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Veröffentlicht: 24.05.2013, 17:00 Uhr

Gedicht, Interpretation, Lesung „Lied und Gebilde“ von Johann Wolfgang von Goethe

Goethe war der Orient näher als den meisten Zeitgenossen. Zu den Gedichten seines „West-östlichen Divan“ inspirierten ihn die Liebe zu einer jungen Frau und die Grenzenlosigkeit der persischen Dichtung.

von Joachim Sartorius
© F.A.Z.

Die leichte und schwebende Kunst des späten Goethe ist vom spielerischen Einbezug fremder Literaturen geprägt. Wir wissen es: Goethe war Kosmopolit durch und durch, vielgereist und höchst erprobt im Umgang mit Andersartigem. Und doch beglückt uns immer wieder von neuem jene spielerische Ästhetik, die das Fremde als Teil der eigenen Zuneigung versteht. Der herrlichste Beleg hierfür ist sicherlich sein „West-östlicher Divan“. Das Gedicht „Lied und Gebilde“ (Gedichttext im Kasten unten) steht im Abschnitt, der den Divan eröffnet, in: „Moganni Nameh - Buch des Sängers“. Ohne Zweifel ist dieser Sänger Goethe selbst, und die Gedichte seines Buches thematisieren die Zugangsweise des Dichters zur Welt des Orients, seinen Enthusiasmus und seine vielen Bezüge.

Stark vereinfachend kann man sagen, dass die Entstehung des „West-östlichen Divan“ sich zwei mächtigen Impulsen verdankt, der Entdeckung des persischen Dichters Hafis in der 1814 erschienenen Übersetzung von Joseph von Hammer und der späten Liebeserfahrung mit Marianne, der jungen, lebenssprühenden Frau des Bankiers von Willemer im Sommer 1815. Spuren dieser beiden Leuchtfeuer finden sich auch in „Lied und Gebilde“: „Der Seele Brand“, das ist die unerfüllte, getarnte, mit Rücksicht auf den Hof und seine Ehefrau Christiane von Goethe schon bald wieder abgebrochene Liebe zu der jungen Frau, und das „flüßge Element“, das ist die Dichtung des Orients, eine Dichtung ohne Begrenzung, fließend, von offener Form.

© F.A.Z. Thomas Huber liest „Lied und Gebilde“ von Johann Wolfgang von Goethe

Das Gedicht mag aus seelischen Qualen entstehen, aber es gestaltet diese Qualen, „löscht“ sie und überwindet sie. Die Entstehung des „Divan“ war eingebettet in Goethes literarischen Aufbruch in den „reinen Osten“, in die - wie er einmal sagte - „Urheimat des Menschen“. Hafis wurde hierbei zum Kristallisationspunkt für die eigenen poetologischen Reflexionen, doch befasste sich Goethe auf breiter Basis mit den Kulturen des Vorderen Orients. Er las alle damals erschienenen Reiseberichte über den Nahen Osten, Persien und Zentralasien. Wir kennen seine ernsthaften Versuche, die Kalligraphie zu erlernen. So ansteckend muss seine Begeisterung gewesen sein, dass Marianne von Willemer ihm Pantoffeln schenkte, in die sie in arabischer Schrift „Suleika“ einsticken ließ. Goethe wusste, dass die Dichtung, so wie er sie verstand und wie wir sie noch heute verstehen, an den Ufern von Euphrat und Tigris ihren Anfang genommen hatte.

Die Unruhe mit einem Liede löschen

Der französische Schriftsteller Maurice Blanchot berichtet, dass die alten Sumerer Zeichen ihrer Träume in Tonklumpen ritzten und diese dann in den Strom warfen. Der Tonklumpen, so Blanchot, habe das Buch, das Gedicht vorweggenommen, das Wasser das Publikum. Goethe identifiziert sich mit dieser uralten Tradition. Er bezieht sich ausdrücklich auf das Zweistromland, nennt in seinem Gedicht den Euphrat. Mit „uns“ meint er die Dichter des Orients und reiht sich unter sie ein. Ihnen wird „der Grieche“ gegenüber gestellt. Aber indem Goethe die plastische Kunst der Antike nicht wie sonst üblich an der Bearbeitung von Marmor veranschaulicht, sondern am Formen und Kneten feuchten Tons, erscheint der Gegensatz zum „flüßgen Element“ des Orients nicht so groß, als dass wir Goethe einer „gegenklassischen“ Wende verdächtigen könnten. Vielmehr will Goethe, in seiner Grundhaltung eher selbst ein Grieche, entsprechend der Vision, die der „Divan“ insgesamt verkündet, der Vision einer Welt nämlich, in der Orient und Okzident untrennbar miteinander verbunden sind, auch zwischen den Bildhauern der griechischen Klassik und den persischen Dichtern des Mittelalters Nähe stiften.

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Der Grieche ist von dem von ihm geschaffenen Werk entzückt, wahrscheinlich in Anlehnung an Ovids Erzählung von Pygmalion, der sich in eine von ihm aus Elfenbein geschnitzte Statue verliebte, oder an den Mythos von Prometheus, der Menschen aus Lehm bildete, denen Athene dann Leben einhauchte. Diesem „Entzücken“ stellt er die Wonne der Dichter des Orients gegenüber, die in den Euphrat greifen und ihre Unruhe mit einem Liede löschen.

Die letzten Zeilen des Gedichts berichten von einem Wunder: Das Wasser ballt sich zum Lied, zur vollkommenen „runden“ Gestalt „in des Dichters reiner Hand“. Hendrik Birus hat auf die Ähnlichkeit der Formulierung in einem Text von Jacob Grimm hingewiesen. Im Vorwort zu Hartman von Aues „Armem Heinrich“ von 1815 schreibt Grimm, dass „außer in der Volkspoesie es nur den größten Dichtern aller Zeiten gegeben sei, mit ihren reinen Händen (...) das Wasser zu Kugeln zu ballen, welches andere, um es zu tragen, in irdische Gefäße schütten müssen.“ Alles in diesem Gedicht ist in Bewegung, in einem schönen Hin und Her, bis es sich gleichsam zu geballtem Wasser fügt. Doch das eigentliche Wunder ist die genialische Leichtigkeit, die dieses mit großen Themen beschwerte Gedicht verströmt.

Lied und Gebilde

Mag der Grieche seinen Ton

Zu Gestalten drücken,

An der eignen Hände Sohn

Steigern sein Entzücken;

 

Aber uns ist wonnereich

In den Euphrat greifen,

Und im flüßgen Element

Hin und wider schweifen.

 

Löscht ich so der Seele Brand

Lied es wird erschallen;

Schöpft des Dichters reine Hand

Wasser wird sich ballen.

Johann Wolfgang vonGoethe: „Gedichte in zeitlicher Folge“. Herausgegeben von Heinz Nicolai. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1982. 1256 S., geb., 20,- €.

Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

Quelle: F.A.Z.

 

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