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Gedicht, Interpretation, Lesung „Trennung“ von Erich Fried

Die Trennung behält in diesem Gedicht Erich Frieds ihren Schrecken. Dieser wird sogar ins Uferlose gesteigert. Wer allerdings in diesen Versen Trost sucht, findet ihn am Ende auch.

Es gibt wohl kein literarisches Motiv, das berührender und beliebter ist als das der Trennung. Und es gibt vielleicht kein Gedicht, das trostloser damit umgeht als das von Erich Fried. Abschieds- oder Trennungsgedichte sind in der Regel traurig, doch die meisten und bekanntesten mildern die Traurigkeit durch Signale der Hoffnung oder andere Mittel des Trostes. Goethes „Willkommen und Abschied“ endet mit den Versen: „Ich ging, du standst und sahst zur Erden, / Und sahst mir nach mit nassem Blick: / Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! /Und lieben, Götter, welch ein Glück!“ Hermann Hesses berühmtestes Gedicht „Stufen“ erklärt jede Trennung zur verheißungsvollen Voraussetzung einer neuen, reiferen Lebensphase: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Nichts davon in dem Gedicht von Erich Fried (Gedichttext im Kasten unten). Das einzige positive Wort steht im ersten Vers: „leicht“. Doch auch das wird gleich durch den nächsten Vers widerrufen. Wenn der zweite Tag der Trennung „schwerer“ war, heißt dies, dass der erste auch schon schwer war, also nur vergleichsweise leicht. Die Trennung wird von Tag zu Tag unerträglicher. Der nüchterne, vollkommen illusionslose Text vermeidet alle Wörter, die Abschiedsgedichte so gern verwenden und die beim Lesen auch dann eine gewisse Lust hervorrufen, wenn sie mit negativen Gefühlen verbunden sind. Von Schmerz, gebrochenem Herz, von Tränen oder Traurigkeit ist hier keine Rede.

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© F.A.Z., Klaus Morgenstern Vergrößern Erich Frieds „Trennung“, gelesen von Thomas Huber

Obwohl „Trennung“ in Frieds 1979 erschienener Sammlung seiner „Liebesgedichte“ steht, kommt auch das Wort „Liebe“ nicht vor. Die symbolträchtige Sieben, oft mit Glück und Vollendung oder in Erinnerung an den siebten Tag der Schöpfungsgeschichte mit erholsamer Ruhe assoziiert, ist hier nur der vorläufige Höhepunkt der Unerträglichkeit.

Eine überraschende Variation der in dem Gedicht bis dahin bewusst einfach und eintönig beschriebenen Steigerung der Trostlosigkeit, bringt die letzte Strophe. Hier klingt plötzlich doch ein sentimentales Motiv an, das für literarische Darstellungen von Trennungsszenarien typisch ist: die Sehnsucht nach dem, was man geliebt und verloren hat. Erich Fried geht mit dem vertrauten Motiv jedoch ganz anders um. Die Sehnsucht richtet sich nicht auf die geliebte Person, sondern auf einen Zustand, der schlimm, aber noch nicht ganz so schlimm war wie der jetzige.

Das Gedicht als Liebesbeweis

In den ersten beiden Strophen werden die Zeilen immer länger, in der letzten kürzer. Als würde das Ich in seiner sich steigernden Qual bald verstummen. Von heilsamer „Trauerarbeit“, die sich im Sinne Sigmund Freuds von der Fixierung auf das Verlorene zu befreien vermag, keine Spur!

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Doch Liebesgedichte sind nicht nur Monologe, in denen jemand allein mit und über sich selbst spricht. Sie sind, wer immer sie schreibt, vorliest oder verschenkt, auch an andere gerichtet. Wer in diesem Gedicht von wem und unter welchen Umständen getrennt worden ist, bleibt offen. Die geliebte Person kann tot sein oder noch leben und das Ich verlassen haben. Oder die liebende Person hat selbst den Entschluss gefasst, sich von der geliebten zu trennen. In jedem Fall ist das Gedicht ein Liebesbeweis, der mehr Sympathie hervorruft als ein leichter Umgang mit der Trennung.

Zugleich ist es auch ein Beweis literarischen Könnens. Obwohl sich das Gedicht harmonisierenden Versmaßen und Reimen verweigert, schafft es eine ungemein kunstvolle Ordnung von Wiederholungen, Variationen und Steigerungen, mit der der Autor, wenn er denn selbst von der Trennung betroffen ist, zumindest noch an seine Fähigkeit glauben kann, zu sagen, wie er leidet. Auf Mitgefühl bei seinen Leserinnen und Lesern kann er dabei hoffen. Wenn diese ebenso unter Trennungen leiden, hat es für sie etwas Tröstliches, nicht allein mit ihren Schmerzen zu sein. Ein vollkommen trostloses Gedicht gibt es nicht.

Trennung

Der erste Tag war leicht

der zweite Tag war schwerer

Der dritte Tag war schwerer als der zweite

 

Von Tag zu Tag schwerer:

Der siebente Tag war so schwer

daß es schien er sei nicht zu ertragen

 

Nach diesem siebenten Tag

sehn ich mich

schon zurück

Erich Fried: „Liebesgedichte“. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1995. 112S., geb.,15,90 €.

Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 26.04.2013, 14:56 Uhr