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Gedicht, Interpretation, Lesung : „Die Wimpern“ von Jürgen Nendza

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Bild: F.A.Z.

Jürgen Nendzas Gedicht „Die Wimpern“ beobachtet zwei Erwachende in der Undeutlichkeit des morgendlichen Lichts. So könnte jeder gute Tag beginnen.

          Der Gedichtband, aus dem dieser Text (Gedichttext im Kasten unten) stammt, trägt den Titel „Apfel und Amsel“. Diese Alliteration verweist als Teil eines Ganzen exemplarisch auf die Gesamtheit von Pflanzen und Tieren, auf die Natur. Der gemeinsame Anfangsbuchstabe A deutet als erster Buchstabe im Alphabet auf einen Anfang, auf das Ursprüngliche hin. Doch Nendzas Lyrik kann keineswegs einfach als Naturlyrik bezeichnet werden. Seine Gedichte enthalten zugleich menschliche Wahrnehmungen, Empfindungen und Erinnerungen, die geschickt in das natürliche Interieur eingewoben werden. Im vorliegenden Gedicht, in welchem dem Buchtitel entsprechend Äpfel und eine Amsel auftauchen, stehen die feinsinnigen Beobachtungen und Reflexionen eines erwachenden Menschen sogar im Vordergrund.

          Das Gedicht ist durchaus typisch für die Lyrik von Jürgen Nendza. Der Titel ergibt sich aus den ersten beiden Wörtern, die in Kapitälchen geschrieben sind. Der Text ist in sechs zweizeilige Strophen aufgeteilt. Er besteht aus vollständigen Sätzen. Um diese nicht prosaisch klingen zu lassen, arbeitet Nendza mit wirkungsvollen Zeilensprüngen, auch zwischen zwei Strophen. Als lyrische Form verwendet er den Freien Vers. Assonanzen, wie in der fünften Strophe mit dem Vokal i, verstärken gekonnt seine lyrische Textkonstruktion. Poetische Kraft gewinnt das Gedicht durch ungewöhnliche Formulierungen wie in der ersten Strophe. Der Blick ist noch verschwommen, er „treibt unter dünnem Eis“. Das Tageslicht wird personifiziert, es „hockt“ - leicht bedrohlich - über den Erwachenden. Diese Passage lässt den Leser innehalten, nachdenken und sich einfühlen.

          Jürgen Nendza wurde 1957 in Essen geboren, lebt seit vielen Jahren in Aachen und hat bereits eine ganze Reihe von Gedichtbänden veröffentlicht. Seine Lyrik besticht durch reflektierte Impressionen, die zu eigenen Assoziationen anregen. Es entstehen Texte, die wie der vorliegende durch eine Überblendung der Bedeutungsebenen überzeugen. „Was sich in der poetischen Textbewegung des Schreibens zeigt, ist für mich ein unvorhersehbares Zusammenspiel von Konstruktion und Überraschung, Kalkül und Entdeckung, Handwerk und Rätsel.“, verrät Jürgen Nendza an anderer Stelle über sein eigenes Schreiben. Seine Gedichte kommen leise und fragil daher: „Ich gestehe meine Vorliebe für das Unscheinbare, Unspektakuläre, vermeintlich Unvertraute und Periphere.“

          Das gilt auch für dieses Gedicht. Wer kennt nicht den Moment des Aufwachens, das erste Öffnen der Augen, in denen noch der Schlaf klebt und die Wimpern deshalb „knistern“? Man muss sich erst orientieren, öffnet vielleicht ein Fenster zum Garten. Hier ist das Fenster ein „großer Garten, das Stille öffnet“: Geräusche dringen nach dem Öffnen herein. Der Schlaf lässt sich nicht einfach abschütteln, er „glüht nach“. Die originelle lyrische Formulierung „eingefärbt mit Äpfeln“ beschreibt offenbar die rötlichen Wangen, die umgangssprachlich ja auch Apfelbäckchen genannt werden, eines Aufwachenden. Dazu passen auch das Nachglühen und die Wärme. Das Aufstehen ist häufig ein zu schnelles Aufstehen, das leichten Schwindel verursacht: die Erde dreht sich um einen herum. Man spricht den ersten Satz und draußen hüpft eine Amsel. Bei Nendza wird daraus Poesie: „Der Morgen dreht sich mit der Erde (...)“

          Das wahrgenommene Licht macht deutlich, dass wir wach sind. Luft und Licht spielen eine große Rolle in Nendzas Lyrik, tauchen Grundelementen gleich immer wieder auf. Schnell assoziiert man in diesem Text auch den Topos Luft und Liebe, denn der Text beschreibt nicht das Aufwachen eines lyrischen Ich, sondern eines Wir. Es liegt nahe, dass es sich um das Erwachen nach einer Liebesnacht handelt. Die Ankerbegriffe Vertrauen, Wiederholung, Atemzüge und Tasten unterstützen diese Lesart.

          Das Gedicht „Die Wimpern“ ist ein filigran gebautes, modernes Tagelied. Diese Gattung thematisiert in den mittelalterlichen Minneliedern den Abschied zweier Liebenden bei Tagesanbruch. Im Unterschied dazu trennen sich die Liebenden hier nicht beim Ruf der Amsel - bei Romeo und Julia war es bekanntlich die Lerche und nicht die Nachtigall -, sondern gehen den Tag gemeinsam und zuversichtlich an.

          Die Wimpern

          DIE WIMPERN knistern, dein Blick treibt unter

          dünnem Eis: Das Tageslicht hockt über uns.

           

          Wir stehen auf und niemand weiß, welches Gesicht

          mit ihm erwacht. Das Fenster ist ein großer Garten,

           

          das Stille öffnet in der Luft und Schlaf

          glüht nach, ist warm, ist eingefärbt mit Äpfeln.

           

          Der Morgen dreht sich mit der Erde und eine Amsel

          hüpft durch deinen ersten Satz: So wächst Vertrauen

           

          in die Wiederholung, die dich vergisst. Das Licht

          bedeutet wir sind wach. Wir stehen auf: Die Zeit ist

           

          unerreichbar zwischen Atemzügen. Und dieses Tasten

          nach der Hand, wenn die Sätze sich verlaufen.

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