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Gedicht, Interpretation, Lesung „Kilchberg“ von Heinrich Detering

Der Name Thomas Manns fällt nicht, dennoch trifft dieses Gedicht den Kern des Schriftstellers und das Herz seiner Leser. Eine Interpretation von Heinrich Deterings „Kilchberg“ - mit Lesung.

Fehlte die Überschrift, könnte Heinrich Deterings Gedicht „Kilchberg“ (abgedruckt im Kasten unten) ein bitteres Selbstporträt sein. Aber die viermal erscheinende zweite Person Singular, in der das ungenannte Ich der Strophen sich spiegelt, meint den, der in Kilchberg bei Zürich für eineinviertel Jahre seine letzte Adresse hatte und seit August 1955 auf dem dortigen Friedhof begraben liegt: Thomas Mann. Wir haben es mit einem Rollengedicht zu tun.

Sein Verfasser Heinrich Detering gehört seit langem in die erste Riege der Thomas-Mann-Interpreten. Eben erst hat er ein Buch über „Thomas Manns amerikanische Religion“ veröffentlicht. Ist sein Gedicht eine lyrische Fußnote neben zahllosen wissenschaftlichen Anmerkungen? Keineswegs. Vielmehr wirft es ein gebündeltes Licht auf den tiefen Unterschied zwischen Philologie und Dichtung. Der Wissenschaftler, Essayist, Biograph steht der Person seiner Darstellung, mag er sie noch so verehren, ja lieben, als einem Objekt gegenüber, er kann sich ihr sehr weitgehend annähern, doch ein Rest von Distanz bleibt. Seine Sympathie muss vor der Identifizierung haltmachen. Der Dichter darf, was ihm verwehrt ist. Er fällt dem Interpreten in den Rücken, nimmt handstreichartig vom Inneren des sonst nur monographisch Umkreisten Besitz, spricht ihm aus dem (in diesem Fall tiefhängenden) Herzen, spricht mit seiner Stimme.

Caroline Peters liest Heinrich Deterings Gedicht „Kilchberg“ Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© Jürgen Bauer, Helmut Fricke, F.A.Z. Vergrößern Frankfurter Anthologie: Heinrich Deterings „Kilchberg“

Wir hören einem Selbstgespräch des alten, weltberühmten Schriftstellers zu, einer aufs höchste verdichteten Schlussbilanz eines Lebens und Schreibens, die dieser auf Hunderte seiner späten Tagebuchaufzeichnungen ausgebreitet und etwas weniger direkt, aber leicht entschlüsselbar in seinen letzten literarischen Arbeiten geäußert hat. Die Quintessenz dieser Eingeständnisse ist die Angst, nicht zu genügen. Diese letzte Angst ist auch die erste, die längste: Man denke an die 1905 entstandene Schiller-Studie „Schwere Stunde“, dieses Hohelied auf die Ungenügsamkeit: „Und den Größten, den Ungenügsamsten ist ihr Talent die schärfste Geißel...“

Aber Deterings Gedicht spricht nicht nur von der rücksichtslosen Hingabe des Künstlers an ein Werk, das hinter dem Vollkommenheitsanspruch seines Schöpfers zurückbleibt. In der Urangst, die als vielköpfiges Ungeheuer in täglich anderen Ängsten und Phobien, zum Beispiel der in der letzten Strophe erwähnten Agoraphobie, zum Vorschein kommt, steckt ein zentrales religiöses Element. Es ist das Gefühl einer mit dem Dasein und Selbstsein gegebenen Schuld, die der begnadete Erzähler nur durch unablässige Kreativität und nie restlos tilgen kann. Das Entsetzen kehrt jede Nacht wieder und führt am nächsten Morgen unvermeidlich an den Schreibtisch.

Im ein Jahr vor dem Tod entstandenen „Versuch über Tschechow“ übernimmt Thomas Mann einen Satz aus der „Tragischen Literaturgeschichte“ seines erbitterten Gegners Walter Muschg: „Er ergötzt eine verlorene Welt, ohne ihr die Spur einer rettenden Wahrheit in die Hand zu geben.“ Im Gedicht taucht dieser Vorwurf der Lüge als Angstinhalt auf. Auch heute, heißt es im Essay weiter, habe Tschechow „Brüder im Leide, denen nicht wohl ist bei ihrem Ruhm, die den Sinn ihrer Arbeit nicht zu nennen vermögen - und die dennoch arbeiten, arbeiten bis ans Ende“. Das liest sich wie eine Paraphrase zur letzten Zeile des Gedichts.

Als ich einundzwanzigjährig auf diese Worte stieß, 1956 in dem Band „Nachlese“, brach für mich ein ganzer Zauberberg zusammen. An die Stelle grenzenloser Bewunderung trat ein lebensbestimmendes Gefühl der Sympathie. Aus Deterings Gedicht spricht sie uns an.

Heinrich Detering: Kilchberg

täglich andere Ängste

und immer dieselbe Angst

die erste die letzte die längste

dass du nicht langst

 

dass du nie genug bist

dass du nie genügst

dass deine Sicherheit Lug ist

dass du lügst

 

Angst vor offenen Plätzen

Gier nach dem eigenen Platz

nachts das alte Entsetzen

morgens der nächste Satz

Heinrich Detering: „Old Glory“. Gedichte. Wallstein Verlag, Göttingen 2012. 74 S., geb., 16,90 €.

Caroline Peters, 1971 in Mainz geboren, gehört zum Ensemble des Wiener Burgtheaters und zog als Hauptdarstellerin des ARD-Provinzkrimis „Mord mit Aussicht“ zuletzt über fünf Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. Für ihre Darstellung in dem Fernsehfilm „Arnies Welt“ erhielt sie den Grimme-Preis, 2012 wurde ihr der Wildgruber-Preis verliehen.

www.faz.net/rezitation

 

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.01.2013, 18:33 Uhr