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Gedicht, Interpretation, Lesung „Meer- und Wandersagen“ von Gottfried Benn

Er reiste nie in die Südsee, dennoch beschwört Gottfried Benn mit seinem Gedicht „Meer- und Wandersagen“ die Vision eines fernen Inselreichs. Sie ist alles, nur keine Idylle.

Dies ist ein dunkles, schwer verständliches Gedicht (Gedichttext im Kasten unten), ein Wortgebilde, das eher raunend beschwört als belehrt oder erfreut, wie Horaz dies von der Dichtung verlangt hat. Eins aber ist sicher: Die Rätselhaftigkeit des Texts entspringt weder literarischem Unvermögen noch fehlgeleitetem Kunstwillen, sie ist vom Autor beabsichtigt, weil das, was er sagen möchte, sich nur so und nicht anders ausdrücken ließ - so hätte Gottfried Benn vermutlich argumentiert.

Das Gedicht gehört in die mittlere Phase seines Schaffens, als Benn die Bürgerschreck-Posen und Possen des Frühexpressionismus („Durch die Leere/klirrt eine zu Boden geworfene Schere“) überwand zugunsten einer kosmischen Vision, die vom Urknall der Materie Brücken zu schlagen versucht bis zur Neuen Sachlichkeit. Deren Markenzeichen waren Abgebrühtheit und kaltschnäuziger Zynismus, wie man ihm auch in Brechts Frühwerk begegnet. Dazu kamen neue wissenschaftliche Erkenntnisse, Plancks Quanten- und Einsteins Relativitätstheorie, sowie das von Freud formulierte „Unbehagen an der Kultur“, das auch Spenglers „Untergang des Abendlands“ zugrunde lag.

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© F.A.Z. Vergrößern Gottfried Benns „Meer- und Wandersagen“, gelesen von Thomas Huber

Doch der Kontext der zwanziger Jahre trägt wenig bei zur Entschlüsselung des Gedichts, das seltsam zeit- und ortlos wirkt - mit einer Ausnahme: Das zweimal auftauchende Wort Südseetraum gibt einen Fingerzeig auf die geographische Lokalisierung des Texts, die in der dritten Strophe deutlich hervortritt. Die Blanchebucht verweist auf den so genannten Bismarck-Archipel vor der Nordküste Neuguineas, die vor dem Ersten Weltkrieg Kaiser-Wilhelms-Land hieß, genauer gesagt auf die Gazelle-Halbinsel in Neu-Pommern, dem heutigen New Britain.

Gottfried Benn war nie in Neuguinea, anders als Emil Nolde, der hier wichtige Impulse für seine Malerei empfing. Nolde reiste in den Fußstapfen von Paul Gauguin, der mit seinen Tahiti-Bildern eine Neuauflage der Südsee-Mode kreiert hatte. Deren Ursprünge wiederum lassen sich zurückverfolgen von Stevenson und Melville bis zu Forster, Diderot, und weiter zu Defoes Robinson.

Dass Benn die Südsee nicht mit eigenen Augen gesehen hat, zeigt sich schon daran, dass es auf der Gazelle-Halbinsel zwar Baumkängurus gab, aber keine Gazellen: So wie die Blanche-Bucht nach einem britischen, wurde sie nach einem deutschen Kriegsschiff benannt, das den aus einem Vulkankrater entstandenen natürlichen Hafen vermaß. Viele Details aber sind stimmig, soweit man das von angelesenem Wissen sagen kann: Muschelgeld war in der Region weit verbreitet, und Betelnüsse, die das Zahnfleisch rot färben, waren und sind in Papua-Neuguinea als Wachmacher so beliebt wie Kaffee. Kein Geringerer als Bronislaw Malinowski, ein Gründungsvater der modernen Ethnologie, hat die Handels- und Verkehrswege erforscht, die lange vor Ankunft der Europäer die Südseeinseln miteinander verbanden und deren Besiedlung überhaupt erst ermöglichten - der Titel „Meer- und Wandersagen“ kann als Anspielung auf Malinowskis Buch „Argonauten im westlichen Pazifik“ gelesen werden.

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Dass das in der Blanche-Bucht gelegene Rabaul, einst die Hauptstadt von Kaiser-Wilhelms-Land, am 20. September 1994 im Ascheregen versank und heute wie Pompeji meterhoch unter Lava begraben liegt, konnte Benn nicht voraussehen. Doch eine andere Art von Apokalypse fand noch zu seinen Lebzeiten statt: Das Aussterben der Südsee-Insulaner, speziell der Ureinwohner Neuguineas, deren in Paris ausgestellte Masken und Skulpturen Picasso und Braque zu kubistischen Gemälden inspiriert hatten. Die Papua-Bevölkerung fiel von Weißen eingeschleppten Krankheiten, militärischen Strafexpeditionen sowie der Zwangsarbeit auf den Kopra-Plantagen zum Opfer, und die gleiche Zivilisation, die den Mythos der Südsee verbreitete, beklagte wortreich die Ausrottung ihrer zu Primitiven erklärten Bewohner.

Auch davon erzählt der vorliegende Text, dessen poetische Faszination wie stets bei Gottfried Benn auf seltsamen Wortgebilden beruht, die Originalschöpfungen des Autors oder aus einschlägigen Handbüchern übernommen sind: Atollenflor, Korallenohr, Maskenchor und weitere. Ähnlich wie bei den Merseburger Zaubersprüchen oder den Fragmenten der Vorsokratiker erwächst der ästhetische Reiz des Gedichts gerade aus seiner Sperrigkeit, nicht zu verwechseln mit Unverständlichkeit, die für sich genommen ja keine literarische Qualität darstellt - im Gegenteil. Den „Einschluss des Unverständlichen im Verständlichen“ - auf diese einfache Formel hat Kurt Drawert, selbst ein Lyriker, den komplexen Sachverhalt gebracht, der jeder Kunst und Poesie zugrunde liegt.

Meer- und Wandersagen

Meer- und Wandersagen -

unbewegter Raum,

keine Einzeldinge ragen

in den Südseetraum,

nur Korallenchöre,

nur Atollenflor,

„ich schweige, daß ich dich höre“,

somnambul im Ohr.

 

Zeit und Raum sind Flüche

über Land gebaut,

ob es Rosenbrüche,

ob es Schleierkraut,

irdische Gestaltung

tragisch Sukzession,

komm, oh Glückentfaltung,

sammelnde Vision.

 

Mit Kanu im Porte,

Muschelgeld im Haus,

sind erschöpft die Worte,

ist die Handlung aus,

Jagd noch auf Gazelle,

Bethel noch gesucht,

ewig schlägt die Welle

in die Blanchebucht.

 

Göttern Maskenchöre,

da ein Gott tritt vor:

„ich schweige, daß ich dich höre“

im Korallenohr,

irdische Gestaltung

tragisch Sukzession,

ach, schon schließt die Spaltung

stürmische Vision.

 

Meer- und Wandersagen

kennen nur einen Raum

von den Schöpfungstagen

in den Südseetraum,

wenn die Stürme schlingen

Speere und Kanu,

wie sie sterbend singen -:

„ach, ich höre dich - du.“

Gottfried Benn: „Gedichte“. In der Fassung der Erstdrucke. Mit einer Einführung herausgegeben von Bruno Hillebrand. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2006. 687 S., br., 12,- €.

und

Gottfried Benn: „Sämtliche Gedichte“. Klett-Cotta, Stuttgart 2006. 543 S., geb., 19,95 €.

Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 30.03.2013, 11:05 Uhr