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Sachbücher des Jahres

Gedicht, Interpretation, Lesung „Lieb und Leid im leichten Leben“ von Clemens Brentano

Clemens Brentano schrieb Verse, wie ein Komponist Noten setzt. Doch ohne konkrete Bedeutung sind seine Worte nicht. Dieses Gedicht birgt das Gefühl einer Generation.

Wenn Hegel in seiner Ästhetik über „die Form des lyrischen Kunstwerks“ spricht, dann interessiert er sich auch für eine Poesie, die keine konkrete äußere Situation entwirft, sondern nur dem „Ausdruck rein innerlicher Stimmungen, Reflexionen“ dient. Da geht es um ein „Singen und Trällern rein um des Singens willen“, dem „die Worte mehr oder weniger bloße gleichgültige Vehikel für die Äußerungen der Heiterkeiten und Schmerzen“ sind. In solchen Gedichten tritt die Bedeutungsdimension der Sprache zurück, aber dafür wird, wie es Hegel ausdrückt, „als Ersatz nun auch sogleich die Hilfe der Musik herbeigerufen“. Er nennt Lieder als Beispiele, in denen es oft „nur irgendein einzelner momentaner Scherz, der Ton einer flüchtigen Stimmung“ ist, den der Dichter aufgreift um „einen Augenblick zu pfeifen“.

Clemens Brentano hat viele Gedichte dieses Typs geschrieben. Sollte man den Inhalt von „Lieb und Leid im leichten Leben“ zusammenfassen (Gedichttext im Kasten unten), hätte man Schwierigkeiten. Denn hier handelt es sich um Sprachmusik. Sie entsteht durch die Häufung des Reims, der nicht nur als Endreim, sondern auch als Binnenreim, als Reim innerhalb des Verses, auftritt. Weiterhin werden Konsonanten am Wortanfang wiederholt; der erste Vers gerät dabei fast in ein Lallen. Ebenso finden sich Vokalwiederholungen: Im ersten Vers ist es das „ei“, in den folgenden Versen dominieren „a“, „e“ und „i“. Wird ein Gedicht klanglich so stark aufgeladen, dann wird der Sinn geschwächt. Er gerät mit der Bewegung der Töne ins Gleiten, ist nicht festzuhalten, verflüssigt sich.

© F.A.Z. Vergrößern Clemens Brentanos „Lieb und Leid im leichten Leben“, gelesen von Thomas Huber

Aber natürlich drückt dieses Gedicht etwas aus. Jene Formulierung Hegels, nach der die Worte Hilfsmittel „für die Äußerungen der Heiterkeiten und Schmerzen“ sind, trifft es ganz genau, denn das Ich dieses Gedichts ist gleichzeitig „trüb und froh“. Brentano führt die Gegensätze zusammen, und das wiederum besonders wirkungsvoll, weil er sie aufeinander reimt: „sich erheben“ - „abwärts schweben“, „blicket milder“ - „blicket wilder“, „zu entbehren“ - „zu begehren“. Der Austausch eines Buchstabens genügt, und dann ist der Blick nicht mehr mild, sondern wild, und so liegt auch im Leben alles eng beieinander, verrutschen die Gefühle, gibt es keine innere und äußere Stabilität.

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Derjenige, der hier spricht, bewegt sich beständig und ziellos. Es geht auf und ab, da ist ein großes Verlangen, aber kein Besitz, man weiß nicht, „wie und wo“ man sich befindet, und das Ergebnis aller Beschreibungsversuche lautet „nur so, so!“. Dieses Gedichtende ist nicht nur rhythmisch unregelmäßig, sondern verweigert auch ein Fazit oder eine Formelbildung. Das Leben ist zu widerspruchsvoll, lässt sich nicht in geordnete Gedanken und feste Zeichen fassen. Eher entspricht es der Bewegung des Wassers, und es gelingt, indem man es „klingen“ und „singen“ lässt.

Brentano hat dieses Gedicht aus dem Jahr 1802 an seine Schwester Bettina und an seine Freunde Achim von Arnim und Friedrich Carl von Savigny geschickt. Er formulierte das Gefühl der Jugend, die nichts versäumen will, aber diese Generation der im späten achtzehnten Jahrhundert Geborenen hat auch einen benennbaren historischen Standpunkt. Sie hat den Verfall der großen Aussagen über Natur und Geschichte erlebt, politische Umbrüche erfahren, damit einhergehend die Verunsicherung des ständischen Bewusstseins. Sie kennt den Zweifel an einer verständigen Weltursache, sie weiß, dass es die Subjekte sind, die ihre Welt hervorbringen. Aus diesen Verunsicherungen geht das Gefühl des Gleitens und Fließens hervor, auf das Brentano spezialisiert ist.

Lieb und Leid im leichten Leben

Lieb und Leid im leichten Leben

Sich erheben, abwärts schweben,

Alles will das Herz umfangen,

Nur Verlangen, nie erlangen,

 

In dem Spiegel all ihr Bilder,

Blicket milder, blicket wilder,

Kann doch Jugend nichts versäumen

Fort zu träumen, fort zu schäumen.

 

Frühling soll mit süßen Blicken

Mich entzücken und berücken,

Sommer mich mit Frucht, und Mirten,

Reich bewirten, froh umgürten.

 

Herbst du sollst mich Haushalt lehren,

Zu entbehren, zu begehren,

Und du Winter lehr mich sterben,

Mich verderben, Frühling erben,

 

Wasser fallen um zu springen,

Um zu klingen, um zu singen,

Schweig ich stille, wie und wo?

Trüb und froh, nur so, so!

Clemens Brentano: „Gedichte.“ Hg. von Hartwig Schultz. Verlag Reclam, Stuttgart 1995. 253 S., br., 5,60 €.

Thomas Huber, 1963 in München geboren, gehört zum Ensemble des Schauspiel Frankfurt und ist aus vielen Film- und Fernsehrollen („Der Schattenmann“, „Frau Böhm sagt Nein“, „Elementarteilchen“) bekannt. Daneben arbeitet er als Übersetzer.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 22.03.2013, 10:57 Uhr