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Veröffentlicht: 06.09.2013, 16:17 Uhr

Gedicht, Interpretation, Lesung „Nürnberg 1935“ von Hans Magnus Enzensberger

Die mächtig wuchernde Diktatur und das Spiel des unschuldigen Kindes: Hans Magnus Enzensberger weckt mit seinem Gedicht „Nürnberg 1935“ die unheimlichen Kräfte der Lakonie.

von Sandra Kerschbaumer
© F.A.Z.

Ort und historischer Zeitpunkt - beide sind für das Verständnis dieses Gedichtes entscheidend: Nürnberg, der Herkunftsort des Dichters Hans Magnus Enzensberger, trägt im Jahr 1935 den Beinamen „Stadt der Reichsparteitage“. „Damals“, so beginnt das erinnernde Ich seine Rückschau, „warf im September die Sonne / sehr lange Schatten über die Wöhrder Wiese“ (Gedichttext unten).

Der September wird durch die ungewöhnliche Stellung im Satz betont, und die zeitliche Bestimmung verweist auf die Annahme der „Nürnberger Rassengesetze“ anlässlich des siebten Reichsparteitages der NSDAP. Das so genannte Gesetz „zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, das Reichsbürgergesetz und das Reichsflaggengesetz zementierten die antisemitische Ideologie der Nationalsozialisten.

Im frühherbstlichen Monat September wirft die Sonne des Gedichtes sehr lange Schatten. Irritierenderweise ist es die Sonne selbst, die sie wirft, von Schatten werfenden Gegenständen ist hier gar keine Rede. Das Licht wird also unmittelbar mit dem Dunkel verbunden, die Schatten erhalten eine metaphorische Qualität, der Leser bezieht sie auf die sich verfinsternde humane und politische Lage. Diese Schatten fallen auf die Wöhrder Wiese, ein von zwei Pegnitzarmen umschlossenes Nürnberger Naturgebiet, das den heutigen Einwohnern der Stadt zur Naherholung dient. Auf dieser Wiese steht ein Kind.

© F.A.Z., Frank Röth Thomas Huber liest „Nürnberg 1935“ von Hans Magnus Enzensberger

„Ich war sechs“. Deutlich wie selten bei Enzensberger spricht in der ersten Hälfte des Gedichtes ein Ich von sich selbst. Es verbindet zwei Zeiten und zwei Bewusstseinsebenen: das kindliche Ich des Jahres 1935 und das sprechende Ich der Gegenwart. Es schaut auf den Sechsjährigen zurück, der sich vor seinem riesigen Schemen fürchtet, ein im Spätsommer übliches Phänomen, dem auch durch ein Kinderspiel nicht beizukommen ist, dem Springen über den eigenen Schatten. Erwachsene kennen das als eine Redensart, mit der Enzensberger hier spielt. Dann war der Schatten auf einmal verschwunden.

Der Geruch dieser Kindheit

Zog eine Wolke vor die Sonne? Eher verweist das Gedicht auf eine Märchenerzählung Adelbert von Chamissos, jenen „Peter Schlehmil“, der dem Teufel gegen ein Säcklein nicht versiegenden Goldes seinen Schatten verkaufte. Als er ihn zurückverlangte, wollte der Teufel seine Seele. Dem Kind des Gedichtes ergeht es anders als Schlehmil, anders als Faust und all denen, die vom Teufel versucht wurden: „Die Seele wollte mir niemand abkaufen“. Das rhythmisch und syntaktisch hervorgehobene Personalpronomen dieses Verses sticht ins Auge. Den Sechsjährigen schützt sein Alter, er wird nicht in Versuchung geführt. Aber die Negation lässt an jene denken, die zu Bündnern der nationalsozialistischen Teufel wurden.

Die Szene auf der Wöhrder Wiese schließt mit einem unschuldigen kindlichen Sinneseindruck, dem Riechen von Laub und Heu. Nach Versen im Zeilenstil werden Satz und Zeit nun durch ein Enjambement auseinander gezogen: bis zum Herbst neununddreißig, dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Dieser Zeitraum wird vom resümierenden Sprecher des Gedichts mit drei Attributen versehen: mit Ahnungslosigkeit, mit Gottlosigkeit und Kälte. Ahnungslos ist der kraftlose personifizierte Frieden - ahnungslos wie das Kind, die kriegsungläubigen Deutschen, ahnungslos wie die Appeasementpolitik.

Damals stiegen keine Feuersäulen auf, wie jene, mit denen Gott die Israeliten auf ihrem Zug durch die Wüste zur Nachtzeit leitete. Es gibt in der Dunkelheit dieser Jahre keine Zeichen Gottes, nur das falsche Licht, die Lichtspiele, mit denen die Nationalsozialisten sich auf den Reichsparteitagen feierten. Auch an dieser Stelle des Gedichtes führt die Inversion, die von der Normalsprache abweichende Stellung der Satzglieder, zur Hervorhebung einzelner Worte. Die stark betonte Negation lässt den Leser das im Gedicht nicht Genannte mitdenken. Enzensberger ist nicht nur ein Meister der Lakonie, sondern auch der Aussparung. Die Leserphantasie ergänzt das Bild der fehlenden Feuersäulen erst durch die Lichtdome, dann durch die Bombennächte über der Stadt.

Am Schluss der Erinnerung steht die Kälte im Schatten der hohen Türme. Die Kälte und die das ganze Gedicht überlagernden Schatten machen die Kontamination jeder Erinnerung an eine Kindheit im Nationalsozialismus spürbar. In diesem erinnerten September, der die Juden dem Abgrund einen Schritt näher führte, umgeben die Schatten der Zeit das ohne Verdienst unschuldige Kind und lassen selbst seinen Schatten ambivalent, bedrohlich und mehrdeutig erscheinen: „Ich war sechs, doch mein Schemen/zog sich so riesig hin, dass ich erschrak“.

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Nürnberg 1935


Damals warf im September die Sonne

sehr lange Schatten über die Wöhrder Wiese.

Ich war sechs, doch mein Schemen

zog sich so riesig hin, daß ich erschrak.

Über ihn springen konnte ich nicht.

Dann war er auf einmal verschwunden.

Die Seele wollte mir niemand abkaufen.

Es roch nach Laub und nach Heu.

Bis zum Herbst neununddreißig

war es noch weit. Ahnungslos

schleppte der Frieden sich hin.

Keine Feuersäulen stiegen auf

über der Stadt. Es war kalt

im Schatten der hohen Türme.


Hans Magnus Enzensberger (Gedichte), Jan Peter Tripp (Bilder), Justine Landat (Inszenierung): „Blauwärts“. Ein Ausflug zu dritt. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 134 S., br., 32,- €.

Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

Quelle: F.A.Z.

 

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