http://www.faz.net/-gr0-7bqiq

Gedicht, Interpretation, Lesung : „Thrakien“ von Peter Huchel

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Als DDR-Bürger wusste der Lyriker Peter Huchel, was Reisefreiheit bedeutet. Sein Gedicht „Thrakien“ gleicht dem befreienden Ausflug in eine surreale Landschaft.

          Italien und Griechenland sind bevorzugte Sehnsuchtsländer der deutschen Literatur. Texte über Bulgarien oder die historische Landschaft Thrakien besitzen dagegen Seltenheitswert - und das, obwohl das Land als Heimat der wichtigsten dichterischen Identifikationsfigur, des mythischen Sängers Orpheus, gilt. Auch dass Peter Huchel 1963 ein Gedicht unter dem Titel „Thrakien“ veröffentlicht, ist zunächst auf äußerliche Gründe zurückzuführen.

          Für den Spätsommer 1961 hatte er eine Italienreise geplant. Durch den Bau der Berliner Mauer am 13. August wurde dieses Vorhaben für den DDR-Bürger undurchführbar, stattdessen reiste er nach Bulgarien. Doch was bewegte Huchel über diesen Anlass hinaus, ein Gedicht über Thrakien zu schreiben? Handelt es sich auf versteckte Weise um einen Text über Orpheus?

          Frankfurter Anthologie : Thrakien

          Darauf scheint es zunächst keine Hinweise zu geben. Bei der Lektüre drängen sich vielmehr ganz andere Fragen auf: Um was für eine Art von Landschaft handelt es sich hier, und auf welche Weise ist sie geschildert? Zwar ruft das Gedicht (Gedichttext im Kasten unten) eindringliche Bilder hervor, doch bleibt die Topographie unbestimmt. Erst in den letzten beiden Strophen ist von nebelverhangenen Bergen, einem schneebedeckten Pass, einer Schlucht und einem Fluss die Rede.

          Im Vordergrund stehen Lichtphänomene und optische Effekte wie die züngelnde Flamme, das wirbelnde weiße Laub, Feuer und Schatten. Dem scharfen südländischen Licht wird durch die Metapher der zerschellenden Sichel im fünften Vers ein aggressiv-zerstörerischer Charakter zugesprochen. Evoziert wird auf diese Weise das Bild einer kargen, apokalyptische Züge tragenden Gebirgsgegend, halb archaische Urlandschaft, halb Hiroshima.

          Symbole in völliger Verfremdung

          Die Szenerie wirkt auf unheimliche Weise wüst und verlassen. In der Landschaft sind keine Lebewesen zu sehen, auf sie verweisen nur Zeichen wie die Hufspuren, während die „Mähne“ als Bild für Schneeverwehungen gerade für die Unzugänglichkeit des Bergpasses steht. Wenn menschliche Utensilien geschildert werden, verstärkt das die Irritation nur noch, so im Fall des Messers, das den Nebel häutet.

          Traditionelle Symbole wie das Herz schließlich sind völlig surreal verfremdet. Die Verse „Das Rascheln des Sandes / Zerklüftet das Herz“ wirken, als sei ein Dalí-Gemälde in poetische Sprache übertragen worden. Die Beschreibung ist völlig paradox, nicht nur aufgrund der Verbindung so weit voneinander entfernter Begriffe wie „Sand“ und „Herz“, sondern auch weil weder Sand rascheln noch ein Geräusch etwas zerklüften kann.

          Am Ende stehen zwei Aufhebungen

          Das einzige Lebewesen, das angeführt wird, der evolutionsgeschichtlich alte Tausendfüßler, bleibt unsichtbar, da der Adressat - immerhin auch eine Spur menschlichen Lebens im Gedicht - aufgefordert wird, den Stein, unter dem jener schläft, nicht aufzuheben. Gerade der verborgen schlafende Tausendfüßler und der im Kontrast zur aggressiven Geräuschkulisse stehende, die Stille speichernde Stein stellen innerhalb der apokalyptischen Darstellung ein Gegengewicht dar, indem sie die Zeit, wie sie in der ersten Strophe als sinnloser Wechsel der Tageszeiten geschildert wird, überdauern.

          An diesen in der zweiten Strophe gesetzten Kontrapunkt knüpfen die zunächst unmotiviert wirkenden letzten vier Verse des Gedichts an. Formal miteinander verbunden sind beide Passagen, indem der entscheidende Begriff jeweils in einem kurzen, nur zwei Silben umfassenden Vers fällt: „die Zeit“ und „das Wort“. Aufgehoben ist nun nicht nur die Zeit, sondern die Grenze zwischen Leben und Tod, die das Wort als „Fähre“ verbindet. Die Schlussverse wecken dabei Assoziationen sowohl zur mythologischen Gestalt Charon, dem Fährmann auf dem Totenfluss Styx, als auch zu Orpheus. Wie dieser durch seinen Gesang die Geliebte Eurydike aus der Unterwelt zu retten versucht, so wird hier das Vermögen des Worts vorgeführt, Leben und Tod miteinander zu verbinden.

          Dass wir auf diese Weise mit dem Reich der Toten verbunden sind, ist vor dem Hintergrund der vorherigen Strophen allerdings nur bedingt tröstlich, denn auch bei der Landschaft diesseits des Flusses handelt es sich ja bereits um ein Reich der „Schatten“. Zur leblos-menschenleeren Grundsituation passt denn auch, dass es eben nicht mehr wie im Orpheus-Mythos das Subjekt des Sängers oder Dichters ist, das die Grenze zwischen Leben und Tod überwindet, sondern allein das Wort. Nur der Rahmen des surrealistischen Gedichts erlaubt es, eigentlich Getrenntes wie Sand und Herz, Messer und Nebel oder Leben und Tod miteinander in Beziehung zu setzen - um den Preis, dass diese Verbindung völlig jenseits der Realität, nur auf der Ebene der Sprache gestiftet wird.

          Dass nicht der Dichter, sondern nur das Wort Grenzen überwindet, gilt schließlich, auf einer ganz anderen, politisch-biographischen Ebene, auch im Hinblick auf die Veröffentlichungsgeschichte des Gedichts. Der Gedichtband „Chausseen Chausseen“, in dem es enthalten ist, erschien 1963 nur in der Bundesrepublik, während dem Dichter Peter Huchel die Ausreise noch acht Jahre lang verwehrt wurde.

          Thrakien

          Eine Flamme züngelt

          Hier nachts am Boden,

          Es wirbelt weißes Laub.

          Und mittags zerschellt

          Die Sichel des Lichts.

          Das Rascheln des Sandes

          Zerklüftet das Herz.

           

          Hebe den Stein nicht auf,

          Den Speicher der Stille.

          Unter ihm

          Verschläft der Tausendfüßler

          Die Zeit.

           

          Über den Paß,

          Gekerbt von Pferdehufen,

          Weht eine Mähne aus Schnee.

          Mit rauchlosen Schatten

          Vieler Feuer

          Füllt sich am Abend die Schlucht.

           

          Ein Messer

          Häutet den Nebel,

          Den Widder der Berge.

          Jenseits des Flusses

          Leben die Toten.

          Das Wort

          Ist die Fähre.

          Peter Huchel: Gesammelte Werke in zwei Bänden. Hrsg. von Axel Vieregg. Bd. 1. „Die Gedichte.“ Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1984 (vergriffen).

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Und sagen das Wahre und Rechte laut

          Wartburgfest : Und sagen das Wahre und Rechte laut

          Vor 200 Jahren kamen auf der Wartburg Hunderte Studenten zu einem Fest zusammen und forderten den modernen Nationalstaat. Einer von ihnen war Wilhelm Olshausen aus Holstein. Eine Entdeckungsreise.

          Topmeldungen

          Der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi will es bei den nationalen Wahlen im Frühjahr 2018 noch einmal wissen.

          Mehr Unabhängigkeit : Populistische Übung für Berlusconi

          Italienische Regionen wollen mehr Unabhängigkeit und Berlusconi möchte bei den nationalen Wahlen wieder mitmischen. Dafür nutzt er die beiden Referenden für mehr regionale Autonomie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.