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Gedicht, Interpretation, Lesung : „Im Bamberger Dom“ von Ludwig Steinherr

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Warum trägt die steinerne Figur namens Synagoge im Bamberger Dom eine Augenbinde? Ludwig Steinherr schiebt dem ideologisch besetzten Thema ein Liebesgedicht unter.

          Ein Bamberg-Besucher hat sich in das reizende „steinerne Mädchen“ im Dom verguckt. Er ist ganz entzückt von ihren „sanften Locken“ und von ihrem Körper, den ihr Kleid, wie vom Regen nass, mehr enthüllt als verbirgt. Ihr Name ist Synagoge. Sie trägt eine Augenbinde, „weil sie blind sein soll für die Wahrheit“ (Gedichttext im Kasten unten).

          Das ist auf irritierende Weise doppeldeutig formuliert: Trägt sie die Augenbinde um der Wahrheit willen, also im Interesse ihrer eigenen Wahrheit, die sie vorurteilslos erkennen und vertreten soll, ähnlich wie das die Justitia tut? Oder hat man ihr die Augenbinde verpasst, um an ihrem Beispiel zu demonstrieren, dass sie blind ist für diejenige Wahrheit, die im christlichen Gotteshaus verkündet wird?

          Beides, die ihr zugestandene unvoreingenommene Erkenntnis und die ihr entgegengebrachte Ignoranz einer allein seligmachenden Lehre, kann mit der Forderung, sie solle blind sein „für die Wahrheit“, gemeint sein. Und beides gilt auch für ihren Betrachter, der - Liebe macht blind- nur für die Synagoge Augen zu haben scheint, nicht aber für die Ecclesia, die nicht nur im Bamberger Dom, sondern beispielsweise auch in den Portalen der Kathedrale zu Reims und des Straßburger Münsters der Synagoge als Gegenfigur beigesellt wurde.

          Erst in der Kombination, in der Gegenüberstellung beider Figuren, die ursprünglich nicht „im“ Bamberger Dom zu sehen waren, sondern das Fürstenportal flankierten, wo sie heute als Repliken zu sehen sind, erweist sich ihr programmatischer Sinn: Die stolze Dame Ecclesia, Sinnbild der christlichen Kirche, hat die Synagoge besiegt, die für den jüdischen „Alten Bund“ steht. Die alten mosaischen Gesetzestafeln fallen der Synagoge aus der Hand, ihre kämpferische Lanze (oder ihr Banner?) ist zerbrochen. Sie hat - so soll man das deuten - ein für alle Mal ausgedient. Denn aus der Sicht des Christentums ist sie die Verkörperung der überwundenen Lehre, ja der Unwahrheit. Die Synagoge ist ein Produkt des christlichen Antijudaismus, zu dessen entsetzlicher Folgegeschichte die Pogrome und die antisemitischen Exzesse gehören.

          Davon dürfte eigentlich auch ein Gedicht über die Figur der liebreizenden Synagoge nicht absehen, wie sich der Besucher des Bamberger Doms eingesteht. Er kennt diese Geschichte genau und bringt sie auch ausdrücklich in Erinnerung: „Dies müßte ein Gedicht werden/über Pogrome und Feueröfen -“. Dennoch, zu seinem eigenen Bedauern, drängt sich ihm eine auf den ersten Blick weitaus trivialere Erfahrung auf: Die Begegnung mit einer „Hellseherin“. Auch sie hat, wie die Synagoge, verbundene Augen und sie kann dennoch präzise „wahr“ sagen, welche Gegenstände ihren Zuschauern aus den Taschen gezogen werden. Aber diese „Wahrheit“ ist kein Glaubensbekenntnis aus jüdischem und keine Herabsetzung aus christlichem Geist, sondern bloß ein Trick, wie immer er zu erklären sein mag. Was dieser Trick („mit Lichtfingern“) zutage fördert, ist verblüffend in seiner Detailgenauigkeit.

          Alle Habseligkeiten des Bamberg-Besuchers aus München werden ans Licht gezogen, von der Fahrkarte, dem Schreibwerkzeug und dem Kleingeld bis hin zu einem begonnenen Liebesgedicht, das die Hellseherin sogar rezitziert. „Silbe für Silbe“ liest sie es vor, „als wäre es /für sie geschrieben“. Sie macht es sich zu eigen, aber es gilt nicht ihr. Nicht für sie wurde das Liebesgedicht geschrieben. Die Hellseherin erweckt nur den Anschein, als ob es so wäre. So zu tun, als ob-das ist gewissermaßen ihre Profession, ihr Geschäft.

          In Wirklichkeit verhält es sich anders, und gleichsam unter der Hand verweist sie „mit ihrer verhangenen Regenstimme“ auf den wahren Adressaten des begonnenen Liebesgedichts. Es ist die Synagoge, deren Kleid „wie nach einem Platzregen“ auf ihrer Haut klebt. Ihr gilt das noch unvollständige, fragmentarische Liebesgedicht, das vom Zettel aus der Tasche des Bamberg-Besuchers abgelesen wird; fertig „geschrieben“, vollendet ist dieses Liebesgedicht genau in dem Augenblick, in dem der Leser die falsche Inanspruchnahme des Liebesgedichts durch die Hellseherin („als wäre es/für sie geschrieben“) bemerkt und die wahre Adressatin erkennt, also am Ende des Gedichts „Im Bamberger Dom“.

          Das Liebesgedicht für die Synagoge ist hellsichtiger als die Hellseherin. Es überwindet die billigen Tricks und die falschen Aneignungen, die Ideologien und die langlebigen und verheerenden antisemitischen Irrlehren, die der Synagoge über Jahrhunderte hinweg angetan wurden. Geweckt wird die Liebe zur Synagoge durch die Betrachtungen der großen mittelalterlichen Kunst, und es ist das vollendete Liebesgedicht, „für sie geschrieben“, das uns die Synagoge neu sehen lässt.

          Im Bamberger Dom

          Das steinerne Mädchen

          mit den sanften Locken

          und dem Kleid das auf der Haut klebt

          wie nach einem Platzregen

          ist die Synagoge -

           

          Eine Augenbinde trägt sie

          weil sie blind sein soll für die Wahrheit -

           

          Dies müßte ein Gedicht werden

          über Pogrome und Feueröfen -

           

          Aber leider kann ich nur

          an die verstaubte Varieténummer denken

          bei der die Hellseherin auf der Bühne

          mit verbundenen Augen

          alles errät was dieser Sommermorgen

          als ihr Assistent mit Lichtfingern

          aus meinen Taschen zieht -

           

          eine Rückfahrkarte nach München

          einen Caran d’Ache Druckbleistift

          7 Euro 38 in kleinen Münzen

          und ein begonnenes Liebesgedicht

           

          das sie mit ihrer verhangenen Regenstimme

          halblaut vorliest Silbe für Silbe

          als wäre es

          für sie geschrieben

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