Home
http://www.faz.net/-gr0-78o4n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.04.2013, 14:56 Uhr

Gedicht, Interpretation, Lesung „Trennung“ von Erich Fried

Die Trennung behält in diesem Gedicht Erich Frieds ihren Schrecken. Dieser wird sogar ins Uferlose gesteigert. Wer allerdings in diesen Versen Trost sucht, findet ihn am Ende auch.

Es gibt wohl kein literarisches Motiv, das berührender und beliebter ist als das der Trennung. Und es gibt vielleicht kein Gedicht, das trostloser damit umgeht als das von Erich Fried. Abschieds- oder Trennungsgedichte sind in der Regel traurig, doch die meisten und bekanntesten mildern die Traurigkeit durch Signale der Hoffnung oder andere Mittel des Trostes. Goethes „Willkommen und Abschied“ endet mit den Versen: „Ich ging, du standst und sahst zur Erden, / Und sahst mir nach mit nassem Blick: / Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! /Und lieben, Götter, welch ein Glück!“ Hermann Hesses berühmtestes Gedicht „Stufen“ erklärt jede Trennung zur verheißungsvollen Voraussetzung einer neuen, reiferen Lebensphase: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Nichts davon in dem Gedicht von Erich Fried (Gedichttext im Kasten unten). Das einzige positive Wort steht im ersten Vers: „leicht“. Doch auch das wird gleich durch den nächsten Vers widerrufen. Wenn der zweite Tag der Trennung „schwerer“ war, heißt dies, dass der erste auch schon schwer war, also nur vergleichsweise leicht. Die Trennung wird von Tag zu Tag unerträglicher. Der nüchterne, vollkommen illusionslose Text vermeidet alle Wörter, die Abschiedsgedichte so gern verwenden und die beim Lesen auch dann eine gewisse Lust hervorrufen, wenn sie mit negativen Gefühlen verbunden sind. Von Schmerz, gebrochenem Herz, von Tränen oder Traurigkeit ist hier keine Rede.

© F.A.Z., Klaus Morgenstern Erich Frieds „Trennung“, gelesen von Thomas Huber

Obwohl „Trennung“ in Frieds 1979 erschienener Sammlung seiner „Liebesgedichte“ steht, kommt auch das Wort „Liebe“ nicht vor. Die symbolträchtige Sieben, oft mit Glück und Vollendung oder in Erinnerung an den siebten Tag der Schöpfungsgeschichte mit erholsamer Ruhe assoziiert, ist hier nur der vorläufige Höhepunkt der Unerträglichkeit.

Eine überraschende Variation der in dem Gedicht bis dahin bewusst einfach und eintönig beschriebenen Steigerung der Trostlosigkeit, bringt die letzte Strophe. Hier klingt plötzlich doch ein sentimentales Motiv an, das für literarische Darstellungen von Trennungsszenarien typisch ist: die Sehnsucht nach dem, was man geliebt und verloren hat. Erich Fried geht mit dem vertrauten Motiv jedoch ganz anders um. Die Sehnsucht richtet sich nicht auf die geliebte Person, sondern auf einen Zustand, der schlimm, aber noch nicht ganz so schlimm war wie der jetzige.

Das Gedicht als Liebesbeweis

In den ersten beiden Strophen werden die Zeilen immer länger, in der letzten kürzer. Als würde das Ich in seiner sich steigernden Qual bald verstummen. Von heilsamer „Trauerarbeit“, die sich im Sinne Sigmund Freuds von der Fixierung auf das Verlorene zu befreien vermag, keine Spur!

Mehr zum Thema

Doch Liebesgedichte sind nicht nur Monologe, in denen jemand allein mit und über sich selbst spricht. Sie sind, wer immer sie schreibt, vorliest oder verschenkt, auch an andere gerichtet. Wer in diesem Gedicht von wem und unter welchen Umständen getrennt worden ist, bleibt offen. Die geliebte Person kann tot sein oder noch leben und das Ich verlassen haben. Oder die liebende Person hat selbst den Entschluss gefasst, sich von der geliebten zu trennen. In jedem Fall ist das Gedicht ein Liebesbeweis, der mehr Sympathie hervorruft als ein leichter Umgang mit der Trennung.

Zugleich ist es auch ein Beweis literarischen Könnens. Obwohl sich das Gedicht harmonisierenden Versmaßen und Reimen verweigert, schafft es eine ungemein kunstvolle Ordnung von Wiederholungen, Variationen und Steigerungen, mit der der Autor, wenn er denn selbst von der Trennung betroffen ist, zumindest noch an seine Fähigkeit glauben kann, zu sagen, wie er leidet. Auf Mitgefühl bei seinen Leserinnen und Lesern kann er dabei hoffen. Wenn diese ebenso unter Trennungen leiden, hat es für sie etwas Tröstliches, nicht allein mit ihren Schmerzen zu sein. Ein vollkommen trostloses Gedicht gibt es nicht.

Trennung

Der erste Tag war leicht

der zweite Tag war schwerer

Der dritte Tag war schwerer als der zweite

 

Von Tag zu Tag schwerer:

Der siebente Tag war so schwer

daß es schien er sei nicht zu ertragen

 

Nach diesem siebenten Tag

sehn ich mich

schon zurück

Erich Fried: „Liebesgedichte“. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1995. 112S., geb.,15,90 €.

Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kolumne Bild der Woche Die Kräfte des Wiedersehens

Eine junge Frau. Ein Schwan. Eine Metamorphose: Die eine geht in dem anderen auf, Materie löst sich auf. Francesca Woodman hat dieses Bild gemacht, als sie 18, 19 Jahre alt war. Mit 22 hat sie sich das Leben genommen. Mehr Von Katja Petrowskaja

06.02.2016, 10:27 Uhr | Feuilleton
Auktion in New York City Bob Dylans Gitarre könnte bald Ihnen gehören

In New York plant das Auktionshaus Guernsey’s rund 300 Gitarren zu versteigern, die von prominenten Vorbesitzern stammen oder einen historischen Hintergrund haben. Mit dabei sind Gitarren von Legenden wie Bob Dylan oder Eddie Van Halen. Mehr

28.01.2016, 15:54 Uhr | Gesellschaft
Nationalhymnen The English are the best?

Schotten, Waliser und Nordiren singen ihre eigenen Hymnen bei Sportveranstaltungen. Jetzt wollen die Engländer nachziehen, aber mit welchem Stück? Mehr Von Gina Thomas

02.02.2016, 20:46 Uhr | Feuilleton
Star Wars Luke Skywalkers Blaster wird versteigert

Ein bisschen Star-Wars-Feeling für Zuhause gefällig? Wenn Sie das nötige Kleingeld haben, ist das vielleicht bald möglich: Der DL-44 Blaster, den Skywalker-Darsteller Mark Hamill in Das Imperium schlägt zurück benutzt, wird versteigert. Der Startpreis der Auktion ist allerdings nicht unbedingt für Jedermanns Portokasse. Mehr

22.01.2016, 11:17 Uhr | Gesellschaft
Verschwundenes Mädchen Ausreißerin war selbst Unbekannte im Keller

Aylin aus Essen war zum Glück nur abgehauen. Nach vier Tagen tauchte sie wieder auf. Der Polizei erzählte sie jetzt Einzelheiten ihres Verschwindens. Und wer die vermummte Frau im Keller ihres Elternhauses war. Mehr

28.01.2016, 15:14 Uhr | Gesellschaft
Glosse

Authentizität ist kein Argument

Von Ursula Scheer

Auch wenn sich die „Tagesschau“ – anders als die BBC – zurückhaltend aus einem Smartphone-Video aus dem Unglückszug von Bad Aibling bedient hat: Ihre Zuschauer kritisieren die Bilder als unnötig. Ein gutes Zeichen. Mehr 2 26

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“