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Veröffentlicht: 08.02.2013, 16:19 Uhr

Gedicht, Interpretation, Lesung „Prophezeiung“ von Alfred Lichtenstein

Die expressionistische Dichtung kennt viele Endzeitszenarien. Doch keines ist so dramatisch und so lustvoll grotesk wie Lichtensteins „Prophezeiung“, das vor genau hundert Jahren entstand.

von Joachim Sartorius

Der alte Gottfried Benn blickte 1955 auf die expressionistische Dichtung zurück und nannte den lyrischen Kreis, dem er selbst angehörte, „eine belastete Generation: verlacht, verhöhnt, politisch als entartet ausgestoßen - eine Generation jäh, blitzend, stürzend, von Unfällen und Krieg betroffen, auf kurzes Leben angelegt“.

Benn selbst war ein Überlebender, Alfred Lichtenstein ein Frühvollendeter. 1889 in Berlin geboren, studierte er, wie Georg Heym, Jura und veröffentlichte da und dort Gedichte, in Waldens „Der Sturm“ und in Pfemferts „Aktion“. Im Oktober 1913 trat er als Einjähriger in das Zweite Bayerische Infanterieregiment ein und zog mit ihm bei Kriegsbeginn ins Feld. Am 25.September 1914 fiel er, gerade fünfundzwanzig Jahre alt, in der Nähe von Reims an der Westfront, wie August Stramm, wie Ernst Stadler oder die Maler Franz Marc und August Macke einer der ersten Opfer des Krieges.

Wenn innerer Rausch, Ekstase und visionäre Entgrenzung Merkmale des Expressionismus sind, dann war Alfred Lichtenstein ein Prototyp dieser künstlerischen Bewegung. Das Gedicht „Prophezeiung“ (Gedichttext im Kasten unten), 1913 - also vor genau hundert Jahren - geschrieben, liest sich wie eine Vorahnung des Ersten Weltkrieges, wie eine furiose Zertrümmerung der Welt. Die expressionistische Dichtung kennt viele Endzeitszenarien, doch keines ist so dramatisch und so lustvoll grotesk wie Lichtensteins „Prophezeiung“.

© F.A.Z Frankfurter Anthologie zum Hören: Alfred Lichtensteins „Prophezeiung“

Die Ahnung von „Weltende“ (so der Titel des berühmten Gedichts von Jakob van Hoddis), von Weltzerschleuderung, mit sprachlicher Zerschleuderung im Gefolge, muss damals die Köpfe dieser Dichter besetzt und für Hochdruck gesorgt haben. Doch wer verdüstert uns den Himmelsklumpen so dramatisch wie Lichtenstein? Wer sonst hat einen derart bitter wilden Sinn für das Groteske? Nicht nur, dass „Mimen bersten“, auch „Schöne homosexuelle/Männer kullern aus den Betten“. Das Gedicht ist vier Strophen lang ein berserkerhafter Gang aufs Ganze, bis alles „ein ekles Ende“ nimmt. Nur das Krächzen der umstürzenden Omnibusse hallt nach, letztes Geräusch in einer apokalyptischen Landschaft.

In diesem Gedicht gibt es keine inhaltliche Beziehung zwischen den einzelnen Versen, sondern nur noch eine ausdruckshafte. Alfred Lichtenstein ergreift Worte, lädt sie auf und fügt sie zu knappen Bildern, denen er eine rational nicht mehr erklärbare Kraft der Suggestion verleiht. Die einfache Konstruktion des Gedichts - im Kreuzreim geschrieben mit einem durchgängigen vierhebigen Trochäus - verstärkt diese Kraft, versinnbildlicht den „Sterbesturm“, der durch die Welt fegt und sie aus den Angeln hebt. Und doch gibt es so etwas wie eine gegenläufige Bewegung, die das nahende Grauen gerade noch aushaltbar macht. Es sind die vielen Alliterationen und ein für die damalige Zeit kühner Reim wie ‚Ställe/-sexuelle‘, die wie ein Augenzwinkern des Dichters auf uns wirken. Die Lust an der Beschreibung des Untergangs und der Untergang selbst halten sich in diesem Gedicht gefährlich die Waage.

Man soll spaßeshalber weiterleben

Wahrscheinlich sind sich Alfred Lichtenstein und der Maler Ludwig Meidner in der Galerie von Herwarth Walden über den Weg gelaufen. Meidners verwüstete Landschaften, besonders das 1913 entstandene Gemälde „Brennende Stadt“ (im Jüdischen Museum in Frankfurt zu bewundern), sind exakte bildnerische Entsprechungen der Gedichte von Alfred Lichtenstein. Auch sie sind Katastrophenszenarien: brennende Häuser mit Kometen und Feuersäulen am Himmel, durchglühte Städte mit berstenden Mauern. Die Menschen fliehen in panischer Angst oder warten dumpf auf ihr Ende. In einer der Gestalten am unteren Bildrand können wir mit ein wenig Phantasie ein Ebenbild Alfred Lichtensteins erkennen, den von ihm geschaffenen Kuno Kohn.

Dieser Kuno Kohn sagt: „Der einzige Trost: traurig sein. Wenn die Traurigkeit in Verzweiflung ausartet, soll man grotesk werden. Man soll spaßeshalber weiterleben. Soll versuchen, in der Erkenntnis, dass das Dasein aus lauter brutalen, hundsgemeinen Scherzen besteht, Erhebung zu finden.“ Andere Gedichte von Alfred Lichtenstein mögen von dieser ‚Erhebung‘ berichten, das Gedicht „Prophezeiung“ tut es nicht. Das selbstironische böse Bonmot von Gottfried Benn - „Wer Strophen liebt, der liebt auch Katastrophen“ - geht an diesem Gedicht vorbei. „Prophezeiung“ lesend ahnen wir, wie sehr Untergang und Verderben schon 1913 hinter jeder Ecke lauerten, wie die europäischen Staatsmänner fast schlafwandlerisch auf den großen ‚Kladderadatsch‘ (so warnend August Bebel) zuglitten und wie groß Kriegserwartung und einhergehende Verzweiflung in Alfred Lichtenstein gewesen sein mussten.

Prophezeiung

Einmal kommt - ich habe Zeichen -
Sterbesturm aus fernem Norden.
Überall stinkt es nach Leichen.
Es beginnt das große Morden.

Finster wird der Himmelsklumpen.
Sturmtod hebt die Klauentatzen:
Nieder stürzen alle Lumpen.
Mimen bersten. Mädchen platzen.

Polternd fallen Pferdeställe.
Keine Fliege kann sich retten.
Schöne homosexuelle
Männer kullern aus den Betten.

Rissig werden Häuserwände.
Fische faulen in dem Flusse.
Alles nimmt sein ekles Ende.
Krächzend kippen Omnibusse.

Alfred Lichtenstein: „Dichtungen“. Herausgegeben von Klaus Kanzog und Hartmut Vollmer. Arche Verlag, Zürich 1989. 397 S., geb.,39 Euro.

Caroline Peters, 1971 in Mainz geboren, gehört zum Ensemble des Wiener Burgtheaters und zog als Hauptdarstellerin des ARD-Provinzkrimis „Mord mit Aussicht“ zuletzt über fünf Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. Für ihre Darstellung in dem Fernsehfilm „Arnies Welt“ erhielt sie den Grimme-Preis, 2012 wurde ihr der Wildgruber-Preis verliehen.

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Quelle: F.A.Z.

 

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