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Gedicht, Interpretation, Lesung : „Was hat, Achill“ von Georg Britting

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Für das Stelldichein von Amazone und Achill findet Georg Britting viele pathetische Worte - bis zum leibhaftigen Auftritt des antiken Helden. Der bereitet dem Ernst ein jähes Ende.

          Georg Britting (1891 bis 1964) nannte dies sein „Penthesilea-Gedicht“. Im Jahr 1949 schrieb er in einem Brief: „‚Penthesilea‘: eine Sprachkraft, unerhört! (...) Als ichs zum ersten Mal las, war ich wie betäubt, und es schien mir der Gipfel jeglicher Dichtung überhaupt.“

          Kleists blutrünstiges Drama, eine Attacke auf das marmorglatte Griechenideal der Klassik, läuft darauf hinaus, dass die fürchterlich liebende Amazone im Affekt den geliebten Achill tötet und dann mit ihren Hunden zerfleischt und auffrisst: die legendäre Verwechslung von „Küssen“ und „Bissen“. Das Gedicht verwandelt das katastrophische Geschehen in ein Stillleben des Geschlechterkampfs. Britting zielt auf den atemlosen Moment, in dem sich die Blicke vor dem Kampf begegnen: „Er sieht die Reiterin/Und sie sieht ihn.“ (Gedichttext im Kasten unten) Überhaupt sind die wechselseitigen Blicke das Medium der lyrischen Wahrnehmung, die wie in knappen Ausrufen protokolliert wird: „Die nackte Brust der Reiterin./Ihr glühend Aug./Die Tigerhunde.“

          Frankfurter Anthologie : Was hat, Achill

          Es ist ein Gedicht ohne lyrisches Ich. Nicht nach innen richtet sich der Blick, sondern auf ein wuchtiges mythisches Geschehen in einer stilisierten, bühnenhaften Landschaftskulisse. Jeder Vers ist schlackenlos präzise und bildkräftig; von Strophe zu Strophe wechselt die Einstellung wie mit einem Kameraschnitt.

          Und wie bei Kleist durchdringen sich Bilder des Kampfes und der Sexualität („der Köcher an der bleichen Mädchenhüfte“). Jagd- und Todesmotivik ist zentral im Werk Brittings, gerade auch wenn es um Liebe geht. Der Geschlechterkampf wird inszeniert als Naturgewalt, eingebettet in monumentale Naturbilder: „So stehn sich zwei Gewitter still/Am Morgen- und am Abendhimmel gegenüber.“

          Achill als Karikatur eines Bodybuilders

          Es herrscht gespanntes antikisierendes Pathos, bis der „Mann der Männer“ in Erscheinung tritt. „Tonnenbrust“, „auf starkem Hals das apfelkleine Haupt“ - das ist ein unerwarteter Moment literarischer Hochkomik. Der Bruch im Tonfall ist erklärungsbedürftig, denn bei Kleist erscheint Achill nicht so lächerlich kleinköpfig, im Gegenteil, sein durch den Helm vergrößerter Schädel ist das Erste, was sich drohend ins Licht hebt: „Seht! Steigt dort über jenes Berges Rücken,/Ein Haupt nicht, ein bewaffnetes, empor?/Ein Helm von Federbüschen überschattet?“

          Die Interpreten, sofern sie sich Britting überhaupt zuwenden, verweisen auf dessen bayerische Lebenswelt, von süddeutschen Apfelgärten ist die Rede und, was Achill betrifft, von einem „echt bajuwarischen Mannsbild“. Mit Verlaub, apfelkleine Köpfe hat man bisher nicht mit den Bayern assoziiert, eher eine gewisse Quadratschädeligkeit. Achills Disproportionen sind nicht regional bedingt. Apfelklein wirkt sein Haupt im Kontrast zur Tonnenbrust, der Kopf wächst eben nicht mit, wenn Hals und Oberkörper muskulös in die Breite gehen.

          Achill erscheint wie die Karikatur eines Bodybuilders. Der wohlbeleibte, nicht dem Kraftsport, sondern dem Wein ergebene Dichter Britting, Verfasser eines Romans mit dem Titel „Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß“, ironisiert für einen Moment die Heldenpose und das Kraftgetue. Das scheint bemerkenswert, wenn man das Jahr des Erstdrucks bedenkt: 1940. Genau der richtige Moment für eine kleine subversive Pointe gegen das herrschende Männlichkeits- und Kriegerideal.

          Reizvolle formale Brüche

          Zugleich geht es aber auch um den tiefen Fatalismus, mit dem ein aussichtsloser Kampf aufgenommen wird. Achill ist Beute, nach Kleists Vorlage zum Tod verurteilt, und das Gedicht unternimmt mittendrin einen Sprung ins Futur: Der Falke „wird niederstoßen“ und seinen Schnabel im Blut tränken. Die dritte Strophe präfiguriert im Bild des Falken den Blutrausch der Penthesilea, und der Beginn der letzte Strophe unterstreicht die symbolische Repräsentation: „Der Falke schwankt betrunken auf der Beute.“

          Dieser Vers lässt sich aber auch „realistisch“ lesen, als würde Achill den Vogel beobachten und dadurch sein Zaudern vor der finalen Begegnung mit der Amazone noch verstärkt. „Was hat, Achill,/Dein Herz?“ Der Mann mit dem apfelkleinen Haupt begreift es nicht. Kleist-Leser aber wissen, welche todbringende Schwäche das Helden-Herz ergriffen hat: die Liebe.

          Brittings Weg führte vom Expressionismus zur Klassizität; beides schlägt sich in diesem Gedicht nieder, zu dessen Reiz gerade die formalen Brüche gehören: Die erste Strophe hat den jambischen Hymnenton, stoßweise kommen die Verse daher; die folgende Strophe gleitet im fließenden Trochäen-Maß, wie der Falke am Himmel. Sein lauerndes Kreisen wird durch die Wortwiederholungen („blau“, „groß“) sprachlich nachgebildet. Antike Verse sind reimlos. Hier aber setzt sich in den letzten beiden Strophen der Reim durch, was ihnen größere Schlüssigkeit und Pointierung verleiht, ebenso wie die effektvollen Vokallinien: In der vorletzten Strophe dominiert das „i“, in der letzten das „a“.

          Ein lyrisches Wunderwerk, das ist auf Anhieb deutlich, und es wird deutlicher, je länger man sich damit beschäftigt. Warum ist dieser Dichter, warum ist Georg Britting vergessen?

          Was hat, Achill

          Unbehelmt,

          Voran der Hundemeute,

          Über das kahle Vorgebirge her

          Auf ihrem Rappen eine,

          Den Köcher an der bleichen Mädchenhüfte.

           

          Ein Falke kreist im blauen, großen,

          Unermesslich blauen,

          Großen Himmel.

           

          Er wird niederstoßen,

          Die harten Krallen und den krummen Schnabel

          Im Blut zu tränken, dem purpurnen Saft,

          An dem das Falkenvolk sich wild berauscht.

           

          Die nackte Brust der Reiterin.

          Ihr glühend Aug.

          Die Tigerhunde.

          Der Rappe, goldgezügelt.

          Sie hält ihn an.

           

          Mit allem Licht

          Tritt aus den Wäldern vor

          Der Mann der Männer.

          Die Tonnenbrust.

          Auf starkem Hals das apfelkleine Haupt.

           

          Er sieht die Reiterin.

          Und sie sieht ihn.

          So stehn sich zwei Gewitter still

          Am Morgen- und am Abendhimmel gegenüber.

           

          Der Falke schwankt betrunken auf der Beute.

          Was hat, Achill,

          Dein Herz?

          Was auch sein Schlag bedeute:

          Heb auf den Schild aus Erz!

          Georg Britting: „Sämtliche Werke.“ Hrsg. von Ingeborg Schuldt-Britting. Bd 5. „Unter hohen Bäumen.“ Georg-Britting-Stiftung, Höhenmoos 2012.. 81 S., br., 11,80 €.

          Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

          Quelle: F.A.Z.

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