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Gedicht, Interpretation, Lesung „Not“ von Annette von Droste-Hülshoff

Bigotte Menschen kennen keine echten Sorgen. Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht „Not“ ist eine treffende Anklage - mit autobiographischer Einfärbung.

© F.A.Z. Vergrößern

Sie hatte sich der Wahrheit und Offenheit verpflichtet. Direkt und rückhaltlos sprach sie ihre Ängste und Hoffnungen aus. Im Jahr 1820, als sie dieses Gedicht (Gedichttext im Kasten unten) schrieb, war Annette von Droste-Hülshoff noch nicht die Dichterin der Zeit- und der Heidebilder mit ihrer atmosphärisch-suggestiven Aura, der geistlichen Lyrik mit ihrer unbedingten Selbstreflexion. Doch bereits hier wird ihre poetische Leidenschaftlichkeit spürbar, und damit ragen diese vier Strophen, selbst wenn sie im Rahmen literarischer Konvention verbleiben, aus den übrigen Jugendgedichten heraus.

Ohne Selbstgerechtigkeit und ohne anzuklagen wird die Eingangsfrage an jene unbeirrbar Korrekten gerichtet, die nichts falsch machen, deren Leben aus der eigenen Sicht ohne Makel ist, untadelig, „tadellos“. Diese Philister sprechen in ihrem Stolz und in ihrer Ungläubigkeit nicht wirklich von „Angst und Not“, nein, sie reden nur viel davon, floskelhaft von etwas, das sie, in sicheren Verhältnissen, nicht wirklich empfinden. An anderer Stelle spricht Droste von der Angst, die „den Stolz zerbricht“, und von der seelischen „Not“.

Die „frommen Leute“ jedoch sind vermutlich nur bigott, werden nicht von Zweifeln geplagt. Daher sollen sie die falsche „Sorge“ nicht nur abschütteln, sie sollen sie - es scheint, als ob die Droste hier geradezu in Wut gerät - sogar totschlagen. Sie haben keine wirklichen Sorgen, und die Not, die soziale oder seelische Not, ist ihnen unbekannt. Das weinende Mitleid entspringt nicht der Empathie, sondern einem sentimentalen Gefühl. Die Träne des Mitleids ist nur wie ein Tropfen an der Hand dessen, der sich selbst betäubt. Der unvollständige Satz, der Anakoluth in der zweiten Strophe macht die Unechtheit der vorgetäuschten Empfindung offensichtlich - und ist gleichermaßen Ausdruck einer rhetorischen Haltung, wie sie im Vormärz viele Autoren zeigen.

© F.A.Z., AKG Vergrößern Thomas Huber liest „Not“ von Annette von Droste-Hülshoff

Die „dunkle Flut“, die keiner der Angesprochenen „meint“, füllt im Verborgenen die Seele an. Das romantische Bild, das sich von Brentano bis Lenau findet, wird psychologisch aufgeladen; in der Flut droht der wirklich Notleidende unterzugehen. Die „frommen Leute“, die in der dritten Strophe erneut angesprochen werden, geben nur vor, die Sorge zu kennen, in Wirklichkeit sind sie ahnungslos, was die Bürde der Existenz betrifft, denn auf den Grund der Flut haben sie nicht gesehen, sie haben die „Schuld“, die alle mit sich tragen, nicht wahrhaben wollen, weder die sozialen Bedingungen noch die metaphysische Dimension. „O Mensch! gedenk an deine Schuld“, und dagegen „Ich darf nicht die Gedanken regen / Auf unsre unermeßne Schuld“, heißt es andernorts bei der Droste.

Diejenigen freilich, die darum wissen, sind überhaupt erst berechtigt, von „Leben“ zu sprechen, sie geben ihm seinen Namen, gerade weil sie darüber hinausblicken, auf die grauenvoll-dämonischen Höhen über der scheinbar festgefügten Realität, auf den Ort des Schicksals. Wie ein Abwehrzauber schallt der Lobgesang hinauf. Der „Strahl“ der Sonne, die Leben spendet, umspielt die Blumen, lieblich, indes auch so, als ob Sonne, Himmel und Gott nur ein Spiel treiben. „Still“ bleiben die Menschen in ihrer kleinen Welt im „Tal“. „Droben“ warten die „Geier“, die Todesvögel, die Dämonen, die Handlanger des Schicksals auf ihren Auftritt.

Ein vordergründig pessimistisches Gedicht aus der Zeit, als die Droste eine zutiefst demütigende Erfahrung durchleben musste. Die Dreiundzwanzigjährige hatte sich in einen Göttinger Studenten verliebt. Dessen Freund suchte ebenfalls die Nähe der jungen Frau. Das stellte sich als Intrige heraus, mit der die beiden Männer Annettes Treue testen wollten, um ihr anschließend die Freundschaft aufzukündigen. „Ich sollte mit Gewalt recht schuldig werden“, schrieb sie später, und trotzdem gab sie sich selbst die Schuld an dem Freundschaftsbruch, sprach von „doppelsinnigen Antworten“, durch die sie beide gegen sich aufgebracht habe. Dieses von Biographen als Jugendkatastrophe bezeichnete Ereignis, das sie von ihren „hellen Unschuldsjahren“ getrennt hat, hat ihr weiteres Leben nachhaltig geprägt, sie in die Einsamkeit, Weltabgeschiedenheit geführt und ihre Sensibilität gesteigert.

In zeitlicher Nähe zu dem frühen Erlebnis entstand dieses Gedicht, das mit seinen Bildern und Begriffen und mit seinen dunklen Vokalen wie ein Kontrapunkt zu dem damals begonnenen Zyklus „Das Geistliche Jahr“ wirkt. In ihm brachte Annette von Droste-Hülshoff ihren Zweifel, ihre Verzweiflung, ihre Gewissensangst, das Gefühl der Sündhaftigkeit („O Gott! die Schuld ist doch gewißlich mein!“) und zugleich ihren Glauben und ein „verzagtes Flehen um Gnade“ in immer neuen Anläufen zum Ausdruck. Überzeugt war sie von ihrem dichterischen Auftrag, den sie der existentiellen Erschütterung und den gesellschaftlichen Zwängen entgegensetzte. Das schloss die Darstellung des Leidens wie des naturhaft Elementaren und des Dämonischen mit ein, das in ihrer Dichtung mehr und mehr Raum gewann. Das Abgründige hinter der Realität wurde ihr zentrales Thema; hier, in diesem Jugendgedicht, wird es umschrieben.

Not

Was redet ihr so viel von Angst und Not

In eurem tadellosen Treiben?

Ihr frommen Leute, schlagt die Sorge tot,

Sie will ja doch nicht bei euch bleiben!

 

Doch wo die Not, um die das Mitleid weint,

Nur wie der Tropfen an des Trinkers Hand,

Indes die dunkle Flut, die keiner meint,

Verborgen steht bis an der Seele Rand -

 

Ihr frommen Leute wollt die Sorge kennen

Und habt doch nie die Schuld gesehn!

Doch sie, sie dürfen schon das Leben nennen

Und seine grauenvollen Höhn.

 

Hinauf schallt’s wie Gesang und Loben,

Und um die Blumen spielt der Strahl,

Die Menschen wohnen still im Tal,

Die dunklen Geier horsten droben.

Annette von Droste-Hülshoff: „Sämtliche Werke in zwei Bänden“. Herausgegeben von Bodo Plachta und Winfried Woesler, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2007. 2011 S., geb., 49,90 €.

Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 22.08.2013, 14:48 Uhr