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Veröffentlicht: 31.01.2013, 13:33 Uhr

Gedicht, Interpretation, Lesung „Todes-Erfahrung“ von Rainer Maria Rilke

Dieses Gedicht von Rainer Maria Rilke steht namenlos auf dem Grabstein der Baronin von Uexküll. Besucht man ihn auf der Insel Capri, versteht man plötzlich den Sinn der Verse.

von Oliver Vogel

Wer bekennt, er fahre nach Capri, dem summt jeder von einer roten Sonne vor, die im Meer versinkt. Ruhe findet man dann auf der Insel tatsächlich nur mit Mühe; ganz sicher nicht in der Nähe des Hafens Marina Grande, wo die Fähren aus Neapel ankommen. In Sichtweite über der Mole liegt der Cimitero Acattolico, der Friedhof der Fremden.

Hier ruht Gudrun Baronin Uexküll seit dem Ende der sechziger Jahre unter einem Grabstein, auf dem man ohne Titel und Autorangabe Rilkes Gedicht „Todes-Erfahrung“ (Gedichttext im Kasten unten) lesen kann. Sollte die Baronin von ihrem Grab aus etwas sehen können, so hätte sie einen Ausblick auf das unwirkliche Blau des Golfs von Neapel, im Hintergrund bewacht vom Kegel des Vesuvs. Es ist ein schöner, aber lärmumbrauster Ort, an dem man sofort die Sehnsucht nach der Stille und Wirklichkeit eines anderen Lebens versteht, von dem das Gedicht handelt. Rilke hat es 1907 im Gedenken an die Mutter der Baronin geschrieben, die ein Jahr zuvor gestorben war. Er war 31 Jahre alt, sein Vater war seit einem halben Jahr tot, er seit sieben Monaten von Rodin getrennt, der ihm ein Lehrer war und bei dem er einige Zeit gearbeitet hatte.

© F.A.Z., Helmut Fricke Frankfurter Anthologie zum Hören: Rainer Maria Rilkes „Todeserfahrung“

Für ein paar Wochen lebte Rilke bei Freunden auf Capri. Die Baronin, die „Todes-Erfahrung“ auf ihren Grabstein gravieren ließ, wollte offenbar den Lebenden eine Botschaft hinterlassen. Denn es geht in diesem Gedicht zuallererst nicht um den Tod. Es geht um das Leben. Rilkes Gedicht spricht uns an und will gefallen. Es versöhnt uns mit der Verunsicherung, die der Tod eines anderen bedeutet, und sichert sich mit strenger Form im Diesseits ab. Durch die Interpunktion verschließt sich die dritte, zentrale Strophe. Sie handelt von einer Wirklichkeit, die für ein Mal mitten im Leben sichtbar wird. Aber wie ist zu erklären, dass „Todes-Erfahrung“ die Bühnenhaftigkeit der Wirklichkeit als eitle Schwäche kritisiert und im gleichen Atemzug Schönheit und formales Spiel so deutlich ausstellt? Wie kann es sein, dass es auch nach dem Einbruch der Wirklichkeit des Todes heißt: „Wir spielen weiter“? Entscheidend ist ein feiner Unterschied: Zu Beginn spielen wir Rollen, am Ende des Gedichts aber das Leben. Das Spiel bleibt.

Hingerissen das Leben spielen

Für Friedrich Schiller dient „die Freude am Schein, die Neigung zum Spiele“ als Brücke zwischen Denken und Fühlen. Wilhelm Dilthey geht noch weiter: Die Außenwelt liegt zwar als Erscheinung vor, doch erst im Erlebnis wird sie für das Bewusstsein zur Wirklichkeit, als von der Erfahrung untrennbare Realität. Ein solches Erlebnis ist der Tod: Wenn jemand stirbt, wenn er also verschwindet, so liegt der Gedanke nahe, dass nicht nur dieser eine Mensch, sondern überhaupt nichts wirklich existiert. Und indem wir uns das vorstellen, „tritt mit unwiderstehlicher Kraft die Realität vor uns hin“. Das ist der Gedanke dieses Gedichts: Die Todes-Erfahrung ist ein Erlebnis, das die Außenwelt mit dem Bewusstsein verbindet und das Denken mit dem Fühlen. So zitiert das Grün im Gedicht nicht nur die unterschiedlichen Schattierungen des Golfs von Neapel - von „dunkelflaschengrün“ bis „lichtgrün“, wie Rilke sie in den Aufzeichnungen aus Capri beschreibt. Es ruft auch Mephistopheles‘ erkenntnistheoretischen Gedanken auf, „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,/Und grün des Lebens goldner Baum“, der den Unterschied zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Schule und Leben erklärt, den Unterschied zwischen Grün und dem „Grün wirklicher Grüne“.

Den Tod erfahren bedeutet, das Leben in seinen Zusammenhängen verstehen. „Wie ist es möglich zu leben“, fragt Rilke in einem Brief „wenn doch die Elemente dieses Lebens uns völlig unfaßlich sind? Wenn wir immerfort im Lieben unzulänglich, im Entschließen unsicher und dem Tode gegenüber unfähig sind, wie ist es möglich, da zu sein?“ Wie können wir den Aufgaben, die wir im Leben haben, „so neulinghaft ratlos, so zwischen Schrecken und Ausrede, so armselig gegenüberstehen. Ist das nicht unbegreiflich?“ Es bleibt so unbegreiflich wie die unwirkliche Schönheit Capris, die Rilke in dieser Zeit der Abschiede zunächst kaum ertrug. Erst später sprach er davon, dass er sich „damals irgendwie Kräfte für Jahre geholt“ habe. Offenbar lernt man, wenn die rote Sonne im grünen Meer versinkt, hingerissen das Leben zu spielen.

Todes-Erfahrung

Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Haß
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund

tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.

Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt
durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.

Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebärden dann und wann
aufhebend; aber dein von uns entferntes,
aus unserm Stück entrücktes Dasein kann

uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so daß wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

Rainer Maria Rilke: „Die Gedichte in einem Band“. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2009. 1136 S., geb., 18,80 Euro.

Caroline Peters, 1971 in Mainz geboren, gehört zum Ensemble des Wiener Burgtheaters und zog als Hauptdarstellerin des ARD-Provinzkrimis „Mord mit Aussicht“ zuletzt über fünf Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. Für ihre Darstellung in dem Fernsehfilm „Arnies Welt“ erhielt sie den Grimme-Preis, 2012 wurde ihr der Wildgruber-Preis verliehen.

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Quelle: F.A.Z.

 

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