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Gedicht, Interpretation, Lesung : „Teekanne mit Khakifrüchten“ von Durs Grünbein

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Weder in der Malerei noch in der Sprache ist Lebendigkeit eine Voraussetzung für unser Staunen. Die Stille in Durs Grünbeins Gedicht „Teekanne mit Khakifrüchten“ lässt uns stutzen.

          Zu den Spielregeln des Stilllebens in der Malerei gehört der Ausschluss des Lebendigen, des Wachsens: die Blumen sind abgeschnitten, die Tiere zum überwiegenden Teil tot, und vom Menschen selbst ist allenfalls der Totenschädel oder ein Gebrauchsgegenstand sichtbar, eine Kerze, ein Instrument oder ein Buch, vielfach etwas Essbares. Das Gedicht von Durs Grünbein, aus einem Band, in dem die bildende Kunst eine höchst bedeutende Rolle spielt, setzt sich auf raffinierte Weise mit dieser „natura morta“ auseinander: Die langen Schatten des Winters wie des Schweigens bereiten eine ebenso präzise wie hintergründige Erfahrung des Stilllebens vor, einer „Idee des Stillebens“, die anschaulich als Prozess entfaltet wird (Gedichttext im Kasten unten).

          Dazu entwirft das Gedicht eine dreiteilige Anlage, bei der der Hauptteil mit sechs Versen in der Mitte von zwei eher kommentierenden Seitenflügeln mit jeweils drei Versen umrahmt wird. Als eine Art lyrisches Triptychon rückt somit die Komposition, die allmähliche Verfertigung eines Stilllebens in den Blick; denn es ist weniger die Beschreibung eines vorhandenen Bildes als der schrittweise Vollzug eines Stilllebens, der sich vor dem Leser abspielt. „Alles im Zimmer wird Bild“, also ist es statt eines schöpferischen Künstlers im sechsten Vers, das Licht selbst, das nach und nach den Gegenständen ihre Dauer verleiht. Es ist kein menschlicher Geist, der die Dinge arrangieren würde, sondern der Betrachter verschwindet - durch offene Türen, die ihn geradezu einzuladen scheinen, den Möbeln und dem Inventar selbst das Feld zu überlassen.

          Auf diese Weise entsteht vor dem Auge des Lesers - nicht eines Bildbetrachters - nicht weniger als jenes „Buch der überflüssigen Dinge“, das zugleich deren Berechtigung unterstreicht und unverwischbar fixiert. Denn hier wird nicht dem Stillleben als einem idyllischen Rückzug gehuldigt, eher geht es um jenes dauernde Denkmal von Objektivität und Geistesruhe, das Schopenhauer an den holländischen Stillleben hervorgehoben hat. In einem weitgespannten Blick sind es Khakifrüchte und eine Teekanne, die zwischen der sich verändernden, daher flüchtigen Lichtregie im Zimmer und der Fixierung durch das Wort als Gegenstände aufscheinen, die gleichsam ex negativo den verschwundenen Betrachter als denjenigen ins Bild „setzen“, der diese Objekte gebraucht.

          Und dennoch würde das Gedicht als bloßes Dinggedicht weit unterschätzt: Indem es nicht Beschreibung, sondern Hervorbringung, im Wortsinn des Poietischen, ist, rettet es das Überflüssige, das Unbelebte, das im abschließenden Gedichtteil aus einem kulturgeschichtlichen Horizont gesehen wird. Das Stillleben im Gedicht ist dem Stillschweigen abgerungen, es ist die „Idee des Stilllebens“, die als angehaltener Atem, als mutiger Einspruch berufen wird: Die „Zeit des Nichts los“, wie es hier salopp heißt, wird nicht als belanglos oder leer, sondern als Zeit der Einfachheit gefasst.

          Mit poetischer Bildkraft wird hier die europäische natura morta mit einem fernöstlichen Essentialismus vereinigt: Im „Lob des Taifuns“ hat Durs Grünbein im Haiku das Muster des Minimalistischen umgesetzt und reflektiert. Denn es bedarf der japanischen Meister, um dem vermeintlich Unbedeutenden und Selbstverständlichen den Gehalt des Erstaunlichen zu verleihen. So wie es des Meisters der Sprache bedarf, um ein „das war genug“ als ein Gedicht von der Schlichtheit, als eine wahre Kunst des Einfachen erstehen zu lassen.

          Teekanne mit Khakifrüchten

          Wenn am Nachmittag die Phasen des Schweigens

          Länger werden als im Winter die Schatten,

          Kommt die Idee des Stillebens auf.

           

          Alles im Zimmer wird Bild, der Betrachter

          Verschwindet allmählich durch die offenen Türen.

          Das Licht streicht über Möbel und Böden, berührt

          Die Teekanne, auf dem Teller die Khakifrüchte,

          Macht die Konturen unverwischbar als Fixativ.

          Es schreibt ein Buch der überflüssigen Dinge.

           

          Die alten japanischen Meister malten

          In der Zeit des Nichts los nurmehr Unbelebtes,

          Tassen und Wandschirme. Das war genug.

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