geb., 14,90 €.

Quelle: F.A.Z.

 

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